07.08.2007 · Schwimmen, malen, beten: Die Hamas führt ausländischen Journalisten ihren Erfolg als Ordnungskraft im Gazastreifen gerne am Strand vor. Der neue Werbeslogan der Islamisten lautet „Sicher, Sauber und Grün“. Von Michael Borgstede.
Von Michael Borgstede, GazaDafür, dass Ismail Hanija eigentlich schon seit fast zwei Monaten nicht mehr palästinensischer Ministerpräsident ist, bezeichnet Ghazi Hamed ihn mit geradezu bewundernswerter Ausdauer weiter so. Nein, Ministerpräsident Hanija sei leider nicht zu sprechen, entschuldigt der Hamas-Sprecher seinen Chef. Der Herr Ministerpräsident sei eben sehr beschäftigt, man müsse Ministerpräsident Hanija entschuldigen.
„Und warum sind Sie eigentlich nicht unserer Einladung gefolgt?“, fragt Ghazi Hamed dann neugierig. „Da hätten Sie ihn treffen können.“ Um ihren international schlechten Ruf ein wenig aufzupolieren, hatte die Hamas in der vergangenen Woche erstmals eine Tour für Journalisten organisiert. Zwei klimatisierte Busse, von bewaffneten Hamas-Leuten in Geländewagen flankiert, fuhren einige Dutzend ausländischer Journalisten durch Gaza, um ihnen die glücklichen Bewohner dieser „palästinensischen Riviera“ vorzuführen. Der Besuch endete bei einem Essen mit Hanija - kritische Fragen waren natürlich nicht erlaubt.
„Gaza ist sicher und ruhig“
„Sie wollten sich lieber allein umsehen? Sie glauben uns wohl nicht?“, fragt Hamed lächelnd, und fast ein wenig gönnerhaft fügt er hinzu: „Nur zu, wir haben nichts zu verbergen. Gaza ist sicher und ruhig. Zu dem Schluss können Sie auch alleine kommen.“ Und tatsächlich scheint in Gaza eine Ruhe eingekehrt zu sein, die der schmale Streifen Land vielleicht noch nie erlebt hat. Besonders säkulare Palästinenser hatten sich nach der Machtübernahme Sorgen vor einer radikalen Islamisierung der Gesellschaft gemacht. Jetzt müssen sie zugeben, dass sich ihre Befürchtungen bisher nicht bewahrheitet haben.
Die Hamas habe keine Scharia-Gesetzgebung eingeführt, sagt ein palästinensischer Journalist. Eher im Gegenteil: Sie hätten die übereifrigen Hitzköpfe zurückgepfiffen, die im Namen obskurer islamistischer Organisationen Internetcafés angriffen. „Die Hamas will sich nicht in die islamistische Ecke drängen lassen“ erklärt er weiter. Natürlich sei die Einschüchterung von Journalisten noch immer an der Tagesordnung, natürlich wolle er seinen Namen lieber nicht gedruckt sehen. „Aber das war unter der Fatah eigentlich mindestens genauso schlimm.“
Ein Esel drängt in die erfrischenden Fluten
Der neue Werbeslogan für den Gazastreifen lautet: „Sicher, Sauber und Grün“. Und obwohl vor dem verlassenen Haus von Präsident Abbas in einer Geste demonstrativen Respekts heute trotz chronischen Wassermangels wieder Rasensprenger eine Grünfläche bewässern, bezieht sich das „Grün“ wohl eher auf die Farbe der Islamisten, die in Gaza allgegenwärtig ist.
Nur am Strand stellen rote und gelbe Sonnenschirme eine ernsthafte Konkurrenz für die grünen Fahnen dar. Hier wollte Ahmed Yussef, der Erfinder des neuen Slogans, seinen Besucher treffen. „Denn hier sehen Sie am besten, was wir bisher geschafft haben“, sagt der Berater Hanijas und schaut sich zufrieden um.
Es ist rappelvoll an diesem Nachmittag: Großfamilien sitzen im Schatten gemieteter Zelte und spielen Gesellschaftsspiele, alte Männer rauchen Wasserpfeifen und trinken Kaffee, Kinder beißen genüsslich in Wassermelonen, im knietiefen Wasser sitzen vollständig bekleidete Frauen mit ihren Kindern. Da werden Burgen gebaut und Gräben gegraben, da gibt es Schlammschlachten, und in der Ferne sind sogar surfende Jugendliche auszumachen. Ein Lachen geht durch die Menschenmenge, als auch der Esel eines fahrenden Verkäufers in die erfrischenden Fluten drängt.
„Es läuft nicht gut in Gaza“
„Das ist nur möglich, weil die Leute sich sicher fühlen“, sagt Yussef und erklärt das Kalkül der Hamas: „Wenn wir hier Erfolg haben, werden die Bewohner des Westjordanlandes eifersüchtig auf unser Vorbild schauen“, sagt er. Israel, die Vereinigten Staaten und die Fatah-Führer im Westjordanland verfolgen eine erstaunlich ähnliche Taktik. Dort hofft man, durch eine andauernde Wirtschaftsblockade die Unzufriedenheit unter den Einwohnern des Gazastreifens zu schüren und sie der Hamas so abspenstig zu machen.
Viele Familien amüsieren sich dann auch nicht am Strand, weil es ihnen rundherum gutgeht. „Wir kommen her, weil es billig ist und man die Hoffnungslosigkeit für einen Moment vergessen kann“, sagt Ali Nasser, der am Strand einzelne Zigaretten verkauft. Ali ist nämlich arbeitslos.
Noch bis vor kurzem war er in einer Fabrik beschäftigt, die ihre Süßigkeiten und Kekse bis in den Libanon exportierte, doch seit dem 12. Juni dürfen keine in Gaza produzierten Waren mehr die von Israel überwachte Grenze passieren, und sein Chef musste die Produktion einstellen. „Es läuft nicht gut in Gaza, wer vorher noch nicht arbeitslos war, verliert seinen Job jetzt“, sagt Ali und hält dann doch besser den Mund, als er eine Gruppe von bewaffneten Hamas-Sicherheitsleuten in blaugrauen Uniformen sieht. Die Sicherheitsleute scheinen sich aber nicht für ausländische Journalisten zu interessieren.
„Eigentlich bin ich selbst Polizist“
Höflich fordern sie einige Halbstarke auf, doch bitte den Oberkörper zu bekleiden. Es befänden sich schließlich auch Frauen am Strand. So viel Islamismus immerhin scheint den meisten akzeptabel. Ali nickt zustimmend, und auch Mahmud Mudrish, der mit seiner Frau und vier Kindern einige Meter weiter sitzt, findet die Aufforderung durchaus legitim.
„Eigentlich bin ich selbst Polizist“, sagt er. Allerdings sei er bei der Autonomiebehörde in Ramallah angestellt. Die aber verbiete ihm seit dem Sieg der Hamas, zur Arbeit zu erscheinen. Andererseits habe Israel nun endlich Steuergelder der Palästinenser freigegeben, und Mahmud hat deshalb zum ersten Mal seit 16 Monaten sein volles Gehalt ausgezahlt bekommen.
„Wer heute ein Problem hat, wählt 109“
„Es ist schon seltsam“, murmelt er. „Früher, als ich jeden Tag zur Arbeit ging, wurde ich nicht bezahlt. Jetzt werde ich dafür bezahlt, zu Hause zu sitzen und nicht zur Arbeit zu gehen.“ Man merkt ihm an, dass er sich als Spielball der Politiker nicht so richtig wohl fühlt und lieber wieder einfach Polizist wäre.
Hamas und Fatah müssten endlich wieder miteinander reden, fordert er. Man könne sich die Arbeit doch teilen: „Abbas ist für die Verhandlungen mit Israel zuständig, und Hamas sorgt hier zusammen mit uns für Ordnung.“ Denn die Hamas habe durchaus ihre Qualitäten: „Wer heute ein Problem hat, wählt 109, und innerhalb weniger Minuten tauchen die Sicherheitsleute der Hamas auf.“ Zu der Brutalität der Kämpfe im Juni will er lieber nichts sagen. „Ich weiß auch gar nichts“, sagt er. „Ich habe mich zu Hause versteckt.“
„Ich habe genug von Waffen“
Obwohl langsam die Sonne untergeht am Strand von Gaza, scheinen nur noch mehr Menschen ans Wasser zu strömen. Eine Gruppe Hamas-Männer mit grünen Baseballmützen spielt Volleyball, zwei ihrer Gewehre haben sie neben sich in den Sand gesteckt. Nur einer marschiert mit dem Maschinengewehr im Anschlag immer um das Spielfeld herum, und es ist nicht ganz deutlich, ob er die Gruppe bewacht oder nur der Linienrichter ist.
Ein Vater zieht zwei unwillig meckernde Kinder hinter sich her. Er hat sie etwas zu früh vom Ferienlager der Hamas abgeholt und den Ärger seines Ältesten erregt, der gerade drauf und dran war, bei einem Quiz über das Leben des Propheten Mohammed zu gewinnen. Was man im Ferienlager noch so mache? Der Kleine ist begeistert: „Fußball spielen, schwimmen, Drachen bauen, malen, beten. Es gibt auch etwas zu essen, und manchmal lernen wir über Mathematik und darüber, dass unser Vaterland heilig ist.“
„Und mit Gewehren spielt ihr nicht?“ Die Antwort kommt aus dem Mund des Vaters und klingt sehr bestimmt: „Das hat es zu Anfang des Sommers einige Male gegeben, aber dann haben sich einige Eltern beschwert und gedroht, sie würden ihre Kinder nicht weiter zum Ferienlager schicken.“ Fast beiläufig öffnet er einen Knopf seines Hemdes: „Ich habe genug von Waffen“, sagt er. Die Narbe auf seiner rechten Schulter stammt von einer Gewehrkugel.
Altes Thema
Peter Remmert (premmert)
- 07.08.2007, 12:21 Uhr
hamas?...
Patrick Maxwell Nsherenguzi (p.maxwell)
- 07.08.2007, 19:37 Uhr