09.12.2003 · An diesem Mittwoch erhält die iranische Frauenrechtlerin Schirin Ebadi in Oslo den Friedensnobelpreis. Sie soll in der norwegischen Hauptstadt für ihren Einsatz für die Menschenrechte geehrt werden.
Von Christiane HoffmannZu der Diskussionsrunde über Frauen in Iran waren iranische Intellektuelle in eine westliche Botschaft in Teheran gekommen: Künstlerinnen und Architektinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen und eine Theaterregisseurin.
Die Frauenpolitikerin Faiseh Haschemi war da, Tochter des ehemaligen Präsidenten Rafsandschani und besonders engagiert für den Frauensport in Iran. Das Außenministerium und die Teheraner Frauenuniversität hatte offizielle Vertreter entsandt, und es kam Schirin Ebadi, jene damals noch kaum bekannte iranische Anwältin, Frauen- und Menschenrechtlerin, die an diesem Mittwoch mit dem Friedensnobelpreis geehrt wird. Die Iranerinnen - per Gesetz verpflichtet, die Figur zu verhüllen und die Haare zu bedecken - zeigten die ganze Palette der Garderobe zwischen Auflehnung und Anpassung: von tiefausgeschnittenen Blusen und Minikleidern über brave Röcke und Kopftücher bis hin zum schwarzen Tschador. Besonders vielsagend waren die Zwischentöne der Garderobe: Kopftücher zu engen Röcken, lange Mäntel zu Stöckelschuhen.
Leopardengemustertes Kopftuch
Faizeh Haschemi wollte ihr Markenzeichen, das leopardengemusterte Kopftuch, ablegen, besann sich dann aber anders. "Sind Offizielle hier? Ich glaube, ich behalte das lieber auf." Schirin Ebadi hatte den subtilsten Kompromiß gewählt: Zum dunklen Hosenanzug trug sie ein weißes, durchscheinendes Tüchlein so lose um den Kopf geschlungen, daß ihr dichtes schwarzes Haar so gut wie vollständig sichtbar blieb. "Schlechter Hedschab" nennen die Iraner diese Art, sich den Kleidervorschriften - Hedschab - zu unterwerfen, ohne sie zu akzeptieren, sich gerade so weit anzupassen, daß man offiziell nicht angreifbar wird. "Wir sollten muslimischen Frauen nicht sagen, daß sie ihren Kopf verhüllen, sondern daß sie ihn benutzen müssen", hat Frau Ebadi einmal gesagt.
Das weiße Tüchlein ist typisch für Ebadis bisherigen Umgang mit dem islamischen System: Bei aller Kompromißlosigkeit und Prinzipienfestigkeit in der Zielsetzung ist sie auf dem Weg, diese Ziele zu erreichen, durchaus zu Kompromissen bereit. Sich in symbolischen Auseinandersetzungen und Provokationen aufzureiben ist ihre Sache nicht. Wenn es unnötigen Ärger bereiten könnte, ohne Kopftuch aufzutreten, nimmt sie das weiße Tüchlein. Wenn der Einsatz für Menschenrechte direkt ins Gefängnis führt, engagiert sie sich lieber für die Rechte von Kindern. "Anstatt mit dem Kopf gegen eine geschlossene Tür zu rennen, werde ich Wasser, das unter der Tür hindurchfließt."
Schirin Ebadi ist keine Märtyrerin, sondern eine Pragmatikerin. Sie hat sich nie zum Opfer stilisiert, sie ist eine Frau der Tat, eine kluge Juristin, illusionslos, realistisch, die - immer am Rande der Legalität, immer die Grenzen der Legalität auslotend - das getan hat, was sie als ihre Aufgabe sieht: in den Grenzen der iranischen Realität für die Rechte von Kindern, Frauen und politisch Verfolgten zu kämpfen. Wenn Frau Ebadi spricht - ob am Abendbrottisch oder in der Diskussionsrunde -, liegt ihr rundes Gesicht offen und ertönt die tiefe, kräftige Stimme mit solchem Engagement, als stünde sie im Gerichtssaal und hielte ein Plädoyer, in dem es um Leben und Tod geht.
Das Ziel von Morddrohungen
Kaum ein politisch brisanter Fall in den vergangenen Jahren, den Ebadi nicht vertreten hat - von den sogenannten Serienmorden an iranischen Intellektuellen bis hin zum Fall der kanadisch-iranischen Journalistin Kazemi, die in diesem Sommer in Untersuchungshaft in Teheran ums Leben kam. Selbst häufig das Ziel von Morddrohungen, hat die 56 Jahre alte Mutter zweier erwachsener Töchter immer wieder ihre Furchtlosigkeit bewiesen. Aber während andere Regimekritiker Jahre im Gefängnis verbrachten, war Ebadi selbst nur einmal ganze 22 Tage inhaftiert. Das sind ihre Widersprüche: in der Flexibilität unbeugsam, in der Anpassungsbereitschaft unabhängig. Sie ist vielleicht eine Regimekritikerin, aber sie will das islamische System nicht stürzen. Ihr Ziel sind gesellschaftliche Veränderungen. Und die kann sie nur in ihrem Land und unter den Bedingungen ihres Landes erreichen. Als so viele andere nach der Revolution Iran verließen, ist Ebadi geblieben.
Wer wie Wasser ist, ist schwer zu greifen. "Die religiösen Kreise in Iran halten mich für unislamisch, die linken Exiliraner finden mich zu islamisch, und die Monarchisten glauben, ich stecke mit den Islamisten unter einer Decke", sagt Frau Ebadi. Für die einen ist sie eine Kollaborateurin des islamischen Systems, für die anderen eine verkappte Agentin des Westens. Frau Ebadi sperrt sich gegen die Einordnung in bekannte Raster. Sie unterzieht sowohl die Schah-Zeit als auch die Islamische Republik der Kritik. Wie viele andere gebildete Frauen unterstützte Ebadi die Revolution, obwohl die Modernisierung der Schah-Zeit ihr persönlich große Vorteile gebracht hatte. 1974 wurde sie zur ersten Richterin Irans, eine Ernennung, deren Symbolgehalt für die islamische Welt kaum zu überschätzen ist. Erstmals saß eine Frau, die nach traditioneller muslimischer Auffassung dem Mann Gehorsam schuldet, über Männer zu Gericht. Trotz ihrer glänzenden Karriere wandte sich Frau Ebadi gegen das Schah-Regime, sie kritisierte das Fehlen demokratischer Rechte und die zwangsweise Modernisierung. "Zu meiner Hochzeitsfeier in einem Schickeria-Club in Teheran wurde meine Großmutter im Tschador nicht zugelassen." Die Revolution brachte in ihren Augen zwar größere politische Rechte für Männer wie Frauen, zugleich aber verloren die Frauen einen Großteil ihrer zivilen Rechte. Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, die unter dem Schah mühsam durchgesetzt worden war, wurde wieder rückgängig gemacht.
Kein Widerspruch zum Islam
"Frauen werden in Iran in bezug auf Familienrecht, Zivilrecht und Strafrecht als Menschen zweiter Klasse behandelt", schreibt in einem Aufsatz der regimekritische iranische Geistliche Mohsen Kadivar. So macht es das iranische Scheidungsrecht dem Mann sehr leicht und der Frau sehr schwer, sich von ihrem Ehepartner zu trennen. Beim Sorgerecht für die Kinder wird der Mann zudem stark bevorteilt. Das Strafrecht ahndet den Mord an einem Mann schwerer als den an einer Frau, und der von einer Frau begangene Ehebruch wird mit dem Tod bestraft, während der Straftatbestand für Männer gar nicht existiert. Die islamische Kleiderordnung und die Regel, daß Frauen für eine Auslandsreise die Erlaubnis des Ehemannes vorweisen müssen, sind da für viele Iranerinnen fast nur noch Bagatellen.
Für Ebadis Engagement ist entscheidend, daß sie die Gründe für die Benachteiligung von Frauen nicht im Islam, sondern in der "traditionellen, männerdominierten Kultur" sieht. Sie bezeichnet sich als gläubige Muslimin und ist "überzeugt, daß Menschen- und damit auch Frauenrechte nicht im Widerspruch zum Islam stehen". Vielmehr diene der Islam den Traditionalisten nur als Vorwand, um ihr rückständiges Frauenbild zu zementieren. Mit diesen Überzeugungen steht Ebadi der Idee eines aufgeklärten Islam von Präsident Chatami nahe. Sie hat sich politisch aber nicht für die Reformer engagiert. Auch nach der Zuerkennung des Nobelpreises wies sie Spekulationen zurück, sie könne im Frühjahr 2005 für die Nachfolge Chatamis im Präsidentenamt kandidieren.
Chatami war 1997 nicht zuletzt mit den Stimmen der iranischen Frauen gewählt worden, die er mit seinen Reformversprechen besonders angesprochen hatte. Sechs Jahre später herrscht Enttäuschung. "Chatami hat den politischen Prozeß vorangebracht, aber die rechtliche Situation der Frauen hat sich kaum verbessert", bilanzierte Ebadi schon vor einem Jahr. Viele vom Parlament verabschiedete Verbesserungen wurden vom Wächterrat, einem mit Fundamentalisten besetzten Gremium, das Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit dem Islam überprüft, abgelehnt. So verhinderte der Wächterrat unlängst den Beitritt Irans zur Konvention der Vereinten Nationen gegen die Diskriminierung von Frauen, obwohl das Parlament bereits eine Sonderklausel hinzugefügt hatte: Danach sollte Iran nur jene Verpflichtungen der Konvention erfüllen, die mit islamischem Recht im Einklang stehen.
Verbesserungen im Kleinen
Verbesserungen wurden unter Chatami nur im Kleinen erreicht. So erhöhte das Parlament das Heiratsalter für Mädchen von neun auf dreizehn Jahre, die Mehriye, eine Art materieller Absicherung für Frauen im Scheidungsfall, wurde der Inflation angepaßt, und neuerdings können auch Mädchen staatliche Stipendien zur Förderung eines Studienaufenthalts im Ausland erhalten. Am wichtigsten ist die in der vergangenen Woche verabschiedete Änderung des Sorgerechts, da inzwischen etwa ein Drittel der iranischen Ehen geschieden werden: Künftig erhalten Frauen das Sorgerecht für Söhne und Töchter bis zum Alter von sieben Jahren. Bislang hatten die Mütter ihre Söhne schon von zwei Jahren an dem Vater überlassen müssen.
Die bedeutendsten und tiefgreifendsten Veränderungen hatte die Islamische Republik schon vor Chatami auf den Weg gebracht: verbesserten Zugang für Frauen zum Gesundheitssystem und zur Bildung. Während in den siebziger Jahren in ländlichen Gebieten noch 90 Prozent der Frauen Analphabeten waren, können heute landesweit 97 Prozent der Frauen zwischen 15 und 24 Jahren lesen und schreiben. Und im vergangenen Jahr studierten an iranischen Hochschulen erstmals mehr junge Frauen als Männer. Trotzdem aber ist nur jeder zehnte Arbeitsplatz in Iran mit einer Frau besetzt.
„Gebildete Mütter erziehen bessere Kinder"
"Es gibt keine Alternative zur evolutionären Entwicklung", sagt Ebadi über die Zukunft Irans. Die Frauen, so hofft sie, würden sich zusammentun und sich ihre Rechte erkämpfen. Ihre Hoffnung richtet sie auf die etwa 150 in den vergangenen Jahren gegründeten Nichtregierungsorganisationen, die sich für Frauen einsetzen. Und: "Gebildete Mütter erziehen bessere Kinder." Mit diesem maßvollen Programm der kleinen Schritte, das in ganzen Generationen denkt, ist Frau Ebadi vielen jungen Iranerinnen nicht radikal genug. Nach der Zuerkennung des Nobelpreises herrschten Freude und Stolz, daß eine Iranerin diese Auszeichnung erhält. Eine Identifikationsfigur für große Teile der Bevölkerung aber ist Schirin Ebadi nicht. Dafür war sie auch viel zu unbekannt. Die weitaus meisten Iraner dürften ihren Namen anläßlich der Bekanntgabe zum ersten Mal gehört haben. Von offizieller Seite hielt sich die Begeisterung über den Preis sehr in Grenzen. Von den Fundamentalisten wird Ebadi nun offen angefeindet, und Präsident Chatami ließ sich zu der abwertenden Bemerkung hinreißen, der Friedensnobelpreis sei ja keine so wichtige Auszeichnung. Daraus spricht wohl zuallererst die persönliche Enttäuschung des Initiators des "Dialogs der Zivilisationen", der selbst darauf gehofft hatte, eines Tages die begehrte Anerkennung zu erhalten.
Der Friedensnobelpreis für Schirin Ebadi ist - wie einst die Verleihung an Aung San Suu Kyi in Burma - in die Zukunft gerichtet. Gewürdigt wird nur zum Teil das bisherige Engagement Ebadis. Vor allem soll der Preis ihr Gewicht und Schutz verleihen, um ihre Ziele in Iran künftig besser vertreten zu können. Das ist auch eine Bürde. Mit dem internationalen und nationalen Augenmerk, das nun auf sie gerichtet ist, wird es nicht mehr so leicht sein, als Wasser unter der Tür hindurchzufließen. Ebadis Äußerungen seit der Bekanntgabe der Osloer Entscheidung deuten vorerst darauf hin, daß sie ihren vorsichtigen und maßvollen Kurs beibehalten wird. Wenn sie die historische Chance des Friedensnobelpreises nutzen will, wird sie aber auf längere Sicht klarer politisch Position beziehen müssen. Das Temperament dazu hat sie. Ein erster Schritt in dieser Richtung war, daß sie nach der Bekanntgabe der Osloer Entscheidung im westlichen Fernsehen ohne Kopftuch auftrat. Das hat ihr prompt zu Hause scharfe Kritik eingetragen. Wenn sie an diesem Mittwoch in Oslo wieder ihr Haar zeigt, darf man das getrost als Kampfansage ansehen.
Christiane Hoffmann Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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