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François Hollande : Schluss mit seltsam

Sein Brief liest sich wie eine Mischung aus Predigt und Klagelied: François Hollande Bild: AFP

Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande will offensiver gegen Staatspräsident Sarkozy auftreten - jedoch ohne pathosreiche Reden und großes Politiktheater. Deshalb hat er Sarkozy einen Brief geschrieben.

          François Hollande „ist bereit“. Das schreibt er in einem zwei Zeitungsseiten langen Brief an die Franzosen, die in gut vier Monaten ihren Staatspräsidenten bestimmen sollen. Hollande umwirbt seine Landsleute ganz anders, als sie es vom Medienprofi Sarkozy gewöhnt sind. Keine spritzigen Medienauftritte, keine pathosreichen Reden, kein großes Politiktheater: Hollande kehrt lieber zum Wort zurück, dicke schwarze Lettern zieren die bilderlose Titelseite der Zeitung „Libération“ am Dienstag. Am Abend tritt er im Staatsfernsehsender France2 auf, aber Hollande absolviert diese Interviews ohne Pfiff und Biss, wie lästige Pflichtübungen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Brief soll den Auftakt für den „richtigen“ Wahlkampf bilden - nach dem verpatzten Einstieg, den selbst Kampagnenleiter Pierre Moscovici als „drôle de campagne“, als eine Art seltsame Kampagne bezeichnet hat. Hollande hat nichts Neues zu Papier gebracht, auf Versprechen oder konkrete Ankündigungen verzichtet er gänzlich. Der Text liest sich wie eine Mischung aus Predigt („Gerechtigkeit heißt, überall in Frieden und Sicherheit zu leben. Gerechtigkeit heißt, vom Lohn seiner Arbeit leben zu können. Gerechtigkeit heißt, dass die Gesellschaft der Jugend einen Platz einräumt“) und Klagelied („Die Arbeitslosigkeit ist auf dem höchsten Stand, weil das Wachstum auf dem niedrigsten Stand ist, die Unsicherheit ist überall“).

          „Präsident der (leeren) Worte“

          Am überzeugendsten klingt Hollande, wenn er seinen mutmaßlichen Rivalen herausfordert. Er hält Nicolas Sarkozy dessen gebrochene Versprechen vor und nennt ihn „Präsident der (leeren) Worte“. Hollande weiß, dass Sarkozy in der Gunst seiner Landsleute tief gestürzt ist, dass er ein unbeliebter, ein ungeliebter Präsident bleibt. In allen Umfragen liegt Sarkozy hinter Hollande zurück. Aber der Vorsprung des Sozialisten schrumpft. Deshalb wirbt Hollande jetzt offensiv um jene, die von Sarkozy enttäuscht sind.

          Der 57 Jahre alte Sozialist hat sich in Lothringen angekündigt, in der Kleinstadt Gandrange, deren stillgelegtes Stahlwerk zum Symbol für den industriellen Niedergang geworden ist. Im Wahlkampf, vor gut fünf Jahren, war Sarkozy als Kämpfer für den Industriestandort Frankreich durch die Lande gezogen. Als der riesigen Industrieanlage in Gandrange dann 2008 die Schließung drohte, verzichtete Sarkozy kurzerhand auf seine Hochzeitsreise, fuhr nach Lothringen und trat als Retter auf: „Ihr seid nicht allein. Wir lassen euch nicht fallen“, sagte er. Die Stahlarbeiter jubelten ihm zu. Wenige Monate später wurden sie entlassen. Jetzt steht vor dem verwaisten Werk eine Stele, darauf ist zu lesen: „Hier ruhen die Versprechen von Nicolas Sarkozy.“

          Sarkozys verfehlte Industriepolitik

          In Gandrange will Hollande Sarkozys verfehlte Industriepolitik anprangern. In den vergangenen drei Jahren sind nach Berechnungen von Trendeo, eines unabhängigen Instituts, 880 Fabriken in Frankreich geschlossen worden, etwa 100.000 Arbeitsplätze in der Industrie gingen verloren. Das ist ein Thema, das Sarkozy im Wahlkampf gefährlich werden kann, die steigende Arbeitslosigkeit beunruhigt die Franzosen. Deshalb führt der Präsident wieder eine große Wendigkeit vor. Am 18. Januar lädt er im Elysée-Palast zu einem Jobgipfel mit den Sozialpartnern. Im Fall des von Schließung bedrohten Fährunternehmens SeaFrance vollzog er eine Kehrtwende, von der selbst die 880 Mann zählende Belegschaft überrascht wurde. Hatte er das marode Unternehmen bislang seinem Schicksal überlassen, unterbreitete er am Dienstag den Arbeitnehmern einen über die Staatsbahn SNCF finanzierten Abfindungsdeal. Ziel ist es, Zeit vor der Auflösung von SeaFrance zu gewinnen - zumindest bis zu den Präsidentenwahlen am 22. April und 6. Mai.

          Sarkozy will wie Hollande nach Lothringen reisen, aber er macht einen Bogen um Gandrange. Der Präsident sucht Zuflucht bei der heiligen Jungfrau Johanna. Am Freitag will er den 600. Geburtstag der „Jeanne d’Arc“ an deren Geburtshaus in Domrémy begehen. Den Kult um die Jungfrau von Orléans hatten die französischen Regierungsparteien jahrzehntelang der rechtsextremen Nationalen Front überlassen. An jedem 1. Mai versammelte Jean-Marie Le Pen seine Anhänger um die vergoldete Reiterstatue der heiligen Johanna unweit des Tuilerien-Gartens in Paris und feierte das Bauernmädchen als Nationalheldin. Anschließend sang er die Marseillaise, während am anderen Ende von Paris die Gewerkschaften den Tag der Arbeit feierten.

          Doch jetzt will Sarkozy, dass sich alle Franzosen auf Jeanne d’Arc zurückbesinnen, die den Engländern trotzte. Der Präsident nimmt gern in Kauf, dass er mit der Wiederbelebung des Johanna-Mythos Wählern des Front National gefallen könnte. Denn Sarkozy sieht in dessen Kandidatin Marine Le Pen eine nicht zu unterschätzende Rivalin im ersten Wahlgang. Offiziell aber hält sich der Präsident von allen wahltaktischen Überlegungen fern. Er konzentriere sich voll und ganz auf sein Amt, schwor er den Franzosen in seinen Neujahrswünschen.

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