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Veröffentlicht: 08.10.2014, 14:42 Uhr

Friedensnobelpreis Sie hätten den Preis verdient

Es ist ein verwegener Gedanke, doch wann, wenn nicht jetzt, sollte er Wirklichkeit werden? Es ist Zeit für einen gemeinsamen Friedensnobelpreis: für Helmut Kohl und die ostdeutschen Bürger, die vor 25 Jahren die Teilung von Ost und West überwanden. Ein Plädoyer.

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© AP Einheit (fast) vollbracht: Bundeskanzler Helmut Kohl, der Ost-Berliner Bürgermeister Erhard Krack, DDR-Ministerpraesident Hans Modrow und der West-Berliner Regierende Bürgermeister Walter Momper am 22. Dezember 1989 am Brandenburger Tor

Wem wird das norwegische Komitee am Freitag diesmal den Friedensnobelpreis zuerkennen? Einer internationalen Organisation, (nur) weil sie tut, was sie tun soll? Oder, wieder mal, einem linken amerikanischen Politiker? Dem NSA-Whistleblower Edward Snowden vielleicht? Oder doch lieber einem den meisten Menschen völlig unbekannten Menschenrechtsaktivisten?

Klaus-Dieter Frankenberger Folgen:

Es könnte, obwohl das – zugegeben – ein verwegener Gedanke und deswegen auch unwahrscheinlich ist, aber auch auf die Idee kommen, die Ostdeutschen kollektiv mit dem Preis auszuzeichnen oder, noch tollkühner und deswegen noch unwahrscheinlicher, Helmut Kohl, den ehemaligen Bundeskanzler. Oder beide in einer Gemeinschaftswürdigung. Das hat es so ähnlich schon gegeben, zum Beispiel 1993, als Nelson Mandela und der damalige südafrikanische Präsident Frederik Willem de Klerk die Ehrung zusammen erhielten. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und nach Ereignissen, die zu der epochalen Wende in Europa führten und für Millionen Frieden und Freiheit bedeuteten, wäre eine solche Gemeinschaftsehrung für einen Mann und ein Volk gar nicht so abwegig. Doch dafür müssten die Norweger schon über ihren Schatten springen und ein paar Scheuklappen ablegen.

Alle Kandidaten haben Großartiges geleistet

Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: Die potentiellen Kandidaten, die in diesem Jahr zu den Favoriten zählen, leisten Großartiges, und Papst Franziskus thront inspirierend ohnehin über allen und allem. Der kongolesische Arzt Denis Mugwege kümmert sich aufopferungsvoll um vergewaltigte Frauen; die pakistanische Kinderrechtsaktivisten Malala Yousafzi, die einen Mordanschlag der Taliban schwerverletzt überlebt hat, legt bis heute einen Mut an den Tag, der einen in ehrfürchtiger Bewunderung erstarren lässt. Sie verdienen unsere ganze Anerkennung.

Kohl und Mitterand © AFP Vergrößern Auch für die Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen setzte Kohl sich ein: 1984 mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand in Verdun

Vor 25 Jahren hatten auch andere großen Mut. Wer hätte denn damals schon sagen können, wie es ausgehen würde, als die Ostdeutschen in Leipzig auf die Straße gingen? Der Fall der Mauer und das Ende des SED-Regimes – in ihrem Freiheitswillen haben sich die Ostdeutschen damals nicht einschüchtern lassen. Sie wurden Teil des großen Aufbegehrens und Wandels, der alle ostmitteleuropäischen Staaten erfasst hatte und zuletzt die Sowjetunion zusammenbrechen ließ. Die Polen waren mutig, die Balten und noch viele andere.

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Was Deutschland so besonders machte, war die Teilung: West- und Ostdeutsche trennten Mauer und Stacheldraht – eine deutsche, eine europäische, eine globale Systemgrenze, an der geschossen wurde. An deren Überwindung hatten viele Anteil, eben nicht zuletzt die Ostdeutschen. Der Fall der Mauer symbolisiert das Ende des Kalten Kriegs wie kein anderes Ereignis und damit die Hoffnung auf ein freies, geeintes und friedliches Europa. Warum nicht diejenigen würdigen, die daran mitwirkten?

Klug und beherzt gehandelt

Helmut Kohl wäre vermutlich nicht rund 16 Jahre lang Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewesen, hätten die Ostdeutschen vor 25 Jahren nicht genug vom SED-Staat gehabt. Er handelte damals mit großer Klugheit und Beherztheit. Von Einsprüchen und Bedenken ließ er sich nicht beirren. Nicht alles gelang, vieles aber schon. Die Einheit wurde am 3. Oktober 1990 vollzogen. Es war seine innen-, außen- und europapolitische Leistung, die Kohl nicht nur in den Augen der meisten Deutschen zu einem großen Staatsmann werden ließ (ungeachtet späterer Verfehlungen).

31326842 © dapd Vergrößern Einer fehlt: Im Jahr 2010 blieb der Stuhl des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo frei, weil er in China im Gefängnis saß. Im Jahr 2014 heißt es aus deutscher Sicht: Eine Entscheidung fehlt – die für Helmut Kohl und die mutigen Ostdeutschen, die 1989 die Mauer bezwangen. Im Bild zu sehen sind der Vorsitzende des Nobelpreiskommitees, Thorbjorn Jagland, und die norwegische Politikerin Kaci Kullman, die seit 2003 im Kommitee sitzt.

2009, zwanzig Jahre nach jenem Herbst, der die Welt veränderte, erkannte das Nobelkomitee in Oslo den Friedensnobelpreis dem jungen amerikanischen Präsidenten Obama zu. Der war gerade mal ein knappes Dreivierteljahr im Amt. Es war ein Preis auf Vorschuss; selbst dem Geehrten, der eher für eine Auszeichnung als Schönredner in Frage gekommen wäre, war das peinlich. Spätestens damals traf das gallige Wort zu, das norwegische Komitee sei der europäische Ableger des linken Flügels der Demokratischen Partei in den Vereinigten Staaten. Es hat vorher und nachher einige gute Entscheidungen getroffen. Aber eine fehlt. Am Freitag werden wir wissen, ob das Komitee in Oslo das auch so sieht.

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