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Frankreich In Stahlwerkgewittern

18.01.2012 ·  2008 versprach Nicolas Sarkozy den Arbeitern von Gandrange, ihren Standort zu retten. Er tat es nicht. Nun kam der Kandidat der Sozialisten, François Hollande. Es war kein Heimspiel.

Von Michaela Wiegel, Gandrange
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Der breite schwarze Schornstein des Stahlwerks hebt sich wie ein Glockenturm vom eisgrauen lothringischen Winterhimmel ab. Die „Kathedrale“ hatten die Bewohner von Gandrange die imposante Industrieanlage getauft, die ihre Ortschaft überragt. Das war zu den guten Zeiten, als Stahl aus Lothringen noch gefragt war. Vor knapp drei Jahren wurde der letzte Hochofen in Gandrange heruntergefahren, auch die Walzstraßen sind inzwischen außer Betrieb. „Der Rost frisst unsere letzten Hoffnungen auf“, sagt Edouard Martin von der Gewerkschaft CFDT und zeigt auf die Industrieruine. Er steht mit einer Abordnung von Stahlarbeitern vor dem schmucken Rathaus von Gandrange. 2008 hatte Nicolas Sarkozy hier einen seiner großen Auftritte. Jetzt sucht François Hollande, der sozialistische Präsidentschaftskandidat, die Enttäuschten von Gandrange um sich zu scharen.

Gewerkschafter Martin setzt Hollande einen weißen Schutzhelm auf, ein Geschenk der Stahlkocher. „Die Stahlindustrie hat Zukunft“, steht darauf. Hollande lächelt schief, dann reißt er sich den Helm vom Kopf, streicht mit der Hand die Haare zurecht. „Gandrange ist zum Symbol geworden“, ruft er, „ein Symbol für die Aufgabe der Industriepolitik, für die Vernachlässigung der Beschäftigungspolitik und für gebrochene Versprechen.“ Die Gewerkschafter klatschen.

Vor drei Jahren jubelten sie Sarkozy zu

2008 hatten sie Präsident Sarkozy zugejubelt. „Was hier passiert, geht über die Interessen eines Stahlkonzerns und Lothringens hinaus. Hier steht ein Industriestandort in unserem Land auf dem Spiel“, sagte Sarkozy. Zur Not werde der Staat zur Rettung von Gandrange einspringen, so der Präsident damals. Er bevorzuge es, Geld in das Werk zu investieren, statt es für den Vorruhestand der Beschäftigten oder Arbeitslosenhilfe auszugeben. Kurze Zeit später entschied der Eigentümer, der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal, das Werk zu schließen. Etwa die Hälfte der 1000 Beschäftigten wurde in die Arbeitslosigkeit oder den Vorruhestand verabschiedet, andere pendeln seither ins Arcelor-Mittal-Werk im nahe gelegenen Florange. Der Staat blieb als Retter aus. Sarkozy tat, was seine Landsleute nicht von ihm kennen: er schwieg. In Gandrange hat sich der Präsident nicht mehr blicken lassen.

Hollande aber will an das Schicksal der Stahlarbeiter erinnern, um Sarkozy seinen Auftritt beim großen „Krisengipfel“ für Beschäftigung zu verderben, den der Präsident am Mittwoch im Elysée-Palast einberufen hat. „Es ist eine Illusion, den Eindruck zu erwecken, dass niedrigere Sozialabgaben für die Arbeitgeber und eine höhere Mehrwertsteuer für alle Verbraucher auf einen Schlag unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern“, sagt Hollande. Aber wie will der Sozialist die Stahlindustrie retten, sollte er im Mai in den Elysée-Palast einziehen? Edouard Martin von der CFDT plädiert für ein Gesetz, das Werksschließungen schlicht verbietet. Hollande druckst herum: „Das ist kompliziert. Ich kann versprechen, dass wir die Möglichkeit eines gesetzgeberischen Vorgehens prüfen werden“, sagt er.

Was Hollande sagt, klingt vage

Hollande spricht lieber von einer „staatlichen Investitionsbank“, von einem „Generationenvertrag“ und von Abgabenerleichterungen für Unternehmen, die ihre Mitarbeiter unbefristet einstellen. Es klingt vage, als wisse er selbst nicht recht, was er den Stahlarbeitern in Aussicht stellen soll. Zaghaft warnt er vor Versprechen, die der Staat nicht halten kann, sein Satz ist so lang, dass die Zuhörer am Ende nicht mehr wissen, was er gesagt hat. „Ich will nicht, dass in Gandrange eine zweite Stele aufgestellt werden muss“, sagt Hollande schließlich. Die Stahlarbeiter hatten vor zwei Jahren ein Mahnmal vor dem Stahlwerk errichtet, auf dem stand: „Hier ruhen die Versprechen von Nicolas Sarkozy“. Kurz vor dem Besuch Hollandes wurde die Stele gestohlen - die Polizei ermittelt noch.

Aber dass die Täter gefunden werden, daran glaubt hier kaum einer, wie die meisten in Gandrange den Glauben an die Politik verloren haben. „Die Arbeiter fühlen sich von der Rechten und der Linken gleichermaßen verraten“, sagt Nathalie Pigeot, die für Marine Le Pens Front National im Regionalrat von Lothringen sitzt. Die von der Strukturkrise getroffenen Stahlstandorte in Lothringen zählen zu den Wählerhochburgen des Front National. Aber auch die Zahl der Nichtwähler ist hier höher als im Landesdurchschnitt.

In der Stahlfabrik des schwedischen Konzerns Åkers im nahe gelegenen Thionville ist die Welt noch in Ordnung. Das will zumindest Hollande glauben machen, als er zusammen mit der sozialistischen Parteichefin Martine Aubry in die rot flackernden Flammen des Hochofens blickt. In dem lothringischen Werk werden Walzen für die Umformung von Stahl und Metallen hergestellt. Von einer „erfolgreichen industriellen Spezialisierung“ spricht Hollande, „wir haben Vertrauen in die Industrie.“ Unternehmen wie das Åkers-Stahlwerk zeigten, dass die französische Industrie eine Zukunft habe, dass auf Innovation, Spezialisierung und gut ausgebildete Facharbeiter gesetzt werden müsse. Fabrikdirektor Hervé Fiquet klingt weniger optimistisch, Åkers bekomme die Krise in der Stahlbranche zu spüren, zwischen 20 bis 40 Prozent der Belegschaft in Thionville seien auf Kurzarbeit. „Jeden Montag haben wir frei“, sagt ein Facharbeiter mit blauem Schutzhelm.

„Wir haben einen Entlassungsplan vermieden, aber die Aussichten sind nicht gerade rosig“, sagt er. Das aber passt nicht in den Kampagnenplan des Wahlkämpfers Hollande, der in Thionville ein Modell für die Stahlbranche sehen will. Sein Blick in die Zukunft führt in die Vergangenheit. „Danke für die 35-Stunden-Woche“, krächzt er zum Knarren der Maschinen in sein Mikrofon und lächelt Martine Aubry an. Die Parteichefin hatte als Arbeitsministerin das Gesetz über die Arbeitszeitverkürzung durchgesetzt, in dem das Präsidentenlager einen der Hauptgründe für die Wettbewerbsschwäche Frankreichs ausgemacht hat.

Alle Umfragen sagen Hollande einen deutlichen Sieg voraus

Auch bei einer Pressekonferenz in Gandrange holt der Präsidentschaftsanwärter zu einer Verteidigungsrede auf die 35-Stunden-Woche aus. Der Umfragefavorit, dem alle Meinungsforschungsinstitute am 6. Mai einen eindeutigen Wahlsieg gegen Nicolas Sarkozy vorhersagen, sucht stärkeren Rückhalt bei der Parteiführung. Deshalb umwirbt er Parteichefin Aubry, die frühere Rivalin, die ihn im Vorwahlkampf indirekt als Mann der „schlaffen Linke“ abgekanzelt hatte. „Unser Land verdankt Martine Aubry große Reformen“, sagt Hollande. Die Arbeitszeitverkürzung sei ein großer Fortschritt und könne wahrlich nicht für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der französischen Unternehmen verantwortlich gemacht werden. „Pfft, die 35-Stunden-Woche“, sagt einer der Stahlarbeiter, „Wir haben hier wirklich andere Sorgen!“

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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