05.07.2005 · Die Vergabe der Olympischen Spiele 2012 in Singapur entscheidet über das Gelingen des G-8-Gipfels. Der britische Premier Tony Blair und Frankreichs Präsident Jacques Chirac spielen wie bei der verfahrenen EU-Politik entscheidende Rollen.
Von Bernhard Heimrich, LondonTony Blair ist einen Tag früher nach Singapur gereist als der französische Präsident, dafür bleibt Jacques Chirac einen Tag länger als der britische Premierminister.
In London wird das Arrangement teils als kluges Strategem Blairs gelobt, teils als üble Intrige des ränkesüchtigen Franzosen verworfen. Denn Blair mußte vorzeitig nach Schottland zurück, damit er an diesem Mittwoch als Gastgeber die übrigen Staats- oder Regierungschefs der acht führenden Industrienationen begrüßen kann. Nur der ränkesüchtige Chirac kommt, wie gesagt, ein wenig später.
Zurück aus Singapur als Sieger?
Dieser Ankunft blicken sportliche und unsportliche britische Politiker gleichermaßen voller Angst entgegen. Steigt Chirac strahlend aus dem Flugzeug, hat er also gerade die Olympischen Spiele gewonnen, sind auch die Aussichten für diese Konferenz und die ganze britische Präsidentschaft der G8 rosig, ganz zu schweigen von der verfahrenen EU-Politik, deren Regie derzeit ebenfalls in britischer Hand liegt.
Blickt er dagegen düster, hat Paris also verloren, am Ende gar gegen London, sind diese Aussichten verhangen. Nein, nicht nur verhangen. Dann Gnade uns Gott, sagt man in London. Das würde er uns heimzahlen, murmelt es in einem Amtszimmer. Das würde die Hölle, hört man woanders.
Denn an der französischen Zustimmung hängt nicht nur die neue Formel für die internationale Entwicklungshilfe der großen Industrienationen, sondern auch das Schicksal des EU-Haushalts. In Singapur, nicht in Gleneagles oder Brüssel wird also entschieden, wie es mit den Industrienationen, der Europäischen Union und überhaupt der ganzen Welt weitergeht. Tony Blair, grundehrlich wie er ist, hat aber schon gesagt, er würde Präsident Chirac in Schottland trotzdem lieber trösten als beglückwünschen.
Eine Art Wetthüpfen zwischen Kuh und Frosch
Dieser Wettbewerb um den Zuschlag für die Olympischen Spiele von 2012 mag aussehen wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel. In Wahrheit ist er aber eine Art Wetthüpfen zwischen Kuh und Frosch. Denn erstens geht nicht nur unter Menschen, sondern auch unter Nationen die Liebe durch den Magen.
Deshalb nennen die Franzosen ihre nördlichen Nachbarn „Les Rosbief“, weil die fortwährend Rindfleisch essen, und die Briten nennen die Franzosen aus dem gleichen Grund „Frogs“, also Frösche, oder noch zärtlicher „bloody Frogs“, verdammte Frösche. Und zweitens passen Kuh und Frosch viel besser zu der Beobachtung, mit der sich einst der Franzose Alexis de Tocqueville in Großbritannien zitierfähig zu machen wußte: Die Franzosen pflegen ängstlich nach oben zu blicken, die Engländer zufrieden nach unten.
Angehörige gewisser anderer Nationen sind „bloody Krauts“, auf deutsch Krautfresser, oder „bloody Maccaronies“. Nur der stolze Spanier, dessen Hauptstadt Madrid an diesem Mittwoch ebenfalls im Rennen ist, gilt als nicht eßbar, selbst wenn „Dago“ zunächst an einen Hund erinnert. Doch das ist nur der einheimische Vorname Diego, den die verdammten Engländer wieder nicht richtig verstanden haben. Die Höflichkeit ist also ungewollt.
Britisch-spanischer Deal?
Dennoch macht Tony Blair sich Hoffnungen, in Singapur mit den spanischen Konkurrenten ins Geschäft zu kommen. Müßte Madrid nämlich ausscheiden, und würde gar London verlieren, sollen die Spanier und ihr Anhang den Briten wenigstens helfen, ihr Ersatzziel zu erreichen: auf jeden Fall und mit allem nur denkbaren Einsatz verhindern, daß Paris den Preis davonträgt.
Die Methode, nach der in Singapur die Stimmen dergestalt dirigiert werden sollen, nennt man unter Angelsachsen „Triangulation“. Bill Clinton soll den geodätischen Trick erfunden haben, und er hat damit zweimal die amerikanischen Wahlen gewonnen. Sein Jünger Tony Blair hat zumindest die Glückszahl Drei in das Theorem vom „dritten Weg“ eingebaut, und er hat auch prompt drei Wahlen gewonnen.
Die Fallen der Füchse
Tony Blair und Jacques Chirac haben schon öfter herauszufinden versucht, wer raffinierter ist. Die letzte Runde, so glaubt man in London, ist an Blair gegangen. Bei dem jüngsten Eklat in Brüssel hatten beide einander eine Falle gestellt, aber nur hinter dem alten Fuchs Chirac ist sie zugeschnappt. Der junge Fuchs Blair dagegen hat nicht einmal ein Haar gelassen.
Chirac, der gerade sein Referendum verloren hatte, wollte nicht mit langem Gesicht in der Runde sitzen und hat deshalb versucht, die Tagesordnung umzuwidmen. Aus einem Lamento über Frankreich sollte ein Angriff auf Großbritannien werden. Anhaltspunkt war der britische Haushaltsrabatt. Da steht London tatsächlich allein. Zu heftig schmerzt noch die Erinnerung an die stahlbeschlagene, vermutlich auch vergiftete Handtasche der Frau Thatcher.
Europäische „Gefechtswendung“
Doch bevor die Regierungschefs sich richtig über die geldgierigen Briten ereifern konnten, hat Blair sich wie Ziethen aus dem Busch plötzlich auf die offene französische Flanke geworfen. Bei der kaiserlichen deutschen Hochseeflotte gab es ein ähnlich überraschendes Manöver, man nannte es „Gefechtswendung“. Als es in den kritischen Augenblicken der Skagerrakschlacht 1916 ausgeführt wurde, wollten die Briten ihren Augen nicht trauen. Seit der bewußten Brüsseler EU-Konferenz kennen auch die französischen Diplomaten das Gefühl.
Denn auf einmal war nur noch von ihrer Weigerung die Rede, den Agrarhaushalt der EU zu reformieren. Wenig später konnte Blair vor dem Europäischen Parlament sogar allen Ernstes behaupten, er sei ein leidenschaftlicher Europäer.
Chirac lästert
Mit der Retourkutsche hat Chirac sich Zeit gelassen, denn Rache genießt man am besten kalt. „Das einzige, was die Briten jemals der europäischen Landwirtschaft gegeben haben, war der Rinderwahnsinn.“ Das soll er laut der französischen Zeitung „Liberation“ jüngst bei der Begegnung mit Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin in Königsberg zum besten gegeben haben. Und offenbar ist er noch weiter über Les Rosbief hergezogen, daß es eine Lust war. „Man kann Leuten nicht trauen, die derart schlecht kochen. Nach Finnland ist es das Land mit dem schlimmsten Essen.“ „Aber was ist mit den Hamburgern?“ lockte Putin, Chiracs andere, amerikanische Freunde im Blick. „Oh, nein, Hamburger sind nichts im Vergleich!“
Zum Überfluß fiel dem Franzosen dann auch noch etwas ein zur Vorliebe des früheren schottischen Nato-Generalsekretärs Robertson für das schottische Nationalgericht „Haggis“. Das ist eine Art Preßkopf oder gefüllter Schweinebauch, nur wesentlich härter im Geben. Etwas für Kenner. „Daher kommen unsere Probleme mit der Nato!“ Der französische Journalist, der sich offenbar in der Nähe als tauber Königsberger getarnt hatte, meldet ferner getreu, wie herzlich Schröder und Putin immer dazu gelacht hätten, und die britischen Zeitungen haben auch über diesen Beifall am Dienstag sorgfältig berichtet. Der „Daily Telegraph“, das Leib- und-Magen-Blatt der besseren Klassen, hat die ganze erste Seite damit gefüllt.
Keine Beschwichtigungen
Die nächste Runde fand nur auf halber Höhe statt und war auch unentschieden. Sie wurde ausgetragen zwischen dem jungen britischen Europaminister Alexander und dem neuen französischen Außenminister Douste-Blazy, und zwar in Warschau. Nach dem Debakel von Brüssel waren Alexander und Vizepremierminister Prescott eilends zum Beschwichtigen in die neuen EU-Mitgliedstaaten entsandt worden, zumal nach Polen, wo man unter der Haushaltskrise am meisten zu leiden haben wird.
Auch der französische Außenminister war in Warschau, aber zu einem regulären Besuch und vermutlich nicht zur Beschwichtigung. Als er gewahr wurde, daß der Brite in derselben Botschafter-Konferenz auftreten sollte wie er, drohte Douste-Blazy mit Boykott. Die polnischen Gastgeber lösten die Krise, indem sie dem Staatsminister und dem Außenminister verschiedene Redetermine zuwiesen und den Schotten aus der Versammlung geleiteten, bevor sie den Franzosen ermunterten, herzuzutreten.
Blairs nächste Revanche köchelt noch. Denn nun kann der britische Gastgeber im schottischen Gleneagles nicht mehr anders; er muß seinem Freund Chirac „Haggis“ servieren.