07.12.2009 · Seit einer Woche haben die Deutschen einen Kreditmediator. Doch die Erfinder dieses Postens sind die Franzosen. Sie haben das Amt schon vor einem Jahr eingeführt. Und der französische Kreditmediator sagt, dass er in zwei von drei Fällen den Unternehmen helfen kann. Christian Schubert hat ihn bei seiner Arbeit begleitet.
Von Christian Schubert, EvryEin symbolischer Handschlag, in Beton gegossen, ziert als Skulptur die Präfektur von Evry am Eingang. Der Kreditmediator Gérard Rameix empfindet dies als gutes Omen, als er an diesem Donnerstagmorgen in der französischen Kleinstadt 35 Kilometer südlich von Paris eintrifft. Auch er will für Handschläge sorgen – zwischen Kleinunternehmern, die in der Krise flüssig bleiben müssen, und Banken, die weiter Kredite vergeben. „Wir sind ein bisschen wie Schmieröl“, sagt Rameix. „Wir ersetzen die Banken nicht, aber wir ergänzen sie.“
Fast jede Woche reist der 57 Jahre alte Rameix in ein anderes Département, um sich die Klagen von Kleinunternehmen anzuhören und die Banken zu größerer Kreditvergabe zu bewegen. „Wir drängen niemanden zu unverantwortlichen Risiken. Wir verlangen aber häufig, einen zweiten Blick auf eine Anfrage zu werfen. Wenn die Banken sagen, es geht nicht, akzeptieren wir das“, erläutert Rameix.
Kurz darauf ermuntert er in einem Saal der Präfektur eine Handvoll Unternehmer und Verbandsvertreter zu „möglichst großer Offenheit“. „Zögern Sie nicht. Wir haben die Möglichkeit, die Probleme weit oben in der Hierarchie anzusprechen“, betont er. Das gilt politisch und wirtschaftlich: Der Kreditmediator genießt die volle Unterstützung des Präsidenten Nicolas Sarkozy, und Rameix kennt als ehemaliger Generalsekretär der französischen Finanzaufsicht alle wichtigen Bankchefs persönlich.
Zuerst haben die Belgier die Idee übernommen
Die Franzosen sind die Erfinder des Kreditmediators. Als sie das Amt vor einem guten Jahr einführten, folgten ihnen zuerst die Belgier. Jetzt kommt der Kreditschlichter auch nach Deutschland (siehe Hans-Joachim Metternich: Brüderles Kreditstreitschlichter). Selbst die Briten haben schon eine Delegation zur Beobachtung entsandt.
Der Kreditmediator ist eine Art Ombudsmann für kleine und mittelgroße Unternehmen. Sarkozy hat nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers rasch erkannt, dass der Kreditfluss an die Banken versiegen könnte, auch wenn sie der Staat mit frischen Mitteln ausstattet. Ohne Druck geht es nicht. Dieser beruht freilich nur auf Appellen und der Öffentlichkeit; juristisch hat der Kreditmediator keine Macht.
Der sanfte Druck des Mediators
So droht man widerborstigen Banken durchaus mal mit einer gezielten Information an die nationale Presse, heißt es in der Equipe von Rameix. Der Kreditmediator nimmt auch gern Journalisten zu seinen Gesprächen mit. Das signalisiert den Banken, dass sie unter besonderer Beobachtung stehen. Die Finanzministerin Christine Lagarde kündigte zu Beginn der Finanzkrise an, die Namen aller widerstrebenden Banken in den Regionalzeitungen zu veröffentlichen, griff bisher aber nicht zu diesem Mittel. Kein Finanzhaus will als Geizhals dastehen, der trotz Steuergelder die lokale Wirtschaft vernachlässigt.
Am Nachmittag kommt es in Evry zum ersten Showdown zwischen Rameix und einem knappen Dutzend Bankiers. An einem ovalen Tisch treffen sie in der Niederlassung der Banque de France aufeinander. „Ich darf Sie an die Versprechen Ihrer Bankchefs erinnern“, mahnt der Kreditmediator. Beispielsweise soll kein Handwerker Bankrott machen, nur weil ihm ein Kleinkredit von 3000 Euro fehlt. So haben es die Bankpräsidenten im Sommer Sarkozy versprochen. Die anwesenden Bankiers sind auffällig still. „Hat sich die Vereinbarung über die 3000 Euro bis zu Ihnen herumgesprochen?“, fragt ein Mitarbeiter von Rameix. Schweigen in der Runde. Will jemand etwas sagen? Nach einer Weile hebt einer die Hand: „Bei uns kommen solche Fälle praktisch nie vor.“ Die Diskussion schleppt sich mühsam fort, bis sie Rameix nach einer knappen Stunde schließt.
„Keine klassische Aufgabe einer Zentralbank“
Evry ist aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur keine Problemzone. Das Département Essonne profitiert vom nahe gelegenen Großraum Paris. „Landesweit haben wir zwei von drei Unternehmen helfen können“, sagt Rameix. Rund 12.000 Fälle wurden seit der Gründung erfolgreich abgeschlossen und gut 160.000 Arbeitsplätze damit erhalten, heißt es im Jahresbericht. Es geht nicht nur um Kreditvergabe, sondern zunehmend um die Vermittlung von Eigenkapitalhilfen. Im französischen Dschungel der staatlichen Fördereinrichtungen ist manchem auch schon geholfen, wenn er an den richtigen Topf herangeführt wird, etwa den der staatlichen Mittelstandsbank Oseo. Zudem brauchen die kleinen Unternehmen häufig Beistand, so dass sie ihre Finanzierungsanfrage professionell und gut dokumentiert mit einem mehrjährigen Geschäftsplan präsentieren.
Ohne die Unterstützung der Banque de France wäre diese Arbeit nicht möglich. Wie anderswo auch, sind mit der Einführung des Euro bei den nationalen Zentralbanken Kapazitäten frei geworden. So hat der Kreditmediator rund hundert Direktoren der Banque de France in den Départements für sich verpflichtet. Jean-Luc Aubanel in Evry etwa ist nun mit fünf weiteren Angestellten in seiner Niederlassung als Kreditvermittler tätig, empfängt Unternehmen und begutachtet Geschäftsmodelle. „Das ist sicher keine klassische Aufgabe einer Zentralbank, aber vereinbar mit unseren Statuten. Man muss das pragmatisch sehen“, sagt der Zentralbankdirektor. Neben der Banque de France sind der Präfekt, der lokale Vertreter des Finanzministeriums sowie die Handels- und Handwerkskammern in das Netzwerk des Kreditmediators eingebunden.
„Die Bankiers in der Provinz sind vielfach nur Schalterbeamte“
In einem Büro der Banque de France in Evry klagt am Donnerstagnachmittag der Eigentümer eines kleinen Zulieferers der Telekomindustrie sein Leid: Er habe große Konzerne als Kunden gewonnen, doch aufgrund von Liquiditätsproblemen schon drei seiner 22 Mitarbeiter entlassen müssen. Jean-Claude Palu, ein von der Banque de France zum Kreditmediator entsandter Finanzierungsexperte, blickt auf Excel-Sheets und bemerkt gleich: „Sie haben negatives Eigenkapital bei einer Gesellschaft unterhalb Ihrer Holding. Können Sie selbst nicht noch etwas einschießen? Dann wären die Banken kooperationsbereiter.“ Der Unternehmer zögert. Am Ende vereinbart man, dass die Banque de France ein neues Treffen mit dem Unternehmer und den Banken einberuft. Bei der letzten Zusammenkunft war eine Bankvertreterin nicht erschienen. „Richten Sie Ihr aus, dass das nicht akzeptabel ist. Der Kreditmediator hat die Befugnis, die Banken einzuberufen. Auf höchster Ebene haben die Banken ihre Kooperation zugesagt“, betont Palu.
Eine Hürde besteht häufig im hohen Zentralisierungsgrad der französischen Banken. Der Direktor vor Ort kann nur kleine Kredite genehmigen, über die großen wird in Paris entschieden – von Gremien ohne lokale Einblicke. „Die Bankiers in der Provinz sind vielfach nur Schalterbeamte“, schimpft ein Mitarbeiter von Rameix. Christian Moretti, Chef des Chemie-Zulieferunternehmens PCAS mit 900 Mitarbeitern, beklagt zudem die hohe Konzentration und spricht von „kartellartigem Verhalten“. Der Kreditmediator konnte in seinem Fall aber zusammen mit Banque-de-France-Direktor Aubanel Abhilfe schaffen. Drei zögerliche Banken in einem Konsortium von sieben Kreditgebern überzeugte er, Investitionen für die Fabrikautomatisierung zu finanzieren.
Die französischen Banken haben versprochen, ihre Kreditvergabe in diesem Jahr um drei bis vier Prozent zu erhöhen – als Gegenleistung für die inzwischen wieder zurückerstatteten Staatshilfen. Wahrscheinlich schaffen sie nur ein Plus von rund zwei Prozent, was in einer Rezession aber kein schlechter Wert ist. Der Kreditmediator hat zusammen mit seinen vierzig Beschäftigten in Paris sowie den Mitarbeitern in der Provinz seinen Beitrag dazu geleistet. In zehn Monaten soll Rameix einen Bericht über seine Zukunftsvorstellungen für das Amt schreiben.