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Fillon vermutet Verschwörung : Der „Trump-Moment“ der Republikaner

Hinter den Ermittlungen gegen ihn vermutet der konservative Präsidentschaftskandidat Fillon eine Verschwörung von Justiz und Medien. Bild: AFP

Er hatte angekündigt, aufzugeben, sollte gegen ihn ermittelt werden. Doch davon will Fillon nichts mehr wissen. Er beschuldigt stattdessen Justiz und Presse – wie der amerikanische Präsident.

          Die französischen Republikaner erleben gegen ihren Willen ihren „Trump-Moment“. Das schreibt die konservative Webzeitung „Atlantico“ am Dienstag, nachdem der Führungsstreit um François Fillon vom politischen Komitee der Partei für beendet erklärt worden ist. „Die Republikaner stehen zusammen und entschlossen hinter François Fillon“, sagte Senatspräsident Gérard Larcher. „Die Debatte ist beendet“, sagte Larcher, der sich vergangene Woche von Fillon distanziert hatte. Auch die Vorsitzende der Hauptstadtregion Île-de-France, Valérie Pécresse, die der Versammlung am Trocadéro-Platz demonstrativ ferngeblieben war, erneuerte ihre Unterstützung für Fillon.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Spätestens an diesem Mittwoch wollen François Fillon, Alain Juppé und Nicolas Sarkozy mit einem Familienfoto das Ende des Machtkampfes in Szene setzen. Am Montagabend gelang es Fillon, den Widerstand gegen seine Kandidatur in der Parteiführung zu brechen. Dass Juppé definitiv ausgeschlossen hatte, als Ersatzkandidat einzuspringen, erleichterte ihm sein Unterfangen. Die letzte verbleibende Juppé-Vertreterin, Virginie Calmels, konnte an der Sitzung nicht teilnehmen, weil Air France wegen eines Fluglotsenstreiks ihren Flug gestrichen hatte. Auch die Bahnverbindung aus Bordeaux war unterbrochen, wegen umgestürzter Bäume auf den Gleisen durch den Sturm Zeus.

          Die Sarkozy-Vertreter stellten sich hinter Fillon. Der als Alternativkandidat gehandelte Vorsitzende der französischen Bürgermeistervereinigung, François Baroin, versicherte Fillon seiner Loyalität. Es heißt, Baroin solle nach einem Wahlsieg Fillons Premierminister werden. Der 1965 geborene frühere Finanzminister war schon von Sarkozy als Regierungschef ins Gespräch gebracht worden. Baroin ist bestens vernetzt. Er ist der Patensohn Jacques Chiracs. Sein Vater stand der einflussreichen Freimaurerloge Grand Orient vor. Lange wurde er von Chirac protegiert, hat sich aber auch immer mit Sarkozy arrangiert.

          Lieber mit Fillon verlieren, als mit Juppé gewinnen

          Aus seiner politischen Abneigung für Alain Juppé machte er keinen Hehl. Die Feindseligkeit geht auf die Anfänge seiner politischen Laufbahn zurück, als Juppé den jungen Regierungssprecher nach nur wenigen Monaten schmählich aus dem Amt jagte. Insgesamt soll unter vielen Sarkozy-Getreuen Erleichterung über die Absage Juppés vorgeherrscht haben. Als Juppé noch als Kandidat für einen „Plan B“ im Gespräch war, zitierte „Le Monde“ ohne Namensnennung einen Sarkozy-Getreuen mit der Äußerung: „Sarkozy verliert lieber mit Fillon, als mit Juppé zu gewinnen.“

          Fillon hat sich jetzt mit seiner Sicht durchgesetzt, seine Kandidatur für das höchste Staatsamt jenseits der Kategorien von Anstand und Moral anzusiedeln. Sein abtrünniger außenpolitischer Berater Bruno Le Maire hat Fillon auf den Wortbruch hingewiesen, den diese Entscheidung symbolisiert. Denn Fillon selbst versprach den Franzosen am 26. Januar im Fernsehen, dass er seine Kandidatur zurückziehen werde, sollte ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet werden. Am 15. März soll das Strafverfahren formell eröffnet werden.

          Nun hat sich Fillon aber in der Parteihierarchie mit seiner Lesart durchgesetzt, dass er Opfer eines „politischen Mordversuches“ und einer „Verletzung des Rechtsstaates“ sei. So ist auch der Vergleich von „Atlantico“ zu verstehen, dass Fillon auf diese Weise die Wahlkampfstrategie Donald Trumps übernehme. Schuld an den Verfehlungen seien eine böswillige Justiz und eine bösartige Presse. Die französische Journalistin Marion Van Renterghem, die für die Zeitschrift „Vanity Fair“ arbeitet, schrieb: „Fillon ist Trump. Er kann also gewinnen.“

          Fillon gibt eigene Umfragen in Auftrag

          Die jüngsten Umfragen sagen Fillon jedoch voraus, dass er sich am 23. April nicht für die entscheidende Stichwahlrunde qualifiziert. Er liegt abgeschlagen hinter Emmanuel Macron zurück und nur noch einen Prozentpunkt vor dem Sozialisten Benoît Hamon. Fillon jedoch vertraut den Umfragen nicht, die seinen Sieg in den Vorwahlen nicht vorhergesagt hatten. Er lässt Vorhersagen der Firma Filteris versenden, die sich auf „Big Data“-Analysen beruft. Filteris hat nun ermittelt, dass Fillon im ersten Wahlgang auf 22,08 Prozent der Stimmen kommen könnte, nur knapp hinter Marine Le Pen mit 22,55 Prozent und vor Emmanuel Macron mit 20,74 Prozent.

          Fillon hat seine Parteifreunde indessen aufgefordert, sich wieder auf den Wahlkampf zu konzentrieren. „Wir haben zu viel Zeit mit sinnlosen Diskussionen verloren und haben der extremen Rechten und den Kandidaten der Linken freies Feld gelassen“, schrieb er in einem Kommuniqué. Die kleine Bündnispartei UDI fühlt sich durch die Kehrtwende der Republikaner in der Kandidatenfrage desavouiert. Der UDI-Vorsitzende Jean-Christophe Lagarde zählte zu den entschiedensten Verteidigern des „Plan B“ mit Juppé. „Die Hälfte unserer Wähler ist schon zu Macron übergelaufen, die andere ist wohl unterwegs“, sagte Lagarde. Der UDI-Chef will jetzt prüfen, ob die Partei doch einen eigenen Präsidentschaftskandidaten nominiert. Lagarde hat bei dem früheren Umweltminister Jean-Louis Borloo angefragt.

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