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Frankreich In der Tradition des Kommandanten Cousteau

15.12.2006 ·  Nicolas Hulot wurde als Umweltschützer Fernsehstar - nun droht er der Politik mit einer eigenen Kandidatur bei den französischen Präsidentschaftswahlen. Und plötzlich reißen sich alle um ihn als „gutes ökologisches Gewissen“.

Von Michaela Wiegel, Paris
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Millionen von Franzosen nimmt Nicolas Hulot regelmäßig auf seinen Streifzügen von den Gletschern Grönlands bis zur „roten Insel“ Madagaskar mit. Seine Natur- und Abenteuersendung „Ushuaia“ im Privatsender TF1 läuft seit Jahrzehnten und fasziniert im Schnitt zehn Millionen Fernsehzuschauer.

Nun hat sich der 51 Jahre alte, schlanke Bretone mit dem wettergegerbten Teint des Weltenbummlers eine neue Herausforderung gesucht: Er will Frankreichs Politik aus der ökologischen Ahnungs- und Sorglosigkeit herausholen und die wichtigsten Parteien auf ein handfestes Programm zum Umwelt- und Klimaschutz festlegen. Und hat gedroht, er könne sich ja gleich selbst um das Präsidentenamt bewerben.

Holzmöbel, Grünpflanzen und Baumwollpulli

„Bei meinen Reisen habe ich nicht nur die atemberaubenden Schönheiten unseres Planeten entdeckt, sondern auch die Verletzlichkeit von Flora und Fauna“, sagt Nicolas Hulot. Er empfängt im neuen Gebäude seiner Stiftung in Boulogne-Billancourt, wo er seit Februar die 25 Mitarbeiter der gemeinnützigen „Fondation Nicolas Hulot“ untergebracht hat. Holzmöbel, Fußböden und Farbanstrich sind „ökologisch verträglich“, im Treppenhaus ranken urwaldartige Grünpflanzen die Wände hoch. Hulot sieht im lässigen Baumwollpullover, dunklen Jeans und Stiefeln so aus, als könne er gleich in den nächsten Hubschrauber steigen, um ein paar Schneeklumpen vom Kilimandscharo vor eine Fernsehkamera zu halten und zu erklären, warum die Schneemengen dort immer weniger werden.

Video: Sarkozy will französischer Präsident werden

Statt dessen klingelt erst einmal sein Handy, die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal ist in der Leitung. „Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust, mich als Präsidentschaftskandidaten ins Gespräch zu bringen. Aber erst seit ich es getan habe, werden meine Vorstellungen ernst genommen“, sagt Hulot. Irgendwie wundert es ihn schon, daß ihn jetzt plötzlich alle hofieren. Er hatte die „Hypothese einer Kandidatur“ als politisches Druckmittel aufgestellt.

„Ökologischer Pakt“

Im Wahlkampf 2002 hat ihn die Ignoranz entsetzt, welche die wichtigsten Präsidentenanwärter Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung entgegenbrachten. Jetzt reißen sich alle um Nicolas Hulot als „gutes ökologisches Gewissen“. Der bürgerliche Innenminister Nicolas Sarkozy hat ihn ebenso eingeladen wie Ségolène Royal. Der Zentrist François Bayrou hat seinen „Ökologischen Pakt“ unterzeichnet, jenen Forderungskatalog, an dem er den Willen zu einer ernstgemeinten Politik der nachhaltigen Entwicklung messen will.

In dem auch als Buch erschienenen „Öko-Pakt“ verlangt Hulot eine Unterordnung der französischen Agrardoktrin unter das Ziel der nachhaltigen Entwicklung - und damit eine kleine Revolution im Agrarstaat Frankreich. Weder linke noch rechte Regierungen haben sich bislang gewagt, die Vorherrschaft der Agrarbarone zu brechen, die über die französische Nahrungs- und Genußmittelindustrie über Hunderttausende Arbeitsplätze regieren.

Geradezu subversiv ist auch Hulots Vorstoß, einen Vizepremierminister für Ökologie zu berufen, der bei allen Regierungsbelangen als Anwalt der nachhaltigen Entwicklung sprechen soll. Weder Sarkozy noch Frau Royal haben sich auf den Vorschlag bislang eingelassen. Vorsichtiger geht Hulot mit der Frage der Kernkraft um. „Unsere Energieversorgung hängt viel zu sehr von der Kernenergie ab, als daß eine Ausstiegsforderung realistisch wäre“, sagt er. „Unsere Zukunft liegt in der Diversifizierung der Energiequellen.“ Auch auf lange Sicht kann sich Hulot mit der Kernenergie als dem „geringeren Übel“ abfinden, denn die Alternative heute hieße Kohlekraftwerke, die wesentlich mehr Schadstoffe ausstoßen. Hulot stört es nicht, daß der (Atom-)Stromversorger EDF zu den großzügigsten Mäzenen seiner Stiftung zählt.

Nicht nur Entsagung und Verzicht

Anders als die französischen Grünen sieht er in den Jägern und Fischern, der Lobby des ländlichen Frankreichs, eher Verbündete denn Feinde. Denn er traut ihnen zu, aus Liebe zur Natur und zur Tierwelt für Veränderungen im täglichen Konsumverhalten aufgeschlossen zu sein. „Wir müssen alle unsere Lebensgewohnheiten verändern, sonst werden Katastrophen sie verändern“, sagt Hulot. Er sei zwar kein Pessimist, aber davon überzeugt, daß der verschwenderische Umgang mit den Ressourcen nicht so weitergehen könne. Hulot ist davon überzeugt, daß die Umstellung im kleinen anfängt.

Er hat ein „Kleines grünes Buch für die Erde“ verlegen lassen, das in Schulklassen verteilt wird. Darin erklärt er seinen Landsleuten, daß sie Energiesparbirnen benutzen und ihren Müll trennen, lieber öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad nehmen und die Heizung runterdrehen sollen. Auch bei Hulot im Büro ist es merklich frisch. Sein alltagsnaher Ansatz kommt bei den Franzosen offensichtlich besser an als die Weltverbesserungsparolen der Grünen, die dem Umweltschutz wohl einen Bärendienst erwiesen haben, indem sie ihn mit Forderungen nach einer Einbürgerung aller illegalen Einwanderer und Kampagnen für Homosexuellen-Ehen vermischt haben.

Hulot sieht so aus, als müsse ein umweltbewußtes Leben nicht unbedingt nur aus Entsagung und Verzicht bestehen. Das begründet seinen Erfolg, in Umfragen kommt er auf zehn Prozent der möglichen Wählerstimmen im ersten Wahlgang der Präsidentenwahlen, weit mehr als die grüne Kandidatin und frühere Umweltministerin Dominique Voynet mit knapp zwei Prozent. Hulot gibt zu, in der Vergangenheit alles andere als umweltschonend gelebt zu haben, als er mit spritverschlingenden Geländewagen auf Tour ging oder mit Amphibienflugzeugen und Hubschraubern die Welt entdeckte. Das macht ihn vielleicht gerade sympathisch in einem Land, in dem die Angst der deutschen Nachbarn vor dem Waldsterben oder dem Atom-GAU als Ausdruck eines Mangels an Savoir-vivre angesehen wurde.

Die Sendung „Ushuaia“ wird nicht eingestellt

In Hulots Stiftung warten die Mitarbeiter gespannt auf die Entscheidung von „ihrem Nicolas“ - wird er wirklich kandidieren? „Wir wissen es nicht, wir wissen nur, daß er entschlossen ist, seinen Ideen Gehör zu verschaffen“, sagt die Leiterin der Stiftung, die Wissenschaftlerin Cécile Ostria. Mit einem Jahresbudget von 3,5 Millionen Euro finanziert die Stiftung vor allem Informationsprogramme, die über die umweltpolitischen Herausforderungen der Zukunft aufklären. Die Stiftung unterhält auch ein Segelschiff, „Fleur de Lampaul“, das Schüler auf Fahrten mitnimmt, mit dem Ziel, die Öffentlichkeit für die Anliegen des Meeres- und Küstenschutzes zu sensibilisieren.

Das historische Segelschiff weckt bei den Franzosen Erinnerungen an den Pionier der Ökologie, den Kommandanten Cousteau. Hulot sieht sich eher in dessen Tradition denn als künftiger Berufspolitiker. „Ich kandidiere nur, wenn sich keiner der großen Kandidaten zu einem ökologisches Programm verpflichtet“, sagt Hulot. Ob er sich vorstellen könne, als Umweltminister seine Vorschläge zu verwirklichen? „Nein, das sollen andere machen, die das politische Geschäft besser kennen“, sagt er. Die Franzosen müssen vorerst nicht fürchten, daß die Sendung „Ushuaia“ eingestellt wird.

Quelle: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 3
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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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