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Gangs in Südafrika Der Frieden in Lavender Hill

Die Bosse reden, der Leibwächter langweilt sich. Aber die dicke Knarre hat er dabei. Besser ist das.

© Seuffert, Felix Vergrößern Ein Mitglied der Drogenbande Junky Funkys, das als Smurfy indentifiziert werden möchte, präsentiert seine Gefängnistätowierungen in einer Garage in Lavender Hill

Der mutmaßliche Polizistenmörder serviert Getränke. Er stellt sich als James vor. Er ist der Anführer der „Funky Junkies“, einer von vier großen Gangs in Lavender Hill, einem Vorort von Kapstadt. James trägt ein gelbes T-Shirt, eine kurze Hose, teure Turnschuhe, und er ist jung. Sein Haus ist eine Festung. Die Terrasse wird von einer mannshohen Mauer geschützt, das Grundstück bewacht ein monströser Boerboel. Die südafrikanische Hunderasse wurde einst für die Jagd auf Löwen gezüchtet.

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James sagt, er verkaufe keine Drogen. Ehrenwort. Er sei nichts weiter als ein Taxi-Unternehmer. Trotzdem zeigt er seine kugelsichere Weste und seine Schussverletzungen, darunter ein Schuss, der seinen Oberkörper von rechts oben nach links unten durchschlug, abgefeuert von der Konkurrenz der „Corner Boys“. James glaubt, es sei eine „göttliche Fügung“, dass er immer noch am Leben ist. „Aber das ist ja jetzt vorerst vorbei, die Schießereien und all das“, sagt er. „Wir haben ja Frieden.“

Seit Jahr und Tag bekämpfen sich in Lavender Hill die Gangs. Es geht um krude Ehrenkodexe, immer wieder um Racheakte, und vor allem geht es um „Tik“, eine synthetische Droge auf Basis von Amphetaminen. Tik verbrennt den einen das Hirn, den anderen füllt es die Taschen, und die Blutspur, die die Droge inzwischen hinterlassen hat, ist schier endlos. Alleine im vergangenen Jahr waren innerhalb von fünf Monaten 26 Tote zu beklagen - Schießereien auf offener Straße, in Treppenhäusern, selbst auf Schulhöfen. „Es war die Hölle“, sagt Stanford Hill.

Anführer der „Sexy Boys“

Stanford Hill, zwei Meter groß und Kirmesboxerstatur, ist ein ehemaliger „Gangsta“. Er war Anführer der „Sexy Boys“ und hat wegen Totschlags im Gefängnis gesessen, bis „Gott mich fand“, wie er sagt. Heute betreibt er eine kleine Kirche in Lavender Hill und ein Bauunternehmen, das Schwerverbrecher einstellt, und es war Stanford Hill, der nach einem Blutbad im Juli vergangenen Jahres die Anführer aller Gangs an einen Tisch zwang. Dass ihm das gelungen ist, verblüfft ihn immer noch. Nur: Was sollte er ihnen sagen? Hört auf mit den Schießen, klar, hört auf mit dem Dealen, logisch. Doch der Rauschgifthandel ist ein lukratives Geschäft, und alternative Einkommensmöglichkeiten gibt es nicht.

Rauschgifthandel - Die Drogen-Gangs im südafrikanischen Lavender Hill bei Kapstadt sind für Ihre Brutalität bekannt. © Seuffert, Felix Vergrößern Mitglieder der Drogenbande Junky Funkys vor einer Garage in Lavender Hill

Lavender Hill ist eine der Siedlungen in den Cape Flats rund um Kapstadt, die sich die Planer des Apartheidregimes einfallen ließen, um Schwarze und Coloureds aus den schönen, weißen Wohngegenden zu vertreiben. Lavender Hill wurde für „Menschen zweiter Klasse“ gebaut, und genauso sieht es aus: Reihe um Reihe von Wohnblocks. Es gibt keinen Spielplatz, keinen Supermarkt, kein Kino, nicht einmal einen Baum gibt es in dieser betonierten Einöde. 4000 Familien leben hier. Mehr als 60 Prozent der Menschen sind arbeitslos. Bis zu 70 Prozent jedes Jahrgangs verlassen die Schule vorzeitig. Weil viel gesoffen wird, gibt es viele behinderte Kleinkinder; und gedealt wird an jede Ecke, obwohl die meisten Menschen nur rund 100 Euro im Monat zum Leben haben. Trotzdem werden in Lavender Hill jedes Wochenende Drogen im Wert von rund 25.000 Euro umgesetzt. Pro Gang.

“Ich fordere die Gangführer nicht heraus. Ich rede mit ihnen, als hätte ich gewöhnliche Geschäftsleute vor mir“, sagt Ruben Richards, der den Killern und Dealern seit September vergangenen Jahres so etwas wie zivilisiertes Verhalten beizubringen versucht. Richards sprang ein, als Stanford Hill nicht mehr weiter wusste. Richards stammt aus den Cape Flats, seine Frau wurde in Lavender Hill geboren. Er ist ein erfahrener Verhandlungsführer und zudem ein bekannter Mann in Südafrika. Richards war der Generalsekretär der Wahrheits- und Versöhnungskonferenz, die Licht in die Verbrechen der Apartheid brachte. Danach sollte er als Chef der südafrikanischen Polizeiakademie einer Truppe von uniformierten Schlägern den Dienst am Bürger im neuen Südafrika beibringen. Zuletzt war Richards Generalsekretär der auf die Bekämpfung von organisiertem Verbrechen spezialisierten Polizei-Sondereinheit „Scorpions“, bis diese aufgelöst wurde, weil sie ihren Job zu gut machte.

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