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Reaktionen in Frankreich : Ist Pegida ein deutscher Front National?

Pegida-Unterstützer am Montagabend in Dresden Bild: AFP

In Frankreich zerbricht man sich den Kopf über die neue deutsche Fremdenfeindlichkeit. Manche träumen angesichts der Pegida-Demonstrationen von einer populistischen Welle auch in ihrem Land.

          „Islamfeindlichkeit zerreißt Deutschland“ schreibt die französische Zeitung „Le Monde“ am Dienstag auf ihrer Titelseite. Die Schlagzeile ist bezeichnend für das große Interesse, auf das die deutschen Pegida-Demonstrationen in Frankreich stoßen. Während sich französische Politiker noch nicht geäußert haben, schwingt in den meisten Presseberichten eine Spur von Verwunderung mit: Wie kommt es, dass auch im wirtschaftlich starken, von geringer Arbeitslosigkeit geprägten Nachbarland eine fremdenfeindliche Bewegung entstehen konnte? Die linksgerichtete „Libération“ sieht die „Toleranz-Kultur“ in Deutschland in einer Krise. „Le Monde“ verweist darauf, dass sich „die Sprache des Rassismus“ banalisiert habe. „L’Opinion“ sieht Parallelen zwischen den Anhängern Marine Le Pens und jenen Deutschen, die gegen die vermeintliche Gefahr protestieren, vom Islam erobert zu werden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Wie die Bewegung Pegida präsentiert sich der Front National als „Anti-Establishment-Partei“ gegen die Herrschaft eines angeblichen Systems von skrupellosen Kapitalisten, die ihr Land an „Fremdes“ preisgeben. Aber die Frage „Pegida, ein deutscher Front National?“ beantwortet der Journalist Jean-Louis Thiériot in „L‘Opinion“ dann mit einem klaren Non. Pegida sei anders als der Front National „explizit“ europäisch, die Bewegung fordere sogar eine europäische Einwanderungszentrale, während Le Pen die Einwanderungspolitik in den nationalen Kompetenzrahmen zurückführen wolle. Pegida sei jedoch wie der Front National Teil der populistischen Welle, die Europa derzeit überschwemme.

          „Pegida“ ein Vorbild für Pierre Cassen

          Der Franzose Pierre Cassen sieht in Pegida hingegen den Vorboten einer neuen Bewegung, die sich über ganz Europa ausbreitet. Das zumindest strebt Cassen an, der die Gruppierung „Riposte Laique“ begründet hat. Im Internet hat sich „Riposte Laique“ seit 2007 mit Propaganda gegen die Islamisierung Frankreichs einen Namen gemacht. „Riposte Laique“ tritt für einen strikten Respekt der Laizität, der Trennung von Staat und Religion ein und „vereint Patrioten von der Linken und von der Rechten“, wie die Gruppe bekundet. Die alarmierenden Berichte über die fortschreitende Islamisierung, Aufrufe und Aktionen aber sind größtenteils vertraulich geblieben und erreichten keine Breitenwirkung. Deshalb ist „Pegida“ jetzt ein Vorbild für Cassen, der von einer „Massenbewegung der Patrioten“ in Frankreich träumt.

          Marine Le Pen sieht in Pegida kein Vorbild für eine europaweite Bewegung.

          Für den 18. Januar hat Cassen Gruppierung zu einer Kundgebung auf dem Platz der Pariser Börse aufgerufen. Der Aufruf wird auch von der jüdischen „Ligue de défense juive“ verbreitet. „Islamisten raus aus Frankreich“, steht auf den Plakaten, die auf die Kundgebung hinweisen. Vor einer in die Trikolorefarben getauchten Frankreich-Karte sind darauf Hände zu sehen, die mit roten Karten schwenken. Auf den symbolischen Platzverweis für „die Islamisten“ muss Cassen bei einer Front-National-Kundgebung gekommen sein. Marine Le Pen setzt seit längerem gelbe und rote Karten im Publikum ein, damit ihre Anhänger mitmachen und ihren Unmut über das politische Establishment auch mit Schiedsrichtergesten äußern können. Der frühere Trotzkist Cassen stand auch hinter den Gelagen mit „Schwein und Wein“ im Pariser Einwandererviertel La Goutte-d’Or, die vom rechtsextremen „Bloc Identitaire“ mit organisiert wurden.

          Auch in anderen, hauptsächlich von Muslimen bewohnten Vierteln in französischen Großstädten fanden solche provokanten Apéritif-Veranstaltungen mit Schweinefleisch und Alkohol („saucisson pinard“) statt, um gegen die vorgebliche Islamisierung zu protestieren. Vor gut zwei Jahren besetzten Cassen und seine Leute zusammen mit den Mitgliedern von Bloc Identitaire die Moschee von Poitiers – in Erinnerung an die Schlacht von Poitiers 732, als Frankenkönig Karl Martell die muslimischen Eindringlinge besiegte. Marine Le Pen ist diesen Aktionen wohlgesonnen, aber sie hält sich bedeckt. Anders als nach der Gründung der „Alternative für Deutschland“ hat sie in ihren jüngsten Interviews kein Interesse an Pegida bekundet. Stattdessen jubelte sie über den angekündigten Erfolg der griechischen Linkspartei Syriza.

          Auch Florian Philippot, der stellvertretende Parteivorsitzende, frohlockt derzeit lieber über die Schwierigkeiten, die ein Wahlsieg Syrizas dem „deutschen Spardiktat für Europa“ bereiten könnte, als sich mit Pegida zu beschäftigen. Der Chef des „Bloc identitaire“, Fabrice Robert, sagte im Magazin „L’Express“, er glaube nicht, dass die Franzosen bereit wären, gegen eine drohende Islamisierung massenhaft auf die Straße zu gehen. „Wir werden keine Großdemonstrationen wie in Deutschland erleben. Um die Familienwerte zu verteidigen, sind die Franzosen zu mobilisieren. „Aber nicht gegen den Islam“, sagte Robert. Dies ist aus seiner Sicht der Grund, warum Marine Le Pen in Pegida kein Vorbild ausgemacht hat.

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