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Gemeinsames Militärtraining : Wir wissen, wie wir ticken

Manöver der Deutsch-Französischen Brigade in Moumelon-le-Grand am 26. Februar 2018 Bild: Cornelia Sick

In der Champagne üben französische und deutsche Soldaten gemeinsam für den Einsatz in Mali. In der Militärkultur beider Länder gibt es große Unterschiede – aber funktioniert die Zusammenarbeit?

          Staub wirbelt auf, und plötzlich rollen von einer Anhöhe die ersten gepanzerten Militärfahrzeuge heran, aus denen Soldaten in Spähposition hervorragen. Schon wird der Lärm ohrenbetäubend, schwere Lastwagen rattern vorbei, Containertransporter und Tankfahrzeuge. Lauert da ein Angreifer im Hinterhalt? Ein leichtes Spähfahrzeug rast am Wegrand an den schweren Tiefladern des Konvois vorbei. Doch dann kommt über Funk Entwarnung. „Das ist Teil der Übung“, sagt der deutsche Kommandeur des Versorgungsbataillons, Oberstleutnant Lars Kretschmer.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          In der kargen Landschaft der Champagne, nahe dem Kasernendorf Mourmelon, üben deutsche und französische Soldaten seit einer Woche für ihren nächsten Einsatz. Sie sind Teil der Deutsch-Französischen Brigade, die im September nach Mali verlegt wird. Annähernd 1800 Soldaten der Brigade werden zur Stabilisierung des krisengeschüttelten Landes in Westafrika erwartet – so viele wie nie zuvor. Auch deshalb hat die „Feldberg 2018“ genannte Übung besondere Bedeutung.

          An diesem Donnerstag kommt Präsident Emmanuel Macron mit Verteidigungsministerin Florence Parly auf das von Napoleon III. eingeweihte militärische Übungsgelände in der Champagne, das sich über 10.000 Hektar erstreckt. Hier rüstete sich einst die französische Armee für den Ersten Weltkrieg, heute fahren deutsche Soldaten wie selbstverständlich auf dem Gelände herum. Präsident Macron hat geplant, sich eine Übung der Deutsch-Französischen Brigade anzusehen und sich mit Soldaten auszutauschen. So will er einem Pflichtbesuch beim französischen Heer eine europäische Dimension verleihen. Macron hat in seiner Rede an der Sorbonne den Europäern die Idee einer Europäischen Eingreiftruppe unterbreitet, und die Deutsch-Französische Brigade könnte so etwas wie der Kern einer solchen Truppe sein.

          „Wir sind bereit“, sagt Oberstleutnant Kretschmer. An der Kampffähigkeit der Brigade habe er keinen Zweifel. Er ist ziemlich stolz auf sein Versorgungsbataillon, das komplett durchmischt ist. Nur die politischen Vorgaben aus Paris und Berlin trennen seine Soldaten wieder. Beim bevorstehenden Mali-Einsatz werden sie nicht die gleiche Mission haben. Etwa 1000 Franzosen der Deutsch-Französischen Brigade verstärken die „Operation Barkhane“ im Antiterrorkampf, während etwa 800 Deutsche bei der EU-Ausbildungsmission EUTM und in der UN-Mission Minusma eingesetzt werden.

          Immer stärkere Vernetzung

          Militärisch aber sind die Soldaten beider Nationen immer stärker vernetzt. Trotz aller Ausrüstungsmängel, die bei der Bundeswehr gerade in den Schlagzeilen stehen, haben sich Franzosen und Deutsche auch beim Material aufeinander eingestellt. Für die Schießübungen in der Champagne etwa werden nur die französischen Sturmgewehre Famas gebraucht. Damit ist gesichert, dass die Übungen nicht durch unterschiedliche nationale Vorschriften beim Umgang mit der Munition verzögert werden. Die Bundeswehr-Soldaten sind alle an Famas ausgebildet worden. „Sie freuen sich richtig darauf, ein anderes Gewehr zu benutzen“, sagt Kretschmer.

          Romain Castaing, der französische Stellvertreter des Kommandeurs, beschwichtigt die Kritik an den Ausrüstungsengpässen bei der Bundeswehr. Es gebe Anschaffungszyklen, und die französischen Streitkräfte hätten Glück, dass in den vergangenen Jahren viel Geld in neue Ausrüstung investiert wurde. Fortan rüstet die französische Armee um, als neue Standardwaffe erhalten die Soldaten ein Sturmgewehr deutscher Fertigung, das HK416. Castaing kommt sogar das H perfekt über die Lippen. Er erzählt, dass er fünf Jahre an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ausgebildet wurde.

          Damit ist er kein Einzelfall, jedes Jahr gehen mehr als ein Dutzend junge Franzosen zur militärischen Ausbildung nach Deutschland. Umgekehrt gibt es immer mehr deutschen Militärnachwuchs, der an der französischen Eliteakademie in Saint-Cyr oder anderen Einrichtungen geschult wird. Die gemeinsame Sicherheitskultur, die auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen oft fordert, haben diese binational ausgebildeten Offiziere verinnerlicht.

          Castaing war schon in Mali im Einsatz und schildert, wie hilfreich es sei, wenn sich Deutsche und Franzosen kennen und einander helfen können. „Wir wissen voneinander, wie wir ticken“, sagt er. Er schwärmt vom deutsch-französischen Kameradschaftsgeist, der auch eine Außenwirkung habe. „Malier haben mir oft gesagt, dass es sie beeindruckt, wie Deutsche und Franzosen zusammenstehen“, sagt Castaing. Die Zelte des Lagers von „Barkhane“ und die des Camp Castor der Bundeswehr liegen in Gao dicht beieinander. Die Deutschen seien besonders gewieft bei der Instandsetzung und Bergung von Fahrzeugen, meint Castaing.

          Lob für französische Soldaten

          Kretschmer wiederum lobt den Erfahrungsschatz der Franzosen in der Wüste, der für die Logistikplanung sehr hilfreich sei. Der deutsche Oberstleutnant bereitet die französischen Soldaten des Versorgungsbataillons für den Kampfeinsatz in Mali vor, „das sehe ich als meine Pflicht“. Sie müssen wissen, wie sie sich verhalten, wenn ihr Versorgungskonvoi angegriffen wird. Die Sicherheitslage in Mali hat sich wieder verschlechtert. Kürzlich raste ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in eine Kolonne, zum Glück gab es nur Verletzte. Vergangene Woche starben zwei französische Soldaten in Mali, als ihr Wagen über eine Minenfalle fuhr. Kretschmer bereitet die Soldaten auch darauf vor, wie sie blitzschnell handeln können, wenn ein Fahrzeug von der Piste abkommt und verunglückt oder – das passiert auf dem Wüstensand ständig – Reifen platzen. Die klirrende Kälte in der Champagne ist zwar keine Vorbereitung für die hohen Temperaturen in Gao, „aber auf jeden Fall für extreme Witterungsverhältnisse“, sagt Kretschmer. Ein Soldat serviert Kaffee, französische Bohnenröstung, aber deutsch zubereitet, sagt er und lächelt.

          Der deutsche Kommandeur des Versorgungsbataillons ist auch für seine Soldaten da, wenn sie im französischen Inland im Anti-Terror-Kampf eingesetzt werden, selbst wenn ein solcher Einsatz in Deutschland unvorstellbar wäre. Kretschmer schildert, wie er in Hazebrouk nahe der französisch-belgischen Grenze seine Soldaten besuchte, die für die Terror-Schutz-Operation „Sentinelle“ nach Flandern abgestellt wurden. „Das war eine wichtige Geste“, meint Castaing.

          Die mehr als 30 Lastwagen und anderen Fahrzeuge des Versorgungskonvois sind inzwischen ordentlich in Reihe geparkt, Zeit für eine Zwischenbilanz. Die Soldaten stehen stramm, die braun-grünen Flecken auf den Tarnanzügen der Franzosen sind etwas breiter, ansonsten sind sie in der Wintersonne kaum von den Deutschen zu unterscheiden. Ihr gemeinsames Erkennungsmerkmal ist das blaue Barett, auf dem französische und deutsche Flagge ineinander zu einem Abzeichen verwoben sind. „Operettenbrigade“ ist die 1989 begründete Einheit oft abfällig genannt worden, weil man deren Soldaten vor allem bei der Militärparade auf den Champs-Elysées oder bei anderen feierlichen Anlässen defilieren sah. Die vielfältigen Einsätze der Brigade – derzeit ist ein Teil der Männer in Litauen – wurden weniger in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

          Nicht weit vom Übungsgelände empfängt General Bertrand Boyard in einem kahlen Kasernenzimmer. Der drahtige Franzose, Vater von sieben Kindern, leitet seit vergangenem Juli die insgesamt 5000 Soldaten zählende Deutsch-Französische Brigade als Kommandeur. Auch er spricht fließend Deutsch, aber vor allem eine klare Sprache. Natürlich könne man auch nach fast 30 Jahren noch immer darauf abheben, wie unterschiedlich die Militärkultur in Frankreich und in Deutschland sei: hier ein Präsident als Armeechef, der quasi im Alleingang Auslandseinsätze anordnen könne, dort eine Parlamentsarmee, die erst nach langwierigen Abstimmungsprozessen und dann meist mit vielen formalen Auflagen einsatzbereit sei.

          Doch innerhalb dieser Systemunterschiede seien die Fortschritte beachtlich, hebt der General hervor. „Es ist eine neue militärische Generation herangewachsen, die automatisch deutsch-französisch denkt“, sagt er. Sein Stellvertreter, Oberst Frank Wachter, pflichtet ihm bei. Es sei immer einfach, das Trennende herauszustellen, aber viel schwieriger, das Verbindende wahrzunehmen. Als großen Vorzug der Deutsch-Französischen Brigade stellt Oberst Wachter die Fähigkeit ihrer Mitglieder bis zu den unteren Rängen heraus, im multilateralen Kontext zu arbeiten. Diese Erfahrung sei bei den meisten Einsätzen von unschätzbarem Wert, denn immer seltener sei die Armee in rein nationalen Missionen gefragt. „Humane Interoperabilität“ nennt der Oberst diese Stärke.

          „Repos!“, schallt es über den Platz, „Rührt euch!“. Die Soldaten haben einen kurze Mittagspause, sie räumen ihre Proviantpakete hervor und machen es sich auf den Ladeflächen der Lastwagen bequem, so gut es in der klirrenden Kälte geht. Die Deutschen haben Wurst, die Franzosen Saucisson. Soldatin Alexandra ist 22 Jahre alt und zum ersten Mal bei einer Übung dabei. „Es ist spannend, wie unterschiedlich wir sind und dennoch so gut miteinander auskommen“, sagt sie. Die Frauen der Brigade teilen sich ein Zelt. Ihre jeweiligen Sprachkenntnisse der Nachbarsprache sind noch ausbaufähig, auf Englisch kommen sie gut klar. Das bestätigt auch die 20 Jahre alte Océane, die von der französischen Karibikinsel Martinique kommt. Sie sagt, der Soldatenalltag sei schon hart, aber der Kameradschaftsgeist lasse sie alle Härten vergessen. Am Abend davor haben sie zusammen gesungen, französische Chansons und deutsche Schlager, bei „99 Luftballons“ von Nena hätten sogar viele Franzosen den Text gekonnt. Zu Waffenbrüdern gehörten aber auch die Nationalhymnen, sagt Oberstleutnant Kretschmer und berichtet von einem gewagten Experiment. Die Bundeswehr-Soldaten hätten die Marseillaise eingeübt und die Franzosen die deutsche Hymne. „Als wir mit dem Singen fertig waren, haben die Franzosen applaudiert“, sagt er schmunzelnd, „es geht doch: Allons les enfants!“

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