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Frankreich im Wahlkampf Royal: Sarkozy beleidigt Deutschland

20.04.2007 ·  Vor Frankreichs Präsidentschaftswahl am Sonntag hat die Sozialistin Royal ihrem konservativen Gegenkandidaten vorgeworfen, Deutschland zu beleidigen. Sarkozy hatte bei Wahlkampfterminen von einem „Rätsel des Holocaust“ gesprochen.

Von Michaela Wiegel, Paris
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Fast jeder dritte Franzose zögert noch bei der Frage, wem er am Sonntag bei der Präsidentenwahl seine Stimme geben soll. Die ungewohnt hohe Zahl der Unentschlossenen (zwischen 37 Prozent und 42 Prozent der Wahlberechtigten laut Ifop beziehungsweise OpinionWay vom Freitag) wurde von den wichtigsten Kandidaten Nicolas Sarkozy, Segolene Royal, Francois Bayrou und Jean-Marie Le Pen bei letzten Wahlkundgebungen vor dem ersten Wahlgang im Süden Frankreichs umworben.

Die Sozialistin Royal trat in Toulouse an der Seite des spanischen Ministerpräsidenten Zapatero für ein „neues Frankreich“ ein, das sich Europa wieder öffne und sein humanistisches Erbe verteidige. Die Unterstützung aus Madrid für die international unerfahrene Kandidatin wurde deshalb besonders gewürdigt, weil es dem rechtsbürgerlichen Kandidaten Sarkozy nicht gelungen ist, einen amtierenden europäischen Staats- oder Regierungschef als Wahlkampfhelfer nach Frankreich einzuladen.

Anwältin eines „ruhigen Wandels“

Zapatero lobte „Segolene“, deren „Frische und Optimismus“ er pries. Sie verkörpere „die Verheißung einer gelungenen Sozialdemokratie“, sagte Zapatero. Die Sozialistin stellte sich als Anwältin eines „ruhigen Wandels“ und als humanistische Alternative zu Sarkozy dar.

Frau Royal griff den rechtsbürgerlichen Kandidaten wegen seines „biologischen Determinismus“ scharf an und hielt ihm vor, Deutschland mit seinen Äußerungen über das „Rätsel des Holocaust“ zu beleidigen. „Er sagt uns, der vom deutschen Volk begangene Völkermord entziehe sich einer rationalen Erklärung und sei irgendwie unvermeidbar gewesen“, sagte Frau Royal und fügte an: „Das sind unverantwortliche Äußerungen, die dem gesunden Menschenverstand, den wissenschaftlichen Erkenntnissen und im Übrigen der deutsch-französischen Freundschaft widersprechen.“

„Vermeintliche Fehler der Väter“

Währenddessen wiederholte Sarkozy vor Tausenden Anhängern in Marseille zum vierten Mal - nach gleichlautenden Redepassagen in Nizza, Caen und Lyon -, dass Frankreich „sich daran erinnern muss, dass es keinen Völkermord begangen und die Endlösung nicht erfunden hat, dass nicht alle Franzosen während des Krieges Petain-Anhänger waren, dass es die Helden des Freien Frankreich und der Resistance gegeben hat“.

Sarkozy sagte: „Ich träume von einem Frankreich, wo wir nicht mehr von den Söhnen verlangen, für die vermeintlichen Fehler ihrer Väter zu büßen.“ Sarkozy rechnete in Marseille vor, dass, „auch wenn Franzosen Juden bei der Gestapo verraten haben, ihnen doch viel mehr Franzosen unter Einsatz ihres Lebens geholfen haben“.

„Koalition der Vernünftigen“

In der ersten Sitzreihe vor dem Rednerpodium in Marseille hatte die mögliche Kabinettsriege Platz genommen mit dem „Schatten-Premierminister“ Francois Fillon und loyalen Wahlkampfhelfern wie dem Sprecher Xavier Bertrand oder Valerie Pecresse. Sarkozy versprach, seine Wahlkampfversprechen zu halten: „Ich habe alles vorher gesagt, damit ich hinterher alles erfüllen kann.“

Jeweils Tausende Anhänger kamen auch zu den Kundgebungen von Bayrou in Pau und Le Pen in Nizza. Bayrou skizzierte von sich abermals das Bild des heimatverbundenen Kandidaten, dem es gelingen werde, den sterilen Machtkampf zwischen links und rechts zu überwinden und in einer „Koalition der Vernünftigen“ Frankreich auf den Reformweg zu bringen. Le Pen wiederum verteidigte in Nizza seinen Alleinvertretungsanspruch auf die wirksame Bekämpfung der Einwanderung und der Kriminalität, der ihm von Sarkozy zusehends streitig gemacht wird.

Der Aufstieg des Zentristen Bayrou in den Umfragen von sechs Prozent im Dezember auf Werte über 20 Prozent kurz vor der Wahl stellt die große Überraschung des Wahlkampfes 2007 dar. Die Umfrageinstitute haben allerdings große Vorbehalte, Prognosen über das Abschneiden Bayrous zu erstellen. Mit größter Vorsicht wird auch das mögliche Ergebnis des rechtsextremen Kandidaten Le Pen bewertet, der in den letzten Umfragen vor dem ersten Wahlgang zwischen 13 und 16 Prozentpunkte erhält. Bayrou liegt zwischen 15 und 20 Prozent, Segolene Royal zwischen 22,5 und 26 Prozent und Sarkozy zwischen 27 und 30 Prozent.

Übersee-Departements wählen früher

43 Millionen Wahlberechtigte sind dazu aufgerufen, am Sonntag ihre Stimme abzugeben. Die Zahl der Wahlberechtigten ist seit 2002 um mehr als vier Millionen Personen gestiegen, was nicht nur auf das Bevölkerungswachstum, sondern auch auf die Werbekampagnen in der Banlieue zurückzuführen ist. Nach den Unruhen in den Vorstädten waren die Bewohner von Vereinigungen und Verbänden angehalten worden, sich in die Wählerlisten eintragen zu lassen. In Frankreich gibt es keinen automatischen Eintrag in die Wählerlisten, die Bürger müssen selbst vorstellig werden.

Die Umfrageinstitute haben nur geringe Erkenntnisse über das Wahlverhalten der Erst- und Neuwähler, die von den traditionellen Abfragemethoden über Telefonfestnetzanschlüsse oftmals nicht erfasst werden. In den Übersee-Departements und -gebieten Guadeloupe, Martinique, Guyane, La Reunion, Saint-Pierre-et-Miquelon, Mayotte, Neukaledonien, Polynesien und Wallis und Futuna beginnt die Wahl schon an diesem Samstag. (Siehe auch: Sonderseite: Wahl in Frankreich)

Quelle: mic. / Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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