30.01.2007 · Der französische Wahlkampf wird für die Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal immer unglücklicher. Jüngst entlockte ihr ein Stimmimitator am Telefon brisante Äußerungen. Und wieder vermutet Frau Royal eine Verschwörung. Michaela Wiegel berichtet aus Paris.
Von Michaela Wiegel, ParisIn der Karibik hat Ségolène Royal angefangen, kreolisch zu sprechen: „Nou kay cassé ca.“ Das bedeutet so viel wie „Machen wir es einfach kaputt“, um wieder neu zu beginnen. Ihr Publikum applaudierte begeistert über so viel Änderungswillen. Nach einer Wende in ihrem Wahlkampf sehnt sich die Präsidentschaftskandidatin nicht nur in den sonnigen Überseedépartements Martinique und Guadeloupe. Über ihre letzte Panne hat sich die Sozialistin so sehr geärgert, dass sie ihren Herausforderer, den rechtsbürgerlichen Kandidaten Sarkozy, des Komplotts bezichtigen ließ.
Dabei fing alles ganz harmlos an. Bei einer Kundgebung am vorigen Mittwoch ließ Ségolène Royal ihre Anhänger warten. „Ich habe gerade mit dem Ministerpräsidenten von Québec telefoniert“, sagte sie ziemlich stolz ob ihrer neuen internationalen Bedeutung, als sie endlich den Saal betrat. Am Tag zuvor hatte sie über die wünschenswerte Souveränität der frankophonen Provinz Kanadas mit ihrem neuen „Freund“ André Boisclair, dem Vorsitzenden der nach Unabhängigkeit strebenden „Parti Québécois“, geplaudert.
„Das ist geheim“
Der kanadische Ministerpräsident hatte sich den Einmischungsversuch aus Paris höflich verbeten, aber Ségolène Royal war darüber nicht zu betrüben gewesen. Der Ministerpräsident Québecs, also jener Mann mit dem unnachahmlichen Akzent des Québec-Französisch, hatte sie am Telefon freundlich darauf hingewiesen, dass ihr Ruf nach der Souveränität der Provinz Québec auf ihn und seine Landsleute so wirke, als „wenn wir die Unabhängigkeit Korsikas fordern würden“. „Damit wären die meisten Franzosen wohl einverstanden“, kicherte Ségolène Royal in die Telefonleitung. „Aber das bleibt unter uns, sonst gibt es wieder so ein Theater hier“, fügte sie lachend hinzu. „Das ist geheim.“
Monsieur Jean Charest aber enthüllte das Geheimnis, weil er nicht Monsieur Charest, sondern der bekannte französische Stimmimitator Gérald Dahan war. Die besten Auszüge aus dem Telefongespräch waren im Radio RTL zu hören. Jeder kann sich das Telefonat seither im Internet anhören.
Auch andere fielen schon auf Dahan herein
Gérald Dahan hat es immer wieder geschafft, namhafte Politiker hereinzulegen. Im Mai 2003 rief er mit der Stimme des heutigen Außenministers und damaligen Gesundheitsministers Philippe Douste-Blazy beim damaligen Premierminister Jean-Pierre Raffarin an und brachte ihn dazu, Amtshilfe in einer peinlichen Angelegenheit zu versprechen.
Er sei in „galanter Begleitung“ im Bois de Boulogne, dem Pariser Stadtwald und Arbeitsplatz vieler Prostituierter, von der Polizei aufgegriffen worden, beschwor der vermeintliche Douste-Blazy den Premierminister. Der sicherte seinem Gesundheitsminister zu, die Affäre begraben zu lassen. Nachdem der „Sketch“ Dahans aufflog, ließ der Premierminister den Tonträger mit der Gesprächsaufzeichnung beschlagnahmen und die Weiterverbreitung verbieten.
Überall Verschwörungen und Komplotte?
Am 7. September 2005, kurz nach dem Hirnschlag Chiracs, trieb Dahan es noch ärger. Er rief Zinédine Zidane mit der Stimme Chiracs an und überzeugte ihn, ihm seine Rekonvaleszenz mit einer freundlichen Geste zu verschönern. Beim nächsten Fußballspiel der Nationalelf, so der angebliche Präsidentenwunsch, sollten die Kicker beim Absingen der Marseillaise die Hand aufs Herz legen. So geschah es vor dem WM-Qualifikationsspiel Frankreich gegen Irland. Zinédine Zidane soll sehr wütend gewesen sein, als er erfuhr, dass er dem Staatspräsidenten keine Freude bereitet hatte.
Ségolène Royal aber wittert hinter dem Imitatorenstreich ihren Gegner Sarkozy. Sie ließ verbreiten, dass Dahan dem UMP-Kandidaten nahestehe, denn er sei einmal bei einer UMP-Veranstaltung aufgetreten. Der Coup zur Blamage Chiracs sei ein weiterer Beweis für Dahans Nähe zu Sarkozy. Verschwörungen und Komplotte sieht die sozialistische Kandidatin überall, seit ihre Wahlkampagne nicht mehr als „partizipative Neuerung“, sondern als Serie von Pannen und Patzern in den Medien wahrgenommen wird. Sie unterstellt Sarkozy, als Innenminister einen ihrer Mitarbeiter bespitzeln zu lassen.
Zuerst gelacht, dann dementiert
Bruno Rebelle steht der Sozialistin als einer von vielen Beratern zu Seite. Beim Geheimdienst Renseignements Généraux, wo auch jeder Journalist eine Akte hat, gibt es seit langem eine Mappe „Bruno Rebelle“. Das liegt daran, dass Rebelle mehrere Jahre lang Greenpeace leitete. Nun glaubt Ségolène Royal ihrem Herausforderer Amtsmissbrauch vorwerfen zu können, weil der ihm unterstellte Geheimdienst Informationen über einen ihrer Mitarbeiter sammelte.
Sarkozy hatte über die Bezichtigungen zunächst gelacht: „Warum sollte ich ihren Berater überwachen lassen? Um ihr Programm zu erkunden?“ Geheimdienstagenten, so spottete Sarkozy, würden nicht ausreichen, um dem sozialistischen Programm auf die Spur zu kommen, dessen Fehlen ihre politischen Gegner Frau Royal immer wieder vorwerfen. Am Ende hat der Innenminister die Vorwürfe ganz ernsthaft als unhaltbar zurückgewiesen.
Perruchot freut sich
„Ségolène versteht nicht viel von ökonomischen Zusammenhängen, und im Grunde sind sie ihr egal, ähnlich wie bei Mitterrand. Sagen wir es deutlich: Ségolène ist geschichtlich unwissend, ökonomisch oberflächlich und politisch emanzipiert, das heißt, das genaue Gegenteil eines Jospin oder eines Fabius“, schreibt Marc Lambron in seinem Erfolgsbuch über Ségolène Royal „Mignonne, allons voir...“. Der Eindruck setzt sich immer mehr in der öffentlichen Meinung fest, dass die Serie der Pannen der sozialistischen Kandidatin in Fragen der internationalen Politik und der Verteidigung auf ihre Unwissenheit zurückzuführen sind.
„Ségolène Royal sollte so weitermachen. Ein Schnitzer pro Tag und pro Land, das ist wunderbar. Uns fliegen jedes Mal die Stimmen zu“, sagte Nicolas Perruchot, Abgeordneter der bürgerlich-liberalen Partei UDF. Der UDF-Kandidat François Bayrou rechnet inzwischen ganz ernsthaft damit, als Alternative zur sozialistischen Kandidatin die Stimmen der gemäßigten Linken zu bekommen. Bayrou ist es gelungen, enttäuschte Sozialisten für sich einzunehmen, wie etwa Jean Peyrelevade, der der Regierung Mauroy angehörte. „Die Sozialistische Partei ist außerstande, Regierungsverantwortung zu übernehmen“, sagt Peyrelevade. „Ségolène Royal ist der modernistische Schleier, der den Rückschritt der Linken verdeckt.“
„Sie wird die Gepflogenheiten verändern“
Es sind nur noch wenige aus der sozialistischen Führungsriege, die in Ségolène Royals Stellungnahmen ein positives Zeichen ihrer Nonkonformität sehen mögen. „Sie wird die Gepflogenheiten verändern“, hatte ihr internationaler Berater, der frühere Generalsekretär Mitterrands im Elysée-Palast, Jean-Louis Bianco, früh erkannt. Das war im vergangenen September. Ségolène Royal hatte noch nicht den Kandidatenstatus, aber verlangte vollmundig den Rücktritt des sozialistischen ungarischen Ministerpräsidenten Gyurcsány, nachdem dieser eingestanden hatte, die Wähler belogen zu haben.
Seither hat die Sozialistin immer wieder mit ihren Äußerungen überrascht, etwa als sie Iran das Recht auf die zivile Nutzung der Atomenergie absprach oder den Bau der israelischen Sicherheitsmauer als „gerechtfertigt“ bezeichnete. Ihr Lob der „schnellen chinesischen Justiz“ oder ihre Unkenntnis der Zahl der französischen Atomunterseeboote wurden von namhaften Sozialisten nicht kommentiert. Dominique Strauss-Kahn und Laurent Fabius verzichten seit kurzem demonstrativ darauf, sich mit „ihrer“ Präsidentschaftskandidatin blicken zu lassen. Doch vom 11. Februar an soll sich alles ändern. Dann will Ségolène Royal ihr Präsidentschaftsprogramm vorstellen.
Ach wie schlimm...
carsten jung (cjung)
- 30.01.2007, 12:07 Uhr
Aber hübsch ist sie.
Bernd Hafenberg (Bernie0711)
- 30.01.2007, 12:10 Uhr
Kein Herausforderer
Andreas Kuckro (BatzPencer)
- 30.01.2007, 15:14 Uhr
Scheinen und Sein
Julius Franzot (JFranzot)
- 30.01.2007, 18:28 Uhr
Peinlichpeinlichpeinlich
Andreas Baustein (ABaustein)
- 30.01.2007, 18:58 Uhr