02.09.2009 · Anfang September 2004 schockierte die blutige Geiselnahme im nordossetischen Beslan die ganze Welt. Fünf Jahre danach ringen die Opfer noch immer um etwas Normalität. Die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Und der kaukasische Kreis der Gewalt dreht sich weiter.
Von Michael Ludwig, BeslanAm 1. September 2004 gegen neun Uhr sollte in der Mittelschule Nummer eins in Beslan der Beginn eines neuen Schuljahrs feierlich begangen werden, wie immer. Schulanfänger und Schüler aller Altersstufen waren festlich herausgeputzt zum Appell auf dem Schulhof vor der Turnhalle angetreten. Mütter mit Säuglingen im Arm waren mitgekommen, Tanten und Onkel als Zuschauer oder Begleiter der Kinder dabei.
Väter blickten stolz auf ihre Sprösslinge und die Großväter waren sicherlich auch in Beslan überzeugt, mit den am Jackenaufschlag zur Schau gestellten Verdienstorden aus der Sowjetzeit dem Ganzen zusätzliche Würde zu verleihen. Schuldirektorin Lilija Zalijewa setzte, wie jedes Jahr, zu einer Begrüßungsrede an. Sie wurde unterbrochen, als eine Gruppe tschetschenischer und inguschetischer Terroristen die Schule überfiel. Es wurde geschossen, Menschen starben im Kugelhagel. Eine halbe Stunde später waren bereits alle, denen es nicht gelang, zu fliehen, in der Turnhalle wie Schlachtvieh zusammengetrieben. 1127 Menschen wurden als Geiseln genommen.
Der Überfall auf dem Schulhof war nur die Vorhölle. Das große Leid nahm erst später, in der Turnhalle seinen Lauf und währte drei Tage bis zum 3. September. Erwachsene wurden vor den Augen der Kinder erschossen. Die Terroristen warfen die Leichen aus den Fenstern des Hauptgebäudes der Schule, um zu zeigen, dass sie es ernst meinten. Sie ließen von einer Geisel die Forderung an Moskau nach dem Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien übermitteln und verlangten die Unabhängigkeit dieser russischen Teilrepublik.
Nichts zu trinken, außer dem eigenen Urin
Draußen bangten die Menschen um ihre Familien in der Schule. Sie wussten, dass der Staat eher das Leben von Geiseln riskieren würde, als den politischen Forderungen der Terroristen nachzugeben. Das hatte sich 2002 zuvor in Moskau erwiesen, als Sicherheitskräfte das „Musicaltheater an der Dubrowka“ stürmten, wo Terroristen Geiseln genommen hatten, die Geiselnehmer erschossen, aber als Folge der Kämpfe auch mehr als 100 Geiseln umkamen. Damals und nun zwei Jahre später wieder, war einer der am meisten gefürchteten Terroristen, ein ehemaliger Feldkommandeur der tschetschenischen Separatisten, Schamil Bassajew, Drahtzieher und Organisator der Geiselnahmen. Bassajew wurde zwei Jahre nach dem Überfall auf die Schule von Beslan von russischen Sicherheitskräften getötet.
Kinder und Erwachsene, die in der Turnhalle der Beslaner Schule zusammengepfercht waren, bekamen nichts zu essen und hatten auch bald nichts mehr zu trinken, außer dem eigenen Urin. Vor allem die Kinder litten unsagbar und die Erwachsenen durften ihnen nicht helfen, weil sie sonst von den Bewachern erschossen worden wären. Als am 3. September gegen 13 Uhr eine Explosion den Dachstuhl der Turnhalle in Brand setzte, und das Feuer danach eine Sprengladung der Terroristen zur Detonation brachte, als Sicherheitskräfte Turnhalle und Schule zu stürmen begannen, als mit Granaten und Panzergeschützen auf die Schule geschossen wurde, um die Terroristen zu vernichten, starben unschuldige Menschen im Flammenmeer oder im Kreuzfeuer - 331 Geiseln, darunter 186 Kinder.
Larissa war damals fünf Jahre alt und mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder unter den Geiseln in der Turnhalle. Sie spricht kaum und nickt meist nur mit dem Kopf, schaut den Fremden dabei mit großen Augen scheu an, während die Großmutter Natalja auf Fragen antwortet. Aber Natalja ist in Eile, weil sie mit den anderen Erwachsenen, den Kindern, den Betreuerinnen und der Leiterin eines Therapie- und Rehabilitationszentrums bei der nordossetischen Stadt Alagir zur Kirche fahren will. Der Weg zu Gott sei die beste Möglichkeit, meint sie, damit Menschen wie ihre Enkeltochter mit dem Grauen nicht allein bleiben müssten, das sich vor fünf Jahren unauslöschlich in die Seelen von Kindern und Erwachsenen eingegraben habe.
Das Gefühl der vollkommenen Ohnmacht hat Spuren hinterlassen
Larissa ist hier, um zu vergessen, zumindest aber, um auf andere Gedanken zu kommen und mit anderen Kindern zu spielen, zu tanzen, zu basteln oder in die Kirche zu gehen. Das Rehabilitationszentrum liegt mitten im Wald auf dem Gelände eines orthodoxen Nonnenklosters, eine halbe Autostunde von Beslan entfernt. Die räumliche Distanz zu Beslan gehört zur Therapie. Spendengelder aus Deutschland haben den Bau dieses Kinderhauses ermöglicht und die russische orthodoxe Kirche hat die Trägerschaft übernommen und wird sie weiterführen. Wenn muslimische Kinder - auch sie zählten schließlich zu den Opfern von Beslan - die Hilfe in Anspruch nehmen wollen, sind sie willkommen. Wir haben doch alle einen gemeinsamen Gott, meint die Leiterin. Aber nicht nur die „Kinder von Beslan“ suchen hier Erholung und Ablenkung. Auch Kinder, denen das Geiselschicksal erspart blieb, kommen. Eine der Betreuerinnen sagt, es gehöre zum Konzept dieser Einrichtung, dass die Opfer nicht unter sich bleiben. Rehabilitation brauche auch „Normalität“, den Umgang mit denen, die Glück hatten. Und Gottes Hilfe, fügt Großmutter Natalja hinzu. Die Menschen tun, was sie können. Dazu gehört, dass immer Wasser für die Kinder verfügbar ist.
Die Wohltätigkeitsstiftung des einstigen russischen Multimilliardärs Michail Chodorkowskij setzt ebenfalls auf Integration, um die Folgen des Leids für die Kinder von Beslan zu mildern. Fast dreißig Geiseln, die das Inferno in der Schule überlebten, aber auch Kinder von Vätern, die in den Spezialeinheiten dienten und bei dem Versuch, Geiseln aus der brennenden Turnhalle zu retten, umkamen, erhielten die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Schülern aus ganz Russland in einem Gymnasium mit angeschlossenem Internat in der Nähe Moskaus zu lernen. Ella Kessajewa, die in Beslan die Opferorganisation „Stimme von Beslan“ leitet, ist es gleichgültig, dass dem russischen Staat die Initiative des inhaftierten Chodorkowskij - als persönlichem politischen Feind Putins wird Chodorkowskij in Moskau gerade der zweite Prozess gemacht - nicht gefällt. Das Angebot der Stiftung sei eine großartige Sache und Versuche, diese Arbeit zu behindern, eine Gemeinheit. Ob sie nicht fürchte, in die Politik hineingezogen zu werden? Ella fürchtet sich nach dem Massaker vor fünf Jahren vor nichts und niemandem mehr.
Ella fürchtet sich vor nichts und niemandem mehr
Aber damals war die energische Frau machtlos wie alle anderen einfachen Menschen in Beslan. Das Gefühl der vollkommenen Ohnmacht hat bei vielen Spuren hinterlassen, die nicht auszulöschen sind. Der Beslaner Arzt Alan Ardychajew zählt dies zu den wichtigsten psychischen Folgeerscheinungen, die er bei den Kindern festgestellt hat, die er seit Jahren medizinisch betreut. Er selbst kennt das Gefühl der Ohnmacht und Verzweifelung, denn er musste vor der Schule zusehen, wie andere - Terroristen, Politiker hohe Militärs und Geheimdienstleute - über das Schicksal seiner beiden kleinen Kinder und seiner Frau, die unter den Geiseln waren, entschieden. Seine Frau wurde getötet, die Kinder überlebten wie durch ein Wunder.
Wladik und Kasbjek waren fünfzehn Jahre alt, als die Terroristen in Beslan zuschlugen und der Staat versagte. Die jungen Männer, stämmig der eine, schlank und klein der andere, haben sich am juristischen Institut des russischen Innenministeriums in Rostow am Don als Studenten eingeschrieben. Wer dort reussiert, kann auf einen hohen Posten in der Miliz oder in den Sicherheitskräften rechnen. Für den Arzt Ardychajew ist der Weg, den diese beiden ehemaligen Geiseln gewählt haben, der Versuch, die Ohnmacht, die sie als Kinder an sich selbst erfahren und die vollkommen Machtlosigkeit, die sie bei den Erwachsenen beobachten mussten, zu kompensieren. Viele ehemalige Geiseln würden aus demselben Grund asiatische Kampfsportarten betreiben.
Sussana Djudijewa, die die Organisation „Mütter von Beslan“ leitet, weiß mehr, als die beiden jungen Männer selbst sagen. Kasbjek und Wladik - am liebsten würde sie ihnen wohl über das Haar streichen - würden bestimmt einmal anständige Generäle, sagt Sussana, „silowiki“- Träger der Macht, wie sie sein sollten, an denen es aber damals gefehlt habe. Diese beiden würden sicherlich kompetent und tapfer handeln und nicht wie die seelenlosen Strippenzieher, die damals in irgendwelchen Hinterzimmern aus Furcht vor einem Karriereknick bedenkenlos Menschenleben aufs Spiel setzten und am Ende zumindest Mitschuld für den Tod von einigen hundert Geiseln auf sich geladen hätten.
Der Staat würde am liebsten vergessen
Denn davon sind viele Opfer aufgrund von Untersuchungen unabhängiger Fachleute und der eigenen akribischen Spurensuche überzeugt: Das Inferno am 3. September hätte vermieden werden können, wenn die Sicherheitskräfte nicht selbst die Verhandlungen torpediert hätten, indem sie mit dem ersten Schuss aus einer thermobarischen Waffe in den Dachstuhl der Turnhalle, der Feuer und dieses später eine Sprengladung der Terroristen auslöste, eine mörderische Lawine in Gang gesetzt hätten. In dem Bericht, den eine Untersuchungskommission des russischen Parlaments zwei Jahre nach dem Geiseldrama vorlegte, findet sich davon freilich nichts. Der Sturm der Schule sei spontan erfolgt, hieß es dort, nachdem die Terroristen eine Sprengladung gezündet hätten.
Ella Kessajewa hat aus diesem Grund Klage vor dem Straßburger Menschenrechtsgerichtshof eingereicht - „Ella Kessajewa und andere gegen den russischen Staat“ heißt die Akte. Was in Russland wegen der Einflussnahme des Staates auf die Ermittlungen und die Gerichte nicht möglich sei, das Herausfinden der Wahrheit über die Ereignisse also, müsse in Straßburg geleistet werden. Sie erhofft sich einen Abschreckungseffekt. Politiker und hohe Tiere im Sicherheitsapparat sollten dadurch gezwungen werden, das Schicksal von Geiseln zu bedenken, bevor sie losballerten. Straßburg hat eine Registrierungsnummer vergeben. Mehr ist bislang nicht geschehen.
Sich selbst zu therapieren, wie der Arzt Adyrchajew es versucht, indem er anderen hilft, zu kompensieren, wie es Wladik oder Kasbjek, offenbar vorhaben, indem sie Machtpositionen anstreben, die sie dann besser nutzen wollen, als sie es als hilflose Jugendliche beobachten mussten, oder den Weg unter die Fittiche der Kirche zu nehmen, wie es den Betroffenen im Rehabilitationszentrum bei Adagir vorgeschlagen wird - alles das dient der Verarbeitung des Schrecklichen. Aber auch der Versuch, wenigstens an der Oberfläche zu vergessen, zumindest die schrecklichen Erfahrungen zu verdrängen, gehört wohl dazu, obschon alle sagen, dass sich dieser Schrecken nicht vergessen lasse. Zugleich aber kämpfen die Opferverbände dafür, dass das Schicksal der Geiseln nicht dem öffentlichen Vergessen anheim gegeben wird. Der Staat würde am liebsten vergessen, so lasse sich besser vertuschen, meint Ella Kessajewa.
In Beslan selbst steht derweil die Lösung der ganz praktischen Frage an, was mit der zerschossenen Schule werden soll. Dabei muss im Grunde dasselbe Problem gelöst werden, vor dem man vor Jahren auch in Auschwitz stand und bei dem es darum ging, ob der Ort des Schreckens durch Konservierungsmaßnahmen erhalten werden solle und weiter, ob es zulässig sei, verrosteten Stacheldraht der Todeszäune durch neuen zu ersetzen. Wird in Beslan nichts unternommen, werden die zerschossene Schule und der Turnsaal in wenigen Jahren zusammengefallen sein. Bereits seit Jahren muss ein Behelfsdach aus Plastikmaterial, das auf einer neuen Eisenkonstruktion liegt, dafür sorgen, dass die verkohlten Holzbohlen des Fußbodens nicht verrotten und die Halle nicht einstürzt.
Künftig nur noch auf Glassteg begehbar
Jetzt soll aus der Schule eine Gedenkstätte werden. Eine deutsche Firma aus Hessen, die „KnaufKassel, Ausstellungen und Messe GmbH“, hat in Zusammenarbeit mit Moskauer Architekten ein Konzept vorgelegt. Aber als es in Beslan dieser Tage vorgestellt wurde, kam es zu hitzigen Debatten im Saal des Kulturhauses. Denn wenn, was fast alle Betroffenen wollen und was auch die Provinzregierung von Nordossetien wünscht, erhalten werden soll, bedeutet dies, dass beispielsweise Wände und Fußboden der Turnhalle versiegelt werden müssen, um sie vor Zerstörung zu bewahren.
Dass Menschen einfach wie bisher die Halle betreten und dort, wo die Kinder starben, Blumen niederlegen oder eine Flaschen mit Wasser hinstellen, wird nicht mehr möglich sein. Besucher sollen die Halle künftig nur noch auf einem durchsichtigen Steg durchschreiten können. Manche befürchteten, es solle ein postmodernistischer Guckkasten entstehen. Aber am Ende war sich die Mehrheit der Opfer im Saal aber einig, dass im Interesse der Erhaltung der Schule als Mahnmal, Abstriche an der Authentizität und physischen Nachvollziehbarkeit des Geschehenen, etwa indem man die verkohlten Holzbohlen berührt, hingenommen werden m müssten.
Wichtig sei, dass Beslan nicht vergessen werden dürfe, damit sich eine solche Tragödie niemals wiederhole. Das sagen die Opfer in der Hoffnung, etwas für eine Zukunft ohne Schrecken tun zu können. So reden Politiker an Jahrestagen des Infernos. Zumindest einige der Betroffenen haben indes ebenfalls nicht vergessen, dass die Raketen, die Grosnyj im zweiten Tschetschenienkrieg zerstörten und viele Einwohner der Stadt töteten, ganz in der Nähe der nordossetischen Landeshauptstadt Wladikawkas, also nicht weit von Beslan entfernt, abgeschossen wurden.
Das Morden geht weiter
Sie erinnern sich, dass die 58. russische Armee vor einem Jahr das Arsenal für die Entfaltung einer militärischen Feuerwalze in Südossetien just auf jener Straße gen Süden transportierte, die nur einige hundert Meter an dem Rehabilitationszentrum für die Kinder von Beslan vorbei führt. Sie wissen, dass das Geiseldrama von Beslan, zwar eine besonders schreckliche Tragödie war, aber zugleich auch nur eine Episode in der neusten Geschichte unaufhörlicher Gewalt im russischen Kaukasus, bei der immer wieder Unschuldige zwischen die Fronten gerieten. Und sie sehen, dass diese unheilvolle Geschichte noch längst nicht zu Ende ist. Terror und staatlicher Gegenterror gehen weiter.
Fast kein Tag vergeht mehr, ohne dass Tote zu beklagen sind, auch Kinder werden von Bomben und Granaten zerfetzt. Einer der ehemaligen Kampfgefährten Bassajews, Doku Umarow, hatte das Verbrechen der Terroristen an den Kindern von Beslan anfangs noch verurteilt. Inzwischen töten Umarows Leute, der sich selbst zum „Emir des Nordkaukasus“ ernannt hat und den antirussischen Untergrund anführt, bedenkenlos auch Kinder.
Bei staatlichen Vergeltungsmaßnahmen geht es nach dem Grundsatz zu, dass wo gehobelt werde, auch Späne fallen. Beslan solle nie wieder sein, sagen Opfer und russische Politiker. Aber weil die Politiker zu tragfähigen Lösungen für die vielfältigen Probleme im Kaukasus offenbar nicht in der Lage sind, ereignet es sich in kleinerem Maßstab bereits jetzt immer wieder und es ist keineswegs ausgeschlossen, dass sich auch eine solche Tragödie solchen Ausmaßes wie vor fünf Jahren wiederholt. Ella Kessajewa ist sich dessen bewusst und verlangt deshalb ein russisches Gesetz, das den Status von Terroropfern regelt. Sie hat damit den Finger in die Wunde gelegt. Der russische Staat macht keine Anstalten, zu reagieren, weil er sonst zugeben müsste, dass er die Lage im Kaukasus keineswegs unter Kontrolle hat.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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