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Frankreich vor der Wahl Wo Ségolène Pilze sammelte

19.04.2007 ·  Im Endspurt des Wahlkampfes um das Amt des französischen Präsidenten hat die sozialistische Kandidatin Royal noch einmal ihr Heimatdorf besucht. Dort präsentierte sie ihre schwere Kindheit. Von Michaela Wiegel.

Von Michaela Wiegel, Chamagne im April
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Wimpel und blau-weiß-rote Flaggen schmücken das Rathaus. Auch Bürgermeister Gérard Pachot, 60 Jahre alt, hat sich eine Schärpe in den französischen Nationalfarben umgebunden. Hat Ségolène Royal nicht ihre Leidenschaft für die Symbole der französischen Nation bekundet? Monsieur le Maire schaut auf die Armbanduhr, er erzählt, wie er mit Ségolènes jüngerem Bruder Antoine den Plan ausgeheckt hat, die Präsidentschaftskandidatin in ihr Heimatdorf einzuladen. „Ich gehöre ja keiner Partei an, das gäbe sonst nur Streit. Aber auf eine Attraktion wie Ségolène Royal kann Chamagne stolz sein“, sagt der Bürgermeister.

Eine Limousine hält vor der Dorfschule gleich neben dem Rathaus. Die Dorfbewohner und andere Schaulustige werden von den Kamerateams abgedrängt, die zu Ségolène Royal stürzen. Die Sozialistin hat ihren ältesten Sohn Thomas mitgebracht, sie begrüßt ihren Bruder Antoine, den Bürgermeister und ihr früheres Kindermädchen, das inzwischen eine alte Dame ist.

„Ich kenne mehr als hundert Pilzarten“

Über die veraltete Lautsprecheranlage der 460-Seelen-Gemeinde dringen nur Wortfetzen der Präsidentschaftskandidatin in die Menge. Sie sei glücklich, „wieder in Kontakt mit meiner Geschichte, mit der ländlichen Identität Frankreichs zu treten“, sagt sie.

„Hier habe ich alles gelernt, alle Farben, alle Gerüche, den Wechsel der Jahreszeiten.“ Sie erinnert sich öffentlich, wie sie in den Wäldern Pilze sammelte („ich kenne mehr als hundert Pilzarten“), wie sie mit ihren Geschwistern Mirabellen pflückte, aus denen der Großvater „gnône“, einen Likör, machte.

„La France Présidente“

Nicolas Sarkozy, ihr Konkurrent von der bürgerlichen Rechten, hat die „nationale Identität“ zum Hauptthema des Wahlkampfes erhoben. Ségolène Royal nimmt die Franzosen auf eine Reise zu den „Wurzeln“ ihrer Identität mit. Chamagne, das Dorf in Lothringen, ist dabei die dritte Station, nach Dakar in Senegal, wo die Offizierstochter geboren wurde, und Martinique, dem französischen Überseedépartement in der Karibik, wo sie die Grundschule besuchte. Schwarzafrika, Übersee und Lothringen: Ségolène Royal soll das Frankreich in seiner multikulturellen Vielfalt verkörpern, die ersehnte Einheit stiften, die ihr Wahlslogan „La France Présidente“ suggeriert.

Zwei kleine Mädchen in bunten Sommerkleidern haben mit Filzstiften ein Bild gemalt: Ségolène Royal in einem blau-weiß-roten Kleid. Die Mädchen kichern aufgeregt, als sie die Zeichnung der Präsidentschaftskandidatin überreichen. Dann schreitet Ségolène Royal die Rue de Lorraine hinauf, hin zum Haus ihrer Kindheit und Jugend; die Fensterläden, von denen die Farbe bröckelt, sind geschlossen, die Scheibe der Lichtluke über der breiten Eingangstür zerbrochen, wilder Wein rankt an der Fassade hoch.

Der Nachbar, der mit nacktem Oberkörper in der Sonne vor seiner Haustür sitzt, versichert, dass Ségolènes Vetter Dominique Royal, ein Berufsoffizier, das Haus weiter als Feriendomizil für seine Familie nutze. Ihren Vater hat er noch gekannt, der seine letzten Lebensjahre allein in dem schwer beheizbaren Anwesen verbrachte.

„Wir waren eher Traditionalisten“

Ségolène Royals Mutter, die, ohne zu klagen, die acht Kinder großzog, hatte es irgendwann nicht mehr ausgehalten mit ihrem gestrengen Mann. Damals studierte Ségolène gerade an der Universität in Nancy, etwa 40 Kilometer von Chamagne entfernt, ihre Mutter flüchtete zu ihr, eine prägende Erfahrung für die Studentin, die unverheiratet bleiben sollte. Ségolène Royal spricht häufig über „ihre schwere Kindheit“, die Gefühlskälte des Vaters, der seine Söhne mit militärischen Drill, die Töchter zu demütigen künftigen Ehefrauen erzog.

„Unsere Erziehung war außerordentlich streng, aber auch das trägt zur Charakterbildung bei“, sagt Ségolène Royal vor dem Rathaus. Ihren Vater, den sie auf Unterhaltszahlungen verklagte, hat sie bis zu seinem Tod 1981 nicht mehr gesehen. Antoine Royal, ihr 15 Monate jüngerer Bruder, hat sich als einziger der acht Geschwister mit dem Vater versöhnt. „Erteile mir nie wieder einen Befehl“, will er ihm gesagt haben.

Dem Bruder ist anzumerken, wie fremd ihm der Kontakt mit der Presse ist, er antwortet freundlich auf alle Fragen, auch wenn er zum dritten Mal die gleiche Antwort geben muss. Fortschrittlich ging es nicht gerade zu in seiner Familie, sagt er lächelnd. „Wir waren eher Traditionalisten.“ Er erzählt, wie alle Kinder am Sonntag „im Gänsemarsch“ hinter dem Vater in die Messe gingen, nach dem Mittagsmahl sangen die Größeren gregorianische Gesänge vor. Alle Kinder lernten Deutsch, das wollte der Vater so, ein passionierter Germanist, der seinen jüngsten Sohn Sigisbert taufte. „Englisch war ihm viel zu modern“, sagt Antoine.

„Sie steht in der Realität dieses Landes“

Ségolène Royal geht am Geburtshaus des Landschaftsmalers Claude Lorrain vorbei, das jetzt ein Museum ist, sie sagt, dass es schon eine Berühmtheit aus Chamagne gibt. Von Zeit zu Zeit gelingt es einigen Dorfbewohnern, durch den Wall der Kameraleute zu ihr vorzudringen.

Thomas Hollande, ihr ältester Sohn mit Dreitagebart und ungebändigtem dunklen Haarschopf, findet es interessant, das Dorf der Royals kennenzulernen, er war noch nie in Chamagne. Dann zerrt ihn eine Mitarbeiterin Ségolène Royals zurück an die Seite seiner Mutter: „Wo warst du denn? Wir brauchen dich für die Fernsehaufnahmen.“

Die Sozialistin steuert jetzt auf den Friedhof zu. Das Familiengrab liegt zur Rechten der Zentralallee. Die schwarze Marmorplatte ist nur mit einer welken Topfblume geschmückt. Kurz vor dem Friedhofeingang macht Ségolène Royal kehrt, sie wird nicht zum Grab gehen, die Visite in Chamagne ist beendet. „Sie ist wirklich aus Frankreich, sie steht in der Realität dieses Landes“, sagt Patrick Menucci, ihr Kampagnenleiter.

„Mir bleibt in diesem Wahlkampf auch nichts erspart“

Aus Paris dringt die Nachricht in den Bus der mitreisenden Journalisten vor, dass François Hollande „die Nerven verloren hat“. Der Chef der Sozialistischen Partei (PS) und Lebensgefährte Royals soll sich erregt haben über die „Vereinnahmungsversuche“ Jean-Pierre Chevènements. „Die Kandidatin“ solle sich vor Chevènement, dem Linkspatrioten, in Acht nehmen, er gebe ihr einen altmodischen Anstrich, soll Hollande gewettert haben. „Was Hollande sagt, ist uns egal“, sagt Kampagnenleiter Menucci.

Ségolène Royal weiß da noch nicht, dass sie sich weniger vor Chevènement, den sie in Belfort besuchen wird, denn vor einem anderen sozialistischen Veteranen fürchten muss. Michel Rocard, der frühere Premierminister, hat sich für ein Bündnis der Sozialisten mit dem Zentristen François Bayrou ausgesprochen - die einzige Chance für die Linke, die Präsidentenwahlen zu gewinnen, glaubt Rocard. Bernard Kouchner, der als Mitbegründer der „Ärzte ohne Grenzen“ den Friedensnobelpreis gewann, schließt sich dem Aufruf Rocards an. „Mir bleibt in diesem Wahlkampf auch nichts erspart“, seufzt Ségolène Royal.

„Für die Zukunft meiner Kinder fürchte ich mich“

Für ihren Besuch bei Chevènement, in der Fabrikhalle von Alstom, wo die Wagen für den bald auch durch Lothringen rasenden Hochgeschwindigkeitszug TGV gefertigt werden, interessiert sich jetzt niemand mehr. „Ich bin die einzige Kandidatin, die aus den eigenen Reihen angegriffen wird“, sagt die Sozialistin. Sie interpretiert die Attacken als Ergebnis männlicher Machterhaltungsinstinkte.

Eric Besson, ihr Wirtschaftsberater, der mitten im Wahlkampf zurücktrat, hat ihr in einem Pamphlet „ihre Inkompetenz“ vorgehalten, sie als Gefahr für Frankreich bezeichnet: „Für die Zukunft meiner Kinder fürchte ich mich vor einem Wahlsieg Ségolène Royals.“ Eine ganze Riege von hohen Beamten und Mitgliedern der Wirtschaftselite, die sozialistisch wählten, haben unter Codenamen wie „Gracques“ und „Spartacus“ ihre Sympathien für François Bayrou bekundet.

„Ich verstehe nicht, warum sie nicht geheiratet hat“

„Mich ärgert das fürchterlich, dass ihr immer Inkompetenz vorgeworfen wird“, sagt eine junge Frau unter den Schaulustigen. Sie will für Ségolène Royal stimmen, auch wenn die Kandidatin vielleicht nicht die Zahl der französischen Atomunterseeboote kennt. „Ich finde es bewundernswert, wie sie diesen Wahlkampf durchsteht“, sagt die Freundin der Französin.

Ein älterer Herr, der „nur aus Neugierde“ da ist, sieht das anders. „Ich verstehe nicht, warum sie nicht geheiratet hat. Will sie so die Familienwerte retten?“, sagt er. Er sei „kein Macho“ und bereit, für eine Frau zu stimmen. „Wenn Ségolène Royal verliert, dann nicht weil sie eine Frau ist, sondern obwohl sie eine Frau ist“, sagt ein anderer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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