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Konys Kindersoldatinnen : Gefangen, geschwängert, geflohen

Nachts kommen die Erinnerungen zurück: Ayaa, 26 Jahre alt Bild: Martin Franke

Lilly hat fünf Kinder mit dem Kriegsherrn Joseph Kony zur Welt gebracht, Ayaa viele Menschen getötet. Nach Jahren des Krieges leben die früheren Kindersoldatinnen wieder in Uganda – und erzählen vom Grauen.

          Lilly und Ayaa mussten in den Krieg ziehen, da waren sie noch Kinder. Sie kämpften für Joseph Kony, einen der meistgesuchten Kriegsverbrecher der Welt. Jahrzehntelang haben er und seine Schergen Terror über Uganda gebracht. Sie beriefen sich auf das Christentum. Ihr Ziel war ein Gottesstaat in Zentralafrika, auf der Grundlage der Zehn Gebote; sie nannten sich „Widerstandsarmee des Herrn“. Bis heute hat die Miliz etwa hunderttausend Menschen getötet und viele mehr vertrieben. Besonders schlimm erging es Kindern, die von Konys Kriegern entführt und zum Töten gezwungen wurden. Die Vereinten Nationen schätzen, dass sechzig- bis hunderttausend Jungen und Mädchen von den Terroristen verschleppt wurden. Lilly und Ayaa konnten entkommen. Heute sind sie erwachsen.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Ayaa ist 26. Sie hat ihre Fußnägel rot lackiert und trägt ein bauschiges, weißes Kleid, halb Prinzessin, halb Ballerina. Sie erinnert sich noch genau an die Nacht, in der sie entführt wurde. Es war der 22. Mai 2003, Ayaa war elf. Nachts kamen Rebellen in das Dorf, zu ihrem Elternhaus, und brachen die verschlossene Haustür auf. „Meinen Eltern hielten sie ein Gewehr vor die Nase, sie konnten nichts machen.“ Die Männer nahmen Ayaa mit in den Busch. Dort waren schon andere Kinder. „Wir lagen auf dem Boden und bekamen fünfzehn Schläge auf den Rücken. Wer sich bewegte oder Furcht zeigte, wurde weiter verprügelt. Manchmal schlugen drei Personen auf dasselbe Kind ein.“ Das war die Aufnahmeprüfung. Ayaa erzählt davon in ihrer Muttersprache Acholi. Mit einer Ausnahme. Das Wort für „schlagen“ nimmt sie aus dem Englischen, „beating“. So, als kämen die Schläge aus einer anderen Welt.

          „Du hast die Befehle zu befolgen“

          Ayaa überstand die Zeremonie und gehörte fortan zu den Kriegern. Ein halbes Jahr lang lernte sie, zu kämpfen und zu töten. Sie lernte in Deckung zu gehen, sich aus Hinterhalten zu befreien und mit Waffen zu schießen. Immer wieder schlugen die Kommandeure sie, schnitten sie mit Messern. Die Narben an ihren Armen zeugen von dieser Zeit. Ayaa sagt, sie habe auch am Rücken welche.

          Lilly Atong über den Vater ihrer fünf Jungen und Mädchen: „Kony liebt seine Kinder“

          Die andere Frau ist Lilly, sie ist 39, hat starke Schultern, grobe Hände. Ihr Rock ist ungebügelt, ihre Schuhe sind abgelaufen. Lilly erzählt, ohne dass man ihr Fragen stellen müsste. Sie war zwölf, als die Terroristen in ihr Dorf kamen, 1991 war das. Lilly schildert, was sie erduldete: die Aufnahmeprüfung, die Ausbildung an der Waffe, die schmerzhaft weiten Strecken zu Fuß und ohne Wasser. Nur übers Töten spricht sie nicht. Lilly hat mehr als die Hälfte ihres Lebens im Busch zugebracht, kämpfte immer wieder in Gefechten mit der ugandischen Armee. Und sie war eine von Konys Konkubinen; er hielt sich Dutzende von ihnen. Sie verbrachte mehr Zeit mit ihm als andere Frauen. Geheiratet haben Lilly und Kony nie, trotzdem spricht sie von ihm wie von einem Ehemann. Sie sagt, dass es für sie normal war, ihren Mann mit anderen teilen zu müssen. „Du hast keine Einwände und hast auch nichts zu sagen, du hast die Befehle zu befolgen.“

          Lilly hat Kony fünf Kinder geboren. Eines heißt George Bush. Den Namen des früheren amerikanischen Präsidenten hat Kony ausgesucht. George Bush ist Lillys einziges Kind, das noch im Busch lebt, bei Kony. Die anderen konnte sie in die Freiheit retten. Kontakt zu ihrem Sohn hat sie nicht, aber sie sagt: „Kony liebt seine Kinder.“ George Bush jagt heute Elefanten in Kongo. Die Miliz lebt von Elfenbein, das sie an reiche Araber in Sudan verkauft. Konys Armee ist auf wenige hundert geschrumpft.

          Vom Krieg ist bei Ayaa wenig geblieben. Sie trägt ein bauschiges weißes Kleid und roten Nagellack.

          Im vergangenen Jahr wurde die Suche nach Kony eingestellt. Ganz erfolglos war die internationale Fahndung aber nicht. Die Kämpfer wurden aus Uganda vertrieben. Und es konnte der zweitwichtigste Mann verhaftet werden. Es ist Lillys Bruder Dominic Ongwen. Er stieg vom Kindersoldaten in die Führungsriege auf. Dann aber sperrte Kony ihn ein, weil er angeblich Befehlen nicht gehorcht hatte. Der Bruder floh und stellte sich amerikanischen Spezialkräften. Jetzt sitzt er in Den Haag im Gefängnis. Siebzig Anklagepunkten muss er sich stellen. Seine Schwester findet, dass eine Strafe wegen Kriegsverbrechen unfair wäre, weil Dominic als Kind indoktriniert wurde.

          In der Nacht kommen die Erinnerungen zurück

          Anders als ihr Bruder hat es Lilly in die Freiheit geschafft. Doch es war ein weiter Weg. Eine Nacht ist ihr besonders in Erinnerung. Lilly, hochschwanger, war im Busch unterwegs, ihre Tochter trug sie auf dem Rücken, den Sohn hielt sie an der Hand. Zwanzig Männer bewachten sie auf Schritt und Tritt. In dieser Nacht gebar sie ihr drittes Kind, ohne Arzt und Hebamme. Als das Baby, es war George Bush, gerade da war, überraschten Soldaten die Gruppe. Sie gehörten zum ugandischen Militär. Lilly rannte. Doch ihr großer Sohn wurde geschnappt. Die Soldaten brachten ihn nach Uganda. Lilly befürchtete, dass sie ihn umbringen würden. Heute hat Lilly ihren Sohn wieder. Auch ihre anderen Kinder. Alle außer George Bush.

          Lillys Hände bewegen sich unruhig, die Augen blicken meist zu Boden. Bei den Rebellen wäre sie dafür bestraft worden. Dort musste sie immer gerade stehen, immer gerade schauen. Hier in Freiheit ist Lilly in den Stuhl eingesunken und wirkt müde. Ihre Stimme ist so leise, dass ihre Worte kaum zu hören sind. Nur selten fällt Lilly aus der Rolle: Wenn Freunde vorbeikommen und ihr zur Begrüßung mannhaft auf die Schulter schlagen. Dann lacht sie und freut sich kurz. Ihre Trauer ist wie weggewischt. Wenn ihre Kinder nach dem Vater fragen, antwortet sie: Er kommt nicht mehr zurück. Warum? „Er ist weg.“

          Lilly ist 39 Jahre alt: Sie hat starke Schultern, grobe Hände und lacht nur wenig.

          Wenn Ayaa erzählt, lacht sie viel. Sie schildert das Leben im Busch so, als wären es lustige Geschichten aus der Schule. Nur verbrachte sie ihre Jugend mit Überfällen im Dschungel. In der Akte über sie steht, dass sie drei Menschen mit einer Machete abstach, Autos in Brand setzte und unzählige ugandische Soldaten erschoss. In der Nacht, sagt Ayaa, da kommen die Erinnerungen zurück.

          Nach mehreren Jahren in der Wildnis sah Ayaa eine Chance zu fliehen. Die Truppe war nachts auf einem Marsch unterwegs, als Ayaa abhaute. „Ich hatte tierische Angst, dass sie mich erschießen.“ Wieder lacht sie laut auf. Bis zu ihrer Familie in Uganda schlug sie sich durch. Lilly hätte 2005 fast mit der Wildnis abschließen können. Damals wurde sie von Soldaten aus dem Busch befreit und in ihre Heimat zurückgebracht. Doch ein Jahr später bat sie ein Armeechef, zu Friedensgesprächen mit Konys Leuten mitzukommen. Lilly ging mit. Die Friedensgespräche scheiterten, Lilly blieb bei Kony. Er schwängerte sie wieder. Erst vier Jahre später wurde Lilly zum zweiten und letzten Mal von ugandischen Soldaten entführt. Ihr fünftes Kind war schon unterwegs. Da endete ihre Odyssee im Dschungel.

          Schwierige Rückkehr ins alte Leben

          Eine Odyssee vor ugandischen Gerichten blieb ihr erspart. Denn ehemalige Kindersoldaten wie Lilly und Ayaa müssen in Uganda keine Strafverfolgung fürchten. Wer den Rebellen entkommt oder befreit wird, dem öffnen sich die Türen zur ugandischen Gesellschaft.

          Blick über Gulu im Norden Ugandas

          Ayaa und Lilly wurden von ihren Familien und Nachbarn gut aufgenommen. Doch die Rückkehr ins alte Leben war schwer. Vor allem Lilly wollte anfangs nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie war aggressiv und schlug ihre Mitschüler schon bei winzigen Streitereien. Bis heute sagt sie, sie liebe Kony noch immer. Sie habe sich lange Zeit kein Leben außerhalb des Busches vorstellen können. Kony sei anfangs ein „guter Mensch“ gewesen. Doch als die Kämpfe schwieriger wurden, sei Kony „gemein“ zu ihr geworden. Sie habe ihn nicht wiedererkannt. Auch Ayaa fühlte sich lange mit Kony verbunden. Sie sah ihn regelmäßig. „Ich nannte ihn Daddy, weil ich in seinen Händen war.“ Seine Verbrechen habe sie ihm schon lange vergeben. An sein Gesicht kann sie sich nicht mehr erinnern. Ayaa sagt, sie habe auch sich selbst vergeben und bereue ihre Vergangenheit nicht. Bis heute lässt sie sich erzählen, wie es dem Kommandeur geht, in dessen Einheit sie im Busch kämpfte und mit dem sie auch schlafen musste.

          Bei der Organisation „ChildVoice International“ haben die beiden Frauen eine Ausbildung gemacht, schreiben und rechnen gelernt. Lilly arbeitet mittlerweile als Bäckerin, neben ihrer Hütte bewirtschaftet sie ein Stück Land. Sie kann die Schulgebühren für ihre Kinder bezahlen. Ayaa ist in einem Hotel angestellt und bedient die Gäste im Restaurant. Auf die Frage, ob sie verheiratet sei, lacht sie nur.

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