Porträts von Segolene Royal beginnen mit ihrem umwerfenden Äußeren, den langen, schlanken Beinen, den feinen Gesichtszügen unter dem dichten, kastanienbraunen Haar, ihrer zeitlosen Schönheit, die einem Madonnenbild Bellinis entsprungen scheint. Und Porträts von Segolene Royal werden in diesen Wochen viele geschrieben und gesendet, ist sie doch so ziemlich die einzige Lichtgestalt, mit der die Sozialistische Partei als größte Kraft der französischen Opposition im beginnenden Präsidentschaftsvorwahlkampf aufwarten kann.
Die Konzentration auf das Erscheinungsbild der Politikerin führt mehr vor, als Madame Royal recht sein kann: eine gewisse Leere, wann immer es um ein mögliches Präsidentenprogramm für eine fünf Jahre währende Amtszeit geht. Immerhin hat sich die 52 Jahre alte Berufspolitikerin jetzt gegen die geplante Lockerung der Kündigungsfrist für Berufseinsteiger ausgesprochen, auch wenn sie den Demonstrationen tunlichst ferngeblieben ist. Ihre Weltanschauung verpackt Frau Royal lieber in Slogans, die so appetitlich wie ihre Autorin wirken: „desirs d'avenir“, Sehnsüchte nach Zukunft. So hat sie ihre neue, persönliche Webseite betitelt, die sie als bürgernahe Einrichtung der „interaktiven Kommunikation“ verstanden wissen will.
„Und wer kümmert sich dann um die Kinder?“
Segolene Royal macht eben alles etwas anders als die Herren Genossen, mit deren Chef Francois Hollande, dem Ersten Sekretär der Sozialistischen Partei, sie auch privat ihr Leben gestaltet. Vielleicht ist es auch deshalb so schwierig, die Entstehungsgeschichte ihrer Anwärterschaft auf den höchsten Staatsposten zu erforschen. Von den „Parteifreunden“, von denen Segolene Royal lange Zeit als Anhängsel Hollandes in Kauf genommen wurde, will sich niemand daran erinnern können, wieso ausgerechnet sie auf die Liste der „presidentiables“ geriet.
Um so gereizter und nervöser reagieren sie auf die unerwartete Konkurrentin, die in allen Meinungsumfragen den Spitzenplatz einnimmt. Laurent Fabius, der sich auf den Wettstreit mit dem von ihm „Walderdbeere“ getauften Hollande eingestellt hatte, ließ ein entgeistertes „Und wer kümmert sich dann um die Kinder?“ entweichen. Die Sozialistinnen haben ihm das nicht verziehen. Dominique Strauss-Kahn, ein weiterer Prätendent, zog seinen „Freund Francois“ zur Rechenschaft und hielt ihm vor, hinter der Maske des unvoreingenommenen Parteichefs seine Lebensgefährtin heimlich zu begünstigen.
„Werte, für die ich stehe, werden wieder modern“
Ungerecht war an diesem Vorwurf besonders, daß Francois Hollande schon genug mit seinem Ego zu kämpfen hat. Denn der Parteivorsitzende war eigentlich der Meinung, daß er an der Reihe sei, die Kandidateninvestitur zu beanspruchen. Für einen weiteren Kandidaten für die Kandidatur, Jack Lang, den ewig Jugendlichen, endete Segolenes Umfragenhöheflug mit dem bitteren Eingeständnis, daß jetzt wohl doch das Zeitalter der Frauen begonnen habe.
Den Hahnenkämpfen in ihrer Partei hat sie noch nie etwas abgewinnen können. Das bedeutet nicht, daß die elegante Offizierstochter zu feinsinnig wäre, einem heftigen Schlagabtausch standzuhalten. Nicht nur ihr Biograph (Hagiograph?) Daniel Bernard hebt in seinem 2005 erschienenen „Madame Royal“ die „Virilität“ seines Studienobjektes hervor. Aber Segolene Royal interessiert sich einfach nicht für das Machtgeschacher in der Parteizentrale, von dem sie über ihren Lebensgefährten ohnehin schon mehr als genug erfährt. Als Politikerin hat sie sich immer Themen ausgesucht, die von den männlich dominierten Politikkreisen als „zu seicht“ empfunden wurden: Gewalt im Fernsehen oder Prostitution, Pornographie oder Familienzusammenhalt, Umweltschutz oder gesunde Ernährung. Ihrer ein „bißchen reaktionären Seite“ schäme sie sich nicht, sagte sie kürzlich im Fernsehen, „denn die Werte, für die ich stehe, werden wieder modern“.
„Befreiung“ aus den Regeln des Elternhauses
Segolene Royal hat auf ihrem Lebensweg ziemlich gut die Widersprüche der modernen französischen Frau miteinander vereinbart, was vielleicht zu ihrer Beliebtheit beiträgt. Als viertes Kind einer acht Kinder zählenden Offiziersfamilie wurde sie mit Drill und Disziplin erzogen. Nach einem Aufenthalt in Afrika, wo sie am 22. September 1953 in Dakar (Senegal) zur Welt kam, ließ sich die Familie in Lothringen nieder. Die Eltern schickten Marie-Segolene in die katholische Internatsschule Notre-Dame d'Epinal, „eine Befreiung“ aus den engen Regeln des Elternhauses, wie sie später sagte.
Das glänzende Abitur eröffnete ihr den Zugang zum angesehenen Institut d'Etudes Politiques (“Sciences Po“) in Paris; die Aufnahmeprüfung zur Kaderschmiede Ena bestand sie im Anschluß auf Anhieb. An der Eliteverwaltungsschule fand Segolene Royal nicht nur den Weg in die höchste Staatssphäre, sondern auch den Mann ihres Lebens, den Arztsohn Francois Hollande, der im großbürgerlichen Neuilly-sur-Seine wohnte und einen sozialistischen Arbeitskreis animierte.
Ruf als „Supermama“ nicht eingebüßt
Sozialismus hatte für „Sego“ den Reiz des Bruchs mit dem konservativen Elternhaus, in dem „die Zukunft der Frau in ihrer Heirat bestand“, sagte die Politikerin einmal. Der Bruch führte die Klosterschülerin direkt in den Präsidentenpalast, wo sie - mit 29 Jahren - als jüngste Beraterin Mitterrands erste Erfahrungen sammelte. 1988 beeindruckte sie den Präsidenten, als sie auf Anhieb den ihr zugeteilten Wahlkreis westlich von Poitiers eroberte. 1992 ließ Mitterrand ihr das Amt der Umweltministerin übertragen. Da war Segolene Royal gerade zum vierten Mal schwanger. Die Geburt ihrer jüngsten Tochter setzte sie für die Fotografen von „Paris Match“ in Szene - ihren Ruf als „Supermama“ hat sie seither nicht eingebüßt.
Den Gegensatz zwischen ihrer Ablehnung der „bürgerlichen Institution“ der Ehe und der heilen Familienwelt mit vier Kindern streitet sie nicht ab. Ein ähnliches Spannungsverhältnis bestimmt auch ihre gesellschaftlichen Überzeugungen. Sie lehnt als eine von wenigen Sozialisten die Anerkennung homosexueller Verbindungen als „Ehen“ ab und will der weiteren Aufweichung des Familienbildes entgegenwirken. Als Familienministerin schrieb sie etwa empörte Briefe an Fernsehdirektoren, die Sendungen im Vorabendprogramm zugelassen hatten, in denen Homo- oder Bisexualität als „Normalität“ dargestellt wurden.
„Ihrer“ Region machte sie alle Ehre
Als beigeordnete Ministerin für das Schulwesen führte sie im Jahr 2000 wiederum die kostenlose Vergabe der „Pille danach“ an den Oberschulen ein, was ihr heftige Kritik von Elternverbänden und der katholischen Kirche einbrachte. Konsens erzielte sie mit dem 2001 verabschiedeten Vaterschaftsurlaub als Pendant zum Mutterschutz. Ihren Wertkonservatismus bewies sie mit einem Gesetz zur Debatte über „lebenswertes Leben“, die durch ein Urteil über Schadenersatzanspruch für ein geistig behindertes Kind ausgelöst wurde. „Die Tatsache, geboren zu sein, kann in keinem Fall als Schaden anerkannt werden“, heißt es in dem Royal-Gesetz.
Ihr Ansehen in der Partei stieg gewaltig, als sie im Regionalwahlkampf 2004 ausgerechnet Premierminister Raffarin in seiner Heimatregion schlug. Auf Raffarin, den Idealtypus des Provinzhonoratioren, folgte Segolene Royal, die Kaviarlinke aus Paris, an der Spitze des Regionalrates in Poitiers. „Ihrer“ Region machte sie alle Ehre, als sie beim Gartenfest zum Nationalfeiertag im heimischen Trachtenkleid Ziegenkäse verteilte. Während der Referendumskampagne zum europäischen Verfassungsvertrag war die Stimme von Madame Royal hingegen kaum zu vernehmen.
Meinung zu „Reformthemen“ nicht bekannt
Das interessierte Parteimitglied erfuhr gerade mal, daß auch die Lebensgefährtin des Parteichefs mit „Ja“ zu stimmen beabsichtigte, der Bruch in der Partei also ihr bekanntestes Paar nicht entzweite. Auch in der Banlieue-Krise blieb die Abgeordnete stumm. Ihre Meinung zu den „Reformthemen“ - Arbeitsmarkt, Krankenversicherung oder Renten - ist ebenfalls nicht bekannt. In der gegenwärtigen Krise um die Ersteinstellungsverträge beschränkte Frau Royal sich darauf, die Haltung anderer sozialistischer Regionalratspräsidenten zu unterstützen. Sie hatten sich darauf verständigt, Unternehmen mit dem Entzug von Subventionen zu bestrafen, die von den neuen Ersteinstellungsverträgen Gebrauch machen.
In einem Gespräch mit der „Financial Times“ ließ Segolene Royal Bewunderung für Tony Blair erkennen, wobei unklar blieb, ob sie Blair aufgrund seiner Politik lobte oder ob des Entsetzens, das solches Lob bei den französischen Genossen auslöst. „Es gibt eine gewisse Kluft zwischen mir und der Sozialistischen Partei“, gestand sie ein. Mit dem Parteichef bereitet sie sich auf einen diskussionsheißen Sommer vor. In den Ferien wollen die beiden entscheiden, wer sich um die Präsidentschaftskandidatur bewirbt - rechtzeitig vor der Mitgliederabstimmung im November.
