19.01.2012 · Nicht erst seit dem Verlust des AAA-Rating wird Frankreich von Abstiegsängsten heimgesucht. Der Abschied von der „exception française“ fällt dem Land schwer.
Von Michaela Wiegel, ParisDie politische Maxime, Reformen am besten in den ersten hundert Tagen im Amt anzustoßen, verkehrt Nicolas Sarkozy gerade ins Gegenteil. Als Reformer der letzten hundert Tage entfacht der Präsident kurz vor Ablauf seines Mandats ein Feuerwerk der Ideen und Initiativen. Er will Arbeitslose schneller umschulen, die Kurzarbeitregeln vereinfachen, die Jobvermittlung verbessern, die Sozialabgaben für die Arbeitgeber senken; er erwägt eine Mehrwertsteuererhöhung und die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Die Reformoffensive prasselt auf ein Land nieder, das kollektive Selbstzweifel hat. Nicht erst seit dem Verlust der besten Bewertungsnote, des AAA, wird Frankreich von Abstiegsängsten heimgesucht.
Diese Furcht hat zahlreiche Abstiegstheoretiker hervorgebracht, die in mehr oder minder wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Presseartikeln und Büchern beschreiben, wie es mit Frankreich bergab geht, wirtschaftlich, politisch und überhaupt. Die Entscheidung der amerikanischen Ratingagentur Standard & Poor’s, dem Land die beste Bonitätsbewertung zu entziehen, hat große politische Wirkung entfaltet, denn sie trifft auf ein auf Tadel dressiertes Publikum. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass die Abwertung (bislang) auf den Finanzmärkten fast folgenlos geblieben ist. Frankreich ist schon mit angekratztem Selbstbewusstsein in die Globalisierung gezogen. Seither hadert es mit den Anforderungen des globalen Wettbewerbs - und mit sich selbst.
Nach den drei Niederlagen des vergangenen Jahrhunderts - der Kapitulation 1940, dem Indochina- und dem Algerien-Krieg - hatte de Gaulle den Glauben an die „exception française“ erneuert. Er richtete seine Landsleute auf mit einer „gewissen Idee von Frankreich“, die ihnen den Weg vom Agrar- zum Hochtechnologiestaat ebnete und sie drei Jahrzehnte ungebrochenen Wirtschaftswachstums erleben ließ. Noch immer wirkt in Frankreich das Selbstverständnis der begnadeten Nation nach, deren universelles Sendungsbewusstsein einhergeht mit der Kunst, auf der Weltbühne stets eine tragende Rolle zu spielen. Die Wirtschaft zog lange mit und erlaubte den Franzosen einen in aller Welt bewunderten Lebensstil. Es galt der Spruch, dass die Franzosen nur arbeiten, um zu leben. Die Rente mit sechzig oder die 35-Stunden-Woche waren Ausdruck eines Ideals, wonach das eigentliche Leben nach der Arbeit stattfindet. Das reicht bis in die Organisation des Schulalltags hinein: Langen Unterrichtstagen, an denen den Schülern enorm viel abverlangt wird, folgen zur Belohnung lange Ferienstrecken.
Doch dieser Lebensstil, ob frühes Pensionsalter oder kurze Arbeitswochen, fällt nach und nach dem Druck des Weltmarktes zum Opfer. Selbst der Schulrhythmus steht auf dem Prüfstand. Der Abschied von der „exception française“ fällt dem Land schwer.
Frankreich will sich nicht als gewöhnliche Mittelmacht verstehen, die im internationalen Vergleich zurückfällt. Das gilt insbesondere im Verhältnis zu Deutschland, dessen wirtschaftliche Überlegenheit Frankreich bereitwillig akzeptierte, solange es die Rolle des politischen Vormunds spielte. Den politischen Emanzipationsprozess seines privilegierten Partners seit der Wiedervereinigung hat Frankreich gerade bewältigt. Aber gegen die Aussicht, in Europa nicht mehr gleichberechtigt im deutsch-französischen Duo, sondern allenfalls als Anführer einer ökonomisch abgehängten Südliga zu agieren, sträubt es sich. Schon sagen die Niedergangstheoretiker eine Spaltung der EU in eine ökonomisch dynamische Nord-Union - mit den AAA-Staaten Deutschland, Niederlande und Finnland als Lokomotiven - und in eine im Teufelskreis von Überschuldung und Rezession gefangene Südliga voraus. Frankreich würde dann seine zentrale Rolle verlieren als Mittler zwischen wirtschaftlich angeschlagener Peripherie und ökonomisch erstarkten Musterländern.
Anders als im Präsidentenwahlkampf 2007 ist (noch) nicht zu spüren, dass die Bürger entschlossen sind, das Schicksal ihres Landes wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Es herrschen Politikverdrossenheit und eine gewisse Resignation. Dafür gibt es Gründe: Der Schuldenstand ist so hoch wie noch nie; das Land steuert auf drei Millionen Arbeitslose zu; jeden Tag gibt es neue Meldungen von Fabrikschließungen und Sozialplänen. Und dann bekommen die Franzosen zu hören, dass sie im Vergleich zu den Nachbarn zu wenig arbeiteten. Dabei ist ihnen längst klar, dass sich ihr Land ändern muss und der behäbige Wohlfahrtsstaat nicht mehr zu finanzieren ist. Ihre Zerknirschtheit ist darauf zurückzuführen, dass es trotz ihres Reformwillens kaum aufwärtsgeht. Die Zukunft des Gemeinwesens beurteilen sie pessimistisch.
Im Privaten aber bleiben sie Lebenskünstler. „Burn-out“, worüber in Deutschland so viel geschrieben wird, ist in Frankreich kein Thema. Wie groß das Vertrauen der Franzosen in die Zukunft ist, zeigt keine Statistik besser als die der hohen Geburtenrate. Die französische Bevölkerung wächst im Gegensatz zur deutschen. Das sollte Ansporn genug sein, Frankreichs Blockaden aufzubrechen und die Reformen fortzuführen. Das wird ein langer Prozess sein, in dem die Präsidentenwahl nur eine Etappe darstellt.
Burn out ist vielleicht kein Thema ...
Hinrich Mock (HinrichM)
- 20.01.2012, 19:44 Uhr
Frankreich befindet sich am Anfang eines Lernprozesses
Lukas Leroc (LuLeroc)
- 20.01.2012, 17:18 Uhr
Frankreich wird noch zu gut bewertet
Lukas Branach (Lubitsch)
- 20.01.2012, 15:58 Uhr
Währungsstabilität
otto sundt (drto)
- 20.01.2012, 15:52 Uhr
Geburtenrate
Horst Delmen (Dr.Delmen)
- 20.01.2012, 15:19 Uhr