02.09.2010 · In Gemeinden mit linken Bürgermeistern widersetzen sich die Behörden der Ausweisung von Roma aus Frankreich. Sie nennen die Pariser Politik „schizophren“. Denn die französische Regierung finanziert die Vereine, die sich dort um die Roma kümmern.
Von Christian Schubert, Choisy-le-RoiIm Handballtor steht ein Einkaufswagen, vollgestopft mit Koffern und Tüten. Am Sieben-Meter-Punkt befindet sich ein Tisch mit einem großen Suppentopf in der Mitte. Unter dem Basketballkorb drängen sich eine Mikrowelle, ein Campingherd mit zwei Platten und eine Kaffeemaschine. In der Ecke gegenüber laufen in einem Fernseher Kinderprogramme. An den Rändern der Spielfelder reihen sich Matratzen, auf denen Menschen schlafen, plaudern oder Kinder zurechtweisen. Ein Vater wirft mit seinem Sohn eine Puppe durch den Ring eines Basketballkorbs.
In der Turnhalle von Choisy-le-Roi, einem Vorort im Süden von Paris, messen sich normalerweise die Kinder aus vier umliegenden Schulen im sportlichen Wettstreit. Derzeit ist das Gebäude jedoch Schauplatz eines anderen Kräftemessens. Die französische Regierung würde die dort untergebrachten Roma gerne nach Rumänien oder Bulgarien zurückschicken. Die linke Stadtverwaltung und mehrere karitative Vereine dagegen wollen das verhindern. Rund fünfzehntausend Roma befinden sich in Frankreich. Präsident Nicolas Sarkozy hat seit Jahresbeginn gut 8000 Roma nach Rumänien oder Bulgarien ausweisen lassen und wurde dafür international scharf kritisiert.
Novakovic Rodika, 36 Jahre alt und schon Großmutter, will Frankreich nicht verlassen. Sie spricht gebrochen französisch, doch damit kann sie sich viel besser verständigen als ihre Mitbewohner. Wenn sie nicht gerade in Paris Blumen verkauft, macht sie Behördengänge, organisiert Verpflegung oder Kleider für ihre Landsleute und gibt Journalisten Auskünfte. „Die Regierung in Rumänien ist rassistisch. Rumänien ist nicht meine Heimat, Frankreich ist auch nicht meine Heimat. Sag‘ mir, welches Land meine Heimat ist?“, fragt sie. „Die meisten von uns wollen aber in Frankreich bleiben. Es ist vor allem wegen der Kleinen.“ Aus ihrer Gruppe sind schon fünfzehn Kinder in einer nahegelegenen Schule angemeldet worden. Der Unterricht beginnt in dieser Woche. Wo die Familien dann wohnen sollen, wissen sie nicht.
Der Großteil entschied sich fürs Bleiben
Bis zum 12. August hausten Frau Rodika und rund fünfzig weitere Erwachsene mit halb so vielen Kindern nur ein paar Straßen entfernt unter einer Autobahnbrücke. Dann rückte um sechs Uhr morgens die Polizei an, zerstörte nach Angaben von Rodika drei Wohnwagen, beschlagnahmte 15 weitere und stellte die Roma vor eine Alternative: mit 300 Euro pro Erwachsenem und 100 Euro je Kind im Flugzeug kostenlos nach Rumänien zurückzufliegen oder auf der Straße zu landen. Der Großteil entschied sich fürs Bleiben, und mit Hilfe der Stadtverwaltung und vier Wohlfahrtsvereinen war bis zum Abend die Notbehausung in der Turnhalle gefunden. Ein junger Mann nahm die Rückkehrhilfe dagegen an. Nach ein paar Tagen kehrte er im Bus wieder nach Frankreich zurück; die Fahrt kostete 40 Euro. Heute ist er wieder bei seinen fünf Kindern in der Turnhalle.
Tonino Panetta ist Italiener, lebt aber seit fünfzig Jahren in Frankreich. „Ich weiß, was Einwanderung heißt“, sagt der Chef der bürgerlichen Opposition im Stadtparlament von Choisy-le-Roi. „Dass der Bürgermeister die Roma davor bewahrte auf der Straße zu landen, ist in Ordnung. Doch das ist keine langfristige Lösung.“ Panetta sagt, er habe gehört, dass Rumänien den Roma-Kindern die Einschulung verweigere. „Das ist doch der Skandal. Die Lösung des Problems liegt in Rumänien“, empört sich der Kommunalpolitiker. Choisy-le-Roi, eine Gemeinde mit 39.000 Einwohnern und einer Arbeitslosenquote von 15 Prozent, habe schon genug Schwierigkeiten. „Uns liegen hier 2300 Anfragen nach einer vernünftigen Behausung vor. Ich kenne eine vierköpfige afrikanische Familie, die auf 20 Quadratmetern lebt. Der Vater arbeitet tagsüber als Wachmann und nachts als Putzhilfe. Was soll ich denen sagen, wenn jetzt die Roma zuerst mit Wohnraum bedient werden?“, fragt Panetta.
Entgegen dem verbreiteten Vorurteil sind die Roma sesshaft
Ein paar Kilometer weiter hat die Gemeinde Montreuil ebenfalls mit knappem Wohnraum zu kämpfen. Den Roma hat sie in drei so genannten „Dörfern der Eingliederung“ legale Lagerplätze zugewiesen – geteerte Plätze mit ein paar Toiletten- und Waschhäusern mit fließend Wasser, mit Stromanschluss und einem hohen Zaun um das Gelände. Die Anlage mit einem Dutzend Wohnwagen, die ein Verein gestiftet hat, ist sauber, die Kinder sind eingeschult. „Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil sind die Roma sesshaft. Sie werden nur immer wieder zum Weiterziehen gezwungen“, erklärt Bruno Saunier, Lehrer und im Nebenberuf einer der stellvertretenden Bürgermeister des rot-grün regierten Montreuil.
An den Eingliederungsdörfern kristallisiert sich der Streit zwischen den Kommunen und der Regierung in Paris. Die französische Regierung, die anderswo die Roma mit Verve ausweist, finanziert einen Teil der Eingliederungsdörfer und subventioniert auch die Vereine, die sich um sie kümmern. „Die Politik ist völlig schizophren. Mit den Ausweisungen versucht die Regierung nur von größeren Problemen abzulenken. Die Strategie funktioniert ohnehin nicht. Ein Großteil der Ausgewiesenen kommt wieder zurück“, sagt Saunier.
Die Freizügigkeit in der EU erlaubt den Roma, jeweils für drei Monate nach Frankreich zu kommen. Wer länger bleiben will, braucht eine Arbeitsgenehmigung in einem von 150 Berufen mit großem Bedarf an Arbeitskräften. „Arbeit zu finden ist weniger schwer als die Genehmigungen der Behörden zu bekommen. Die Roma akzeptieren Arbeiten, die andere ablehnen“, berichtet Marie-Louise Mouket, die für einen Wohltätigkeitsverein eines der Eingliederungsdörfer in Montreuil betreut. „Doch welcher Arbeitgeber wartet sechs Monate auf eine Arbeitserlaubnis?“
Analphabetismus ist keine Seltenheit
So sammeln einige Roma etwa schwarz Eisen oder versuchen sich in der U-Bahn als Musiker. Analphabetismus ist keine Seltenheit. Dass Frauen und Kinder betteln, will niemand zugeben, ist in Paris aber ein bekanntes Bild. Florin Lacatos aus einem der Eingliederungsdörfer von Montreuil, 23 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Kindern, war schon für ein paar Wochen in einem Hotel zum Saubermachen, doch eine Arbeitserlaubnis hat er nicht. „Ich warte auf einen Job, das Nichtstun ist schwer. Ich würde vieles machen“, sagt der junge Mann. Er lebte auch schon mal zwei Jahre in Deutschland. „Ich ziehe Frankreich vor. In Deutschland sind viele rassistisch“, sagt er.
Doch auch in Frankreich sind die Roma vielen nicht willkommen. In Montreuil wird das Tor des Eingliederungsdorfes nachts abgeschlossen, seit einmal eine Bande gewalttätiger Jugendlicher auftauchte. In Choisy-le-Roi berichtet der Hausmeister der Turnhalle, mit einigen Besitzern der benachbarten Eigentumswohnungen gebe es Reibereien. „Die aus den Sozialwohnungen aber geben, was sie können.“ Stadtrat Panetta weiß von „Unzivilisiertheiten und kleinen Diebstählen, mal ein Portemonnaie hier und da. Sie müssen ja von irgendetwas leben.“
Zur Akzeptanz der Roma in der französischen Bevölkerung geben die Umfragen kein klares Bild. In einer heißt es, 48 Prozent seien für die Ausweisungen und 42 Prozent dagegen, laut einer anderen Befragung sind 65 Prozent dafür und 31 Prozent dagegen. Auch die Regierung ist in dieser Frage uneins. Außenminister Kouchner dachte nach eigenen Worten über Rücktritt nach, und Premierminister Fillon deutete vorsichtig ein Abweichen von der harten Linie Sarkozys an. Die Opposition greift das neue Thema gerne auf. Marine Le Pen, stellvertretende Vorsitzende des Front National, wirft der Regierung vor, dass „sie nicht mehr Herr der französischen Grenzen ist“. Und die zerstrittenen Sozialisten könnten endlich einen gemeinsamen Angriffspunkt gefunden haben. Aber auch aus dem Großraum Lille, der von Sozialisten-Chefin Martine Aubry regiert wird, wurden schon Roma ausgewiesen. „In der Roma-Politik verwischen sich die Parteigrenzen“, sagt der bürgerliche Lokalpolitiker Panetta.
Im Juli wurde ein Angehöriger der „gens du voyage“ von einem Polizisten getötet
Sarkozy lässt die Ausweisungen verschärfen, seit Ende Juli bei Gewalttätigkeiten in der französischen Provinz ein Angehöriger der „gens du voyage“ durch die Kugel eines Polizisten starb. Die Regierung betreibt in Augen der Betroffenen freilich eine unzulässige Sündenbock-Politik, die zudem bewusst die ethnischen Grenzen verwischt. So sind die „gens du voyage“ anders als die Roma aus Bulgarien und Rumänien zum allergrößten Teil Franzosen, die sogar ein Recht auf Stellplätze haben. Die Regierung zitiert indes Statistiken, nach denen die Rechtsbrüche durch rumänische Staatsbürger – von denen die Roma nur einen Teil darstellen – im vergangenen Jahr in Paris um 138 Prozent auf 3151 Straftaten gestiegen seien. Im ersten Halbjahr 2010 sei es noch mal zu einer Steigerung von 51 Prozent gekommen.
Am Eingliederungsdorf von Montreuil mag ein Polizist die Rechtsbrüche freilich nicht bestätigen. „Wir haben hier Kriminalität, doch die kommt von anderen Gruppen“, sagt er. Und Stadtrat Saunier ergänzt: „Es gibt schwarze Schafe wie in allen Volksgruppen. Doch die Roma wissen um ihre prekäre Lage und sind deshalb wahrscheinlich sogar noch etwas braver“.