13.01.2007 · Seine revisionistischen Provokationen haben Jean-Marie Le Pen Bekanntheit beschert - und etliche Gerichtsprozesse. Seinen Wahlkampf um die französische Präsidentschaft führt er diesmal deutlich sanfter. Er könnte es wieder in die zweite Runde schaffen.
Von Michaela Wiegel, Saint-CloudDer Weg zu Jean-Marie Le Pen führt durch ein imposantes schmiedeeisernes Tor mit Lichtschranke und Geheimcode. Es trennt die Außenwelt vom vornehmen Anwesen auf den westlich von Paris gelegenen Hügeln. Hier im Parc Montretout mit seinen Millionärsvillen und dem garantiert freien Blick auf den Eiffelturm hat Le Pen vor dreißig Jahren sein Hauptquartier bezogen.
Zwei argwöhnisch knurrende Dobermänner sind die Begleiter auf dem Weg in die stattliche Villa, die 900 Quadratmeter groß sein soll. Wie ein bürgerliches Manifest wirkt die Inneneinrichtung: Ein Ölporträt des jungen Unteroffiziers Le Pen in heller Paradeuniform hängt an der Wand, auf einer Anrichte liegt die Heilige Schrift. Le Pen ist zwar geschieden, aber er hält Familienwerte hoch. Tochter Marine, Le Pens mögliche Nachfolgerin an der Parteispitze, wohnt mit ihren drei Kindern in dem Verwalterhäuschen auf Vaters Grund.
„Das Original ist besser als die Kopie“
Ein anständiger Patriarch ist er, der Monsieur Le Pen, lautet die Botschaft des Besuchersalons. Der Vorsitzende des „Front National“ (FN) empfängt pünktlich und jovial, entschuldigt sich für den Hundeschrecken, er möge sie halt, seine Dobermänner.
Vier Monate vor der Präsidentenwahl hat sich Le Pen einem Wahlkampf der Respektierlichkeit verschrieben, mit dem er den ohnehin schwindenden Effekt der Verteufelung seiner Partei als „braune Gefahr“ für die französische Demokratie wettmachen will. „Seit fünfzig Jahren habe ich alle demokratischen Spielregeln beachtet, nie habe ich dagegen verstoßen“, sagt er.
Seine Ideen seien inzwischen von allen kopiert worden. Besonders Innenminister Nicolas Sarkozy, der sich an diesem Sonntag von seiner Partei zum Kandidaten küren lässt, habe in seinem Programm gewildert, ob bei der Kriminalitätsbekämpfung oder bei der Einwanderung. Le Pen hält sich zugute, dass „das Original besser ist als die Kopie“.
Schafft er es wieder in die zweite Runde?
Er glaubt an seine Chancen, seinen Erfolg von 2002 wiederholen und in den zweiten Wahlgang der Präsidentenwahl gelangen zu können. Jüngste Umfragen belegen, dass jeder vierte Franzose die Vorstellungen Le Pens teilt, nur noch jeder Dritte hält seine Ideen für „inakzeptabel“. Vor zehn Jahren hatten noch gut die Hälfte aller Franzosen das Gedankengut Le Pens strikt zurückgewiesen.
Dem 78 Jahre alten Mann, bieder in dunkler Anzugsjacke gekleidet, sieht man die bewegte Vergangenheit in rechtsextremen Kreisen nur an den Augen an. Nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit linken Studenten erblindete der damals in einer Organisation rechtsextremer Jurastudenten agitierende Le Pen auf seinem linken Auge. Später hat er einmal versucht, sein Glasauge als Folge einer Augenkrankheit darzustellen.
Le Pen brüstet sich damit, als wahrer französischer Patriot seinen Ideen treu geblieben zu sein. „Ich bin einer der wenigen Abgeordneten, die 1957 gegen den Vertrag von Rom gestimmt haben“, sagt er. Obwohl er damals durchaus von einem europäischen Solidaritätsgefühl erfasst gewesen sei, habe er von Anfang an einem europäischen Integrationsideal misstraut, das die Nationen zu schwächen drohte.
Der EU-Ausstieg ist kein Thema mehr
„Die Nation bleibt der beste Rahmen, in dem Freiheit und Sicherheit der Bürger gewährleistet und ihre Identität bewahrt werden können“, sagt Le Pen. Das hätten inzwischen auch viele der „europeistes“ wiederentdeckt, denen er als Abgeordneter im Europäischen Parlament begegne.
Einen unilateralen „Ausstieg Frankreichs aus der EU“ verlangt Le Pen nicht mehr, vielmehr ist er davon überzeugt, dass sich der Prozess der Verlagerung von Zuständigkeiten zurück in die Mitgliedstaaten wegen der institutionellen Krise beschleunigen wird. Das gelte besonders für das Schengen-Abkommen, das die Verantwortlichkeit für den Schutz der europäischen Grenzen verwische. Jeder Unterzeichnerstaat sei willkürlich den Mitgliedstaaten ausgeliefert, die illegale Einwanderer in ihr Land ließen: „Das kann nicht so weitergehen, das hat inzwischen auch Nicolas Sarkozy begriffen.“
Le Pen glaubt zudem, dass sich der Euro „von selbst erledigen wird“. Eine Einheitswährung könne sich langfristig nur bei wirtschafts- und steuerpolitischer Harmonisierung bewähren; da zu dieser der Wille fehle, werde auch der Euro immer mehr auf Kritik stoßen. Le Pen spricht sich für eine europäische Konföderation aus, einer freundschaftlichen Zusammenarbeit der Nationen „von Brest bis Wladiwostok“.
„Weil ich die herrschende Kaste bedrohe“
Russland und die Ukraine will er unbedingt in diese Konföderation mit einbinden, die Türkei hat hingegen in Europa seiner Meinung nach nichts zu suchen: „Ob es Jacques Chirac passt oder nicht, Europa hat christliche Wurzeln.“
In seiner bretonischen Heimat heißt Le Pen so viel wie „der Stein“. Er spricht denn auch mit Stolz von seiner „soliden Verfassung“, die ihn nicht an politischen Ruhestand denken lasse. Zum fünften Mal seit 1974 will Le Pen bei der Präsidentenwahl antreten. 1981 fand er nicht die notwendigen 500 politischen Paten - Amtsträger in den Kommunen oder Regionalräten, um bei der Präsidentenwahl kandidieren zu dürfen. Auch dieses Mal fürchtet er, dass ihm die Patensuche schwergemacht wird. Le Pen beklagt sich über das „undemokratische Wahlrecht“ in Frankreich, das seine Partei in die außerparlamentarische Opposition zwinge. Die sechs Millionen Wähler, die 2002 für ihn stimmten, hätten keinerlei Vertreter im Parlament.
Das liegt am Mehrheitswahlrecht und an der Weigerung bürgerlicher Parteien, mit dem „Front National“ zu paktieren. Seine antisemitischen und revisionistischen Provokationen haben Jean-Marie Le Pen in der Vergangenheit Bekanntheit und etliche gerichtliche Verurteilungen beschert. Heute will er davon nichts mehr wissen. „Man fürchtet mich, weil ich das System der herrschenden politischen Kaste bedrohe“, sagt er.
„Ich bin unkontrollierbar“
Sozialisten wie rechtsbürgerliches Lager hätten Angst vor ihm, weil er sich nicht durch die Interessen der Staatsoligarchie gebunden fühle. „Ich bin unkontrollierbar, weil ich frei bin von finanziellen und korporatistischen Abhängigkeiten.“
Im Jahr 1976 erbte Le Pen das Vermögen des Baumoguls Hubert Lambert, darunter die Villa in Montretout. Der Fischerssohn - das Schiff des Vaters war 1942 auf einer deutschen Mine zerschellt - muss sich seither keine finanziellen Sorgen mehr machen. Seine zweite Heirat mit einer reichen Witwe mehrte sein Vermögen weiter. Das hindert ihn nicht daran, als Anwalt jener Franzosen aufzutreten, die sich vor Verarmung, Kriminalität und Überfremdung ängstigen.
Nur noch ein Viertel seiner Landsleute finden seine Ideen unannehmbar. „Alle Kandidaten haben von mir Ideen aufgegriffen“, sagt Le Pen. Seine Genugtuung über diese „Lepenisierung“ lässt ihn von seinen radikalsten Forderungen langsam abrücken. Über Abtreibungen, die er lange Zeit wieder unter Strafe stellen wollte, will er künftig die Franzosen in einem Referendum entscheiden lassen.
Seine Plakatkampagne ist deutlich sanfter und beruhigender als früher. „Französische Kultur“ steht unter einem Poster, das ihn in einem Weizenfeld zeigt. Es heißt nicht mehr „Franzosen zuerst“, sondern Le Pen wirbt um Stimmen aus den Einwanderergenerationen - mit Wahlplakaten, die junge Franzosen nordafrikanischer Herkunft zeigen. „Die Banlieue-Unruhen haben gezeigt, was alles schiefgelaufen ist mit unserer sogenannten Integrationspolitik.“ Und er fügt an: „Ich bin mir sicher, dass alle Einwanderer, die wirklich Franzosen werden wollen, Le Pen wählen.“
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