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Frankreich Chiracs Missionar für Krisenzeiten

01.06.2005 ·  Die Franzosen haben „Non“ zur EU-Verfassung gesagt, Präsident Chirac hat reagiert: Nach dem bodenständigen Mann vom Lande bekommt Frankreich einen wortgewaltigen Dichter als Premier. Villepin ersetzt Raffarin als Regierungschef.

Von Michaela Wiegel, Paris
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Von Alain Juppé ist die Äußerung überliefert, Dominique de Villepin wäre ein „guter Regierungschef in Kriegszeiten“. Krisenzeiten sind es allemal, die den 51 Jahre alten Dichterdiplomaten im Hôtel Matignon, dem feinen Amtsitz der Premierminister in Paris erwarten.

Den Franzosen ist der hochgewachsene Mann mit der silbernen Poetenfrisur vor allem als Außenminister in Erinnerung geblieben, als er am 24. Februar 2003 seine „Friedensrede“ vor der Versammlung der Vereinten Nationen in New York hielt. Präsident Chirac war dem jungen Diplomaten aus bestem lothringischem Hause immer zugeneigt gewesen, fast schien es, als sehe er in ihm den Sohn, den er nie gehabt hat.

Flamboyantes Anderssein

Dabei faszinierte Chirac gerade, daß Villepin in der zu Konformität neigenden Staatselite immer sein flamboyantes Anderssein zur Schau stellte. Dominique Marie François René Galouzeau de Villepin hebt sich durch die hehren Ideen von Frankreichs Mission in der Welt ab ; Ideen, die wohl nur jemand so insbrünstig entwickeln kann, der wie Villepin weit ab vom Mutterland aufgewachsen ist. Sein Ideal von Frankreichs universellem Auftrag im Namen der Menschenrechte verteidigte er um so stärker, als es fern lag. „Von Frankreich habe ich geträumt, bevor ich es kennenlernte“, sagt Villepin.

1953 wurde er in Rabat in Marokko geboren und die Familie zog, die erfolgreiche Karriere des Geschäftsmanns und späteren Senators der Auslandsfranzosen Xavier de Villepin begleitend, von Lateinamerika weiter in die Vereinigten Staaten. Der Vater, der zuletzt den Auswärtigen Ausschuß im Senat leitete, war es auch, der dem jüngsten Sohn wie seinen zwei anderen Kindern riet, im hohen Staatsdienst Frankreich zu dienen.

„Husar der Republik“

Alle drei Villepin-Kinder absolvierten die Eliteverwaltungsschule Ena. Dominique entschied sich für die diplomatische Laufbahn. Im Außenministerium wurde der damalige RPR-Vorsitzende Chirac rasch auf den jungen Mann aufmerksam, der so überzeugend die „grandeur“ Frankreichs zu rechtfertigen suchte. Außenminister Juppé ernannte ihn 1993 zu seinem Kabinettsdirektor, wo er das Krisenmanagement auf dem Balkan, in Algerien und in Ruanda mitprägte.

Chirac holte sich den „Husaren der Republik“, wie ihn „Le Monde“ nannte, 1995 ins Zentrum der Macht, als Generalsekretär in den Elysée-Palast. Dort soll sich Villepins aus der Weltliteratur gespeister Hang zu Verschwörungen und Geheimmissionen entwickelt haben. Bernadette Chirac, die Präsidentengattin, taufte den Generalsekretär „Nero“. Sie verzieh ihm nie, daß er ihren Mann zu der Auflösung der Nationalversammlung gedrängt hatte, die in eine desaströse Niederlage bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 1997 und eine fünf Jahre währende Kohabitation mit einer Linksregierung mündete.

Gegenseitige Loyalität

Doch Chirac hielt an seinem Generalsekretär fest, der ihm in tiefsten Affärensumpf mit einer literarischen Trouvaille zu Hilfe eilte. Die einem Gedicht Rimbauds entlehnte Wortschöpfung „abrakadabrahaft“ („abracadabrantesque“) lenkte die Aufmerksamkeit der Medien geschickt von den Korruptionsvorwürfen gegen Chirac ab.

Die Loyalität beruhte dabei auf Gegenseitigkeit, im Wahlkampf 2002 setzte Villepin bis zuletzt auf eine Wiederwahl Chiracs, als kaum noch jemand an einen Sieg des Neogaullisten glaubte.

Ein Dichter als Premier

„Romantik an der Macht“ fand das Magazin Paris-Match, als de Villepin ins Außenministerium einzog. In seinem Arbeitszimmer im Quai d'Orsay stellte Villepin seine Vorliebe für den Bonapartismus mit Napoleon-Büsten und -Porträts zur Schau. Auf die eigenen schreiberischen Leistungen spielt auch sein gläserner Konferenztisch an, aus dem schwere steinernde Wasserspeierköpfe herausragen. „Der Schrei des Wasserspeiers“ („Le Cri de la Garguille“) zählt neben den „100 jours ou l'esprit du sacrifice“ über die 100 Tage der Rückkehr Napoleons an die Macht zu den bekannteren Veröffentlichungen Villepins. Kürzlich legte er in dem Essay „ Le Requin et la Mouette“ („Der Hai und die Möwe“) seine Vision der Welt seit der Irakkrise dar.

Seit er im Innenministerium die Nachfolge Nicolas Sarkozys angetreten hat, ist ihm sein Sturm- und Drangcharakter weniger zugute gekommen. Die Polizeihierarchie trauert noch dem drahtigen Auftreten seines Vorgängers nach, der als Mann der Aktion weiter über große Beliebtheit bei den Ordnungs- und Sicherheitskräften verfügt. Mit der sprachlichen Verve Villepins können sie wenig anfangen. „Man hat fast Skrupel, ihn über die niederen Aufgaben seines Ministeriums auszufragen“, schrieb trefflich Jean-Marie Rouart von der Académie Francaise.

Von Bürgernähe nur eine abstrakte Vorstellung

Seine Impulsivität wurde Villepins angelastet, als er voreilig im Fernsehen die bevorstehende Befreiung der Irak-Geiseln ankündigte oder als er ohne die Ermittlungen seiner Untergebenen abzuwarten, die Republik wegen einer Lügnerin in Aufwallung versetzte, die angeblich Opfer eines antisemitischen Übergriffs geworden war. Von Bürgernähe hat Villepin nur eine abstrakte Vorstellung; um ein Wahlamt hat er sich nie beworben und über die Abgeordneten ist er gern Spitzen losgeworden.

Nicolas Sarkozy hat sich am Legitimitätsanspruch des hohen Beamten Villepin stets gestört, im Namen Frankreichs zu sprechen. „Das Recht im Namen Frankreichs zu sprechen haben nur jene, die sich mindestens ein Mal in ihrem Leben zur Wahl gestellt haben und das Vertrauen der Wähler gewonnen haben“, sagte Sarkozy in klarer Anspielung an Villepin kurz vor dem Referendum in Nizza. Sarkozy verdächtigt Villepin darüber hinaus, im Auftrag des Staatspräsidenten die „Affäre Clearstream“ eingefädelt zu haben; eine undurchsichtige Angelegenheit über illegale Geschäfte der luxemburgischen Firma Clearstream.

Versöhnung mit Sarkozy?

Gegen Sarkozy wurde ohne dessen Wissen und auf anonyme Bezichtigungen hin in dieser Angelegenheit ermittelt. Sarkozy empfand es als schweren Vertrauensbruch seines Nachfolgers, daß er ihn nicht auf dem kurzen Amtswege darüber informierte.

Nun liegt es offenbar an Villepin, sich mit Sarkozy durch dessen Rückkehr ins Innenministerium zu versöhnen. „Noch ist nichts entschieden“, sagte Sarkozy vor den UMP-Abgeordneten am Dienstag. Seine Kabinettsliste, bei der Chirac das letzte Wort hat, will Dominique de Villepin an diesem Mittwoch vorstellen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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