Home
http://www.faz.net/-gq5-143bm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankreich Mein Vater, der Präsident

14.10.2009 ·  Jean Sarkozy strebt an die Spitze eines der größten Geschäftsviertel Europas. Doch seit die Bewerbung des 23 Jahre alte Jurastudenten öffentlich gemacht wurde, wächst der Widerstand gegen die Wahl des Präsidentensohns.

Von Michaela Wiegel, Paris
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Im Westen von Paris liegt La Défense, eines der größten Geschäftsviertel Europas. 2500 Unternehmen sind hier angesiedelt, darunter Großkonzerne wie Total und die Bank Société Générale. Im Schatten des futuristischen Bogens „Arche de la Défense“ arbeiten 150.000 Personen. 3,3 Millionen Quadratmeter Bürofläche gibt es in den Wolkenkratzern, doch wenn es nach der staatlichen Betriebsgesellschaft von La Défense, dem „Etablissement public d’aménagement de la Défense“ (Epad), geht, soll sich das Geschäftsviertel noch weiter ausdehnen. Präsident Sarkozy schwebt vor, im Zuge seines Hauptstadtplans „Grand Paris“ La Défense neue Bauflächen zuzuschanzen, nach Möglichkeit bis zum nächsten Seine-Arm. Im kommenden Jahr werden der Epad voraussichtlich 320 Hekt-ar von der Nachbarkommune Nanterre zugeschlagen.

Es trifft sich für Sarkozy deshalb gut, dass sein zweiter Sohn Jean den Ehrgeiz entwickelt hat, sich an die Spitze der Epad wählen zu lassen. Der 23 Jahre alte Jurastudent sitzt seit März 2008 im Dpartementsrat der Hauts-de-Seine, das den westlichen Speckstreifen der Hauptstadt einschließlich La Défense umfasst. Sarkozy junior schaffte es im Juni 2008, sich zum Vorsitzenden der mächtigen UMP-Fraktion im Departementsrat wählen zu lassen – zur Überraschung des bisherigen starken Mannes der Präsidentenpartei UMP in den Hauts-de-Seine, Patrick Devedjian. Nun will Jean Sarkozy auch Devedjians Nachfolge an der Epad-Spitze antreten, im Dezember, wenn Devedjian mit Erreichen der Altersgrenze ausscheiden muss.

Devedjian hatte um eine Verlängerung über das 65. Lebensjahr hinaus gebeten. Premierminister Fillon beschied sein Anliegen positiv, aber der Elysée-Palast wies die Anfrage des Ministers für „Wiederaufschwung“ zurück. Deshalb kann sich Jean Sarkozy gute Chancen ausrechnen, fortan zusammen mit seinem Vater über die weitere Entwicklung des Geschäftsviertels zu wachen und das Millionen-Budget der Epad (2009: 115 Millionen Euro) zu verwalten.

„Ich gehe meinen Weg allein“

Doch seit die Bewerbung Jean Sarkozys öffentlich gemacht wurde, wächst der Widerstand gegen die Wahl des Präsidentensohns. Der Betroffene verteidigte sich am Dienstag in der Zeitung „Le Parisien“ gegen den Vorwurf der Vetternwirtschaft: „Egal, was ich sage oder tue, es wird immer Kritik geben“, sagte Jean Sarkozy. Er habe seine Familie über seine Pläne informiert, aber das sei normal. „Ich gehe meinen Weg allein“, sagte Jean Sarkozy.

Genau daran zweifeln Sozialisten wie der Abgeordnete Arnaud Montebourg. „Weil er Sarkozy heißt, wollen wir einem Jurastudenten im zweiten Studienjahr die Epad-Leitung übertragen? Das ergibt keinen Sinn, damit zerstören wir jeden republikanischen Geist. Was ist das Verdienst von Herrn Sarkozy, abgesehen davon, dass er der Sohn seines Vaters ist?“, sagte Montebourg. Der frühere sozialistische Premierminister Fabius scherzte: „Wir brauchen an der Spitze der Epad einen herausragenden Juristen, und Jean Sarkozy ist schon im zweiten Studienjahr.“ Der Vorsitzende der Zentristenpartei „Modem“, Franois Bayrou, verglich den Nepotismus der Präsidentschaft Sarkozys mit der „Dekadenz des Römischen Reiches“.

Das Präsidentenlager stellte sich hingegen demonstrativ hinter die Sarkozys. UMP-Parteisprecher Frédéric Lefebvre kritisierte, Jean Sarkozy sei „Opfer“ seines Familiennamens. „Im Alter von 23 Jahren hat Jean Sarkozy vielleicht schon mehr Talent als sein Vater im gleichen Alter“, sagte der Präsidentenfreund und UMP-Abgeordnete Patrick Balkany.

„Mustergültige Republik“

In Frankreich haben sich die Staatspräsidenten selten gescheut, ihre Familie in die Staatsgeschäfte einzubinden. Sarkozys Vorgänger, Präsident Chirac, beschäftigte seine Tochter Claude als Kommunikationsberaterin. Sie stand ganz offiziell auf der Gehaltsliste des Elysée-Palastes und war auch bei fast allen Reisen ihres Vaters dabei. Ihr Spitzname lautete „Niemals-ohne-meine-Tochter“. Der sozialistische Präsident Mitterrand nominierte seinen Sohn Jean-Christophe als Afrikaberater; er hielt im Namen seines Vaters den Kontakt zu den afrikanischen Staatschefs. Die Franzosen gaben ihm den Spitznamen „Papamadit“ („Papa hat mir gesagt“).

Die Personalie Jean Sarkozy eckt vor allem deshalb an, weil Nicolas Sarkozy mit dem Versprechen einer „mustergültigen Republik“ angetreten war und in Aussicht gestellt hatte, hohe staatliche Posten künftig strikt nach Qualifikation und Verdienst zu vergeben. Mit einem Zitat aus den Wahlkampfversprechen des Präsidenten beginnt auch die Petition gegen die Wahl Jean Sarkozys zum Epad-Präsidenten, die von einem Zentristen, Christophe Grébert, organisiert wurde. Mehr als 28 000 Personen haben die Petition schon unterzeichnet. Grébert beklagt die mangelnde Kompetenz des jungen Sarkozy: „Er verfügt über keinerlei Erfahrung.“ Sarkozy weist diese Kritik zurück: „Ich will meine Taten und Ergebnisse beurteilt sehen, nicht meine Geburtsurkunde.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 2