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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Fracking“ in Südafrika Angst vor den Löchern in der Wüste

 ·  Auch in der südafrikanischen Karoo soll Erdgas durch „Fracking“ gewonnen werden - doch die Einwohner wehren sich. Wegen der möglichen Schäden und weil über ihren Kopf entschieden wurde.

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© dpa Fracking in Pennsylvania. Sieht es auch bald in der südafrikanischen Karoo so aus?

Ein fruchtbares Tal inmitten einer abweisend wirkenden Landschaft, ein kühler Bach als Lebensspender, sattgrüne Felder, die sich an karstige Felsbrüche schmiegen, dazu mächtige Eichen, die Schutz bieten vor der Sonne: Was braucht man mehr zum Leben? „Nichts“, sagt Charles Du Toit und nippt an einem Glas selbstgemachter Zitronenlimonade, „absolut nichts“.

Das kleine Paradies heißt Nieu Bethesda, liegt in der Halbwüste der südafrikanischen Karoo, wurde 1835 als Missionsstation der niederländischen Reformierten Kirche gegründet und ist bekannt für das „Owl-Museum“, das die Künstlerin Helen Martins ehrt, die ihr Leben lang Eulen in allen möglichen Formen schuf. Von Nieu Bethesda sind es 60 Kilometer in die verschlafene Kreisstadt Graaf-Reinet, in die andere Kreisstadt Middelburg sind es mehr als 100 Kilometer. Es gibt eine Kirche in Nieu Bethesda und eine Schule, ein Feuerwehrauto und einen Dorfpolizisten mit einem Fahrrad. Und vermutlich alsbald eine Menge Bohrtürme.

Die Karoo sitzt auf enormen Gasvorkommen. Das sagt jedenfalls der niederländisch-britische Energiekonzern Shell, der sich um Förderlizenzen für ein Gebiet bemüht, das von Somerset East im Süden der Karoo bis nach Prieska im Norden reicht und von Calvinia im Westen bis fast an die Grenze zu Lesotho im Osten – eine Fläche von 90.000 Quadratkilometer und damit zwei Mal so groß wie Dänemark. Das Gas steckt im Gestein tief im Innern der Erde und soll sich Schätzungen zufolge auf bis zu 13,5 Trillionen Kubikmeter belaufen. Um es zu heben, will Shell die e relativ neue Fördertechnik einsetzen, „Hydraulic Fracturing“, auch Fracking genannt.

Karoo ist in heller Aufregung

Bei dieser in Amerika schon verbreiteten Technik wird ein Loch bis in eine Tiefe von fünf Kilometern gebohrt, dann horizontal kilometerweit durch das Gas führende Gestein getrieben. Anschließend werden unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in den Bohrkanal gepresst, um das Gestein zum Bersten zu bringen und so das Gas freizusetzen. Der Sand hilft, die Brüche freizuhalten, die Chemikalien unterstützen die Strömungsfähigkeit des Gases. Die Mischung liegt bei 99 Prozent Wasser und je einen halben Prozent Sand und Chemikalien. Das Wasser ist danach hochkontaminiert und nicht mehr zu gebrauchen.

Charles Du Toit will davon nichts wissen, und so wie er denkt mittlerweile die ganze Karoo. „Wasser ist unser kostbarstes Gut“, sagt er, „es ist buchstäblich unsere Lebensgrundlage“. Beim Fracking werden bis zu einer Million Liter Wasser in ein Bohrloch gepresst. Die Karoo aber ist ein extrem trockenes Gebiet. Die natürliche Regeneration der wasserführenden Schichten in der Halbwüste liegt bei drei bis vier Prozent im Jahr, aber auch nur, wenn die schweren Regenfälle, die alle 25 bis 30 Jahre auftreten, nicht ausbleiben. „Das ist, als ob du Mutter Erde vergewaltigst“, sagt der ansonsten bedächtige Geigenbogenbauer Du Toit.

Die stets ein wenig rückständig und verschlafen wirkende Karoo ist seit Bekanntgabe der Bohrvorhaben – nicht nur von Shell, sondern auch vom südafrikanischen Energiekonzern Sasol – in heller Aufregung. Es geht um Umweltschutz, die eigene Viehwirtschaft und den langsam erblühenden Tourismus. Und es geht um die Frage, ob dem vermeintlichen Fortschritt ein Leben in selbst gewählter Genügsamkeit geopfert werden darf. Die Karoo ist Farmland, eines der harten Sorte, das seinen Bewohnern viele Entbehrungen abverlangt. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – hängen die Menschen so an ihrer Scholle. „Das ist schwer zu erklären, aber unsere Liebe zu diesem Land hat fast schon religiöse Züge“, sagt Charles Du Toit.

Mögliche Langzeitschäden sind noch unbekannt

Es ist nicht nur der enorme Wasserverbrauch, der Fracking in den Augen der „Karooians“ zu einer riskanten Technik macht. Keiner weiß heute zu sagen, ob die mit dem Gas freigesetzten Schwermetalle aus dem Erdinneren nicht das Grundwasser vergiften, weil sie sich ihren Weg durch die Brüche im Gestein nach oben suchen. Die Fracking-Technik ist gerade zehn Jahre alt, Erfahrungen mit möglichen Langzeitschäden liegen deshalb nicht vor. In Amerika streitet sich die Wissenschaft leidenschaftlich um das Für und Wider dieser Technik. In Frankreich ist sie untersagt worden. Das deutsche Umweltbundesamt warnt vor großflächigem Fracking-Einsatz und will es in Trinkwasserschutzgebieten gänzlich verbieten.

Doch Naturschutz ist in armen Staaten schwerer durchzusetzen. Südafrika leidet unter hoher Arbeitslosigkeit und einer fatalen Abhängigkeit von heimischer Steinkohle und importiertem Rohöl als Energieträger. Der Energiebedarf des Landes wird sich in den kommenden 20 Jahren mutmaßlich verdoppeln und wenn Südafrika seinen Kohlendioxidausstoß verringern will, kann das Land nicht weiter Kohle verfeuern. Pläne zum Bau eines zweiten Kernkraftwerkes wurden aufgrund der nicht zu überschauenden Kosten auf Eis gelegt. Da müssen die Meldungen über die großen Gasvorkommen in der Karoo wie ein Geschenk des Himmels erschienen sein.

In einer von Shell in Auftrag gegebenen Studie kommt das Wirtschaftsinstitut Econometrix zu dem Ergebnis, dass die Förderung des Karoo-Gases dem Staat zwischen 35 und 90 Milliarden Rand (3,5 bis neun Milliarden Euro) Zusatzeinnahmen bescheren könnte und innerhalb von 25 Jahren 700.000 neue Jobs schaffen würde. Obwohl die Studie von den Fracking-Gegnern umgehend als „bestelltes Gutachten“ bezeichnet wurde und Econometrix die große Zahl der versprochenen Arbeitsplätze nicht plausibel erklären kann, scheint Bergbauministerin Suzan Shabangu beeindruckt zu sein.

Das Moratorium um die Vergabe von Gasförderlizenzen wurde unlängst aufgehoben, womit der ersten Phase des Fracking, nämlich Testbohrungen, kaum noch etwas im Weg steht. „Wir müssen die ganze Debatte auf die wirtschaftlichen Aspekte konzentrieren, sonst haben wir keine Chance mehr“, sagt Jonathan Deal von „Treasure Karoo“, der größten Bürgerbewegung des Landes gegen das Fracking. Deal will sich nicht die Argumente der Archäologen zu Eigen machen, die um die fossilen Schätze der Karoo fürchten, und auch nicht die der Umweltschützer, denen das Schicksal des wilden Rhododendrons am Herzen liegt. „Shell frisiert die wirtschaftlichen Prognosen und trivialisiert die möglichen Konsequenzen.

Und deshalb gewinnen wir diesen Kampf nur über Zahlen“, sagt er und macht eine Gegenrechnung auf: Erneuerbare Energien wie Windkraft und Solaranlagen könnten bis 2025 120.000 neue Jobs schaffen, ohne eine ökologisch sensible Region wie die Karoo mit Bohrern zu traktieren. Außerdem: Wenn Südafrika seinen gegenwärtigen Energiemix auf Gas umstellt, was passiert dann mit den 50.000 Arbeitern in den Kohlebergwerken, mit den tausenden Angestellten in den Kraftwerken, der Zulieferindustrie, dem jüngst aufgeblühten Tourismus in der Karoo und nicht zuletzt mit den Farmern und ihren Angestellten?

Die Karoo produziert ein Drittel des landesweit konsumierten Fleisches. Gleichwohl kommt eine von Ministerin Shabangu eingesetzte Arbeitsgruppe, die das Für und Wider der Gasförderung untersuchen sollte, zu dem Ergebnis, die Karoo sei „ohne landwirtschaftlichen Nutzen“. Shell wiederum veröffentlicht auf seiner Internetseite eine angeblich repräsentative Umfrage unter 2.000 Südafrikanern, von denen sich 87 Prozent für Fracking ausgesprochen haben sollen. Eine Umfrage des Panza-Instituts unter jungen Südafrikanern aber kam zu einem gegenteiligen Ergebnis: Dort hatten 80 Prozent noch nie von Fracking gehört und mehr als 30 Prozent derjenigen, denen der Begriff vertraut war, gaben an, das sei die Bezeichnung für eine Sexualpraktik. Mitunter kommt Fracking-Gegner Jonathan Deal sich deshalb vor wie Don Quichote und die berühmten Windmühlen.

„Die Nase voll von der Arroganz unserer Regierung“

Über mangelnde Unterstützung will er sich trotzdem nicht beklagen. „80 Anrufe am Tag und bis zu 400 E-Mails, die Leute rennen uns die Bude ein“, sagt er. Hat Südafrika plötzlich sein Herz für die unbarmherzige Karoo entdeckt? „Dahinter steckt etwas anderes“, sagt Deal: „Die Menschen in diesem Land haben die Nase voll von der Arroganz unserer Regierung, die glaubt, immer alles über die Köpfe ihrer Bürger hinweg entscheiden zu können“.

Derek Leight’s Kanzlei liegt im historischen Kern von Graaf-Reinet. Das Haus ist eines der ältesten am Ort, die Türen sind niedrig und die knarzenden Dielen erzählen Geschichten aus alten Tagen. Leight vertritt eine Gruppe von Farmern gegen die Fracking-Pläne der südafrikanischen Regierung. „Der kleine Idiot aus der Provinz gegen die Big Guys aus Pretoria“, umschreibt er seine Rolle und lacht dabei. Leight plant, das Verfassungsgericht anzurufen, sobald die ersten Lizenzen erteilt sind. Er findet, es verstoße gegen die Verfassung, den nachfolgenden Generationen eine beschädigte Landschaft zu hinterlassen.

Leight kritisiert, dass die südafrikanische Regierung nie ein so genanntes „Strategic Environmental Assessment“ in Auftrag gegeben habe, eine Studie, die alle Parameter berücksichtigt, die langfristigen wie die kurzfristigen. „Mit einer solchen Studie kann die Regierung nur zu dem Schluss kommen, dass sie zu wenig über die Folgen von Fracking weiß, um es großflächig zu erlauben“, glaubt Leight.

Probebohrungen werden alsbald zugelassen

Trotzdem will das Bergbauministerium alsbald Probebohrungen zulassen, „try and error“, nennt das Leight. Die nach Ende des Moratoriums gefundene Regelung, Probebohrungen zu erlauben, aber Fracking vorerst zu untersagen, ist seiner Meinung nach Augenwischerei. Shell plant, über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren mindestens zu 24 Probebohrungen niederzubringen, von denen jede etwa 15 Millionen Dollar kostet.

„Wer eine Genehmigung für Probebohrungen hat und so viel Geld investiert und dann fündig wird, darf fördern. Daran kann kein Gesetzgeber etwas ändern“, sagt der Anwalt. Von schwarzen Geschäftsleuten, die sich ebenfalls um Lizenzen für die Gasförderung bewerben, muss sich Leight inzwischen anhören, er sei ein Rassist, weil er sich dem wirtschaftlichen Fortschritt der schwarzen Massen widersetzte.

Paradiesisch wirkt das kleine Karoo-Dorf Nieu Bethesda eigentlich nur aus der Perspektive der weißen Bewohner. Wie durch jeden anderen südafrikanischen Ort läuft auch durch Nieu Bethesda eine unsichtbare Grenze zwischen den Weißen, die ihr Auskommen haben, und den Farbigen, die nichts haben. Die Weißen überschreiten diese Linie nur, wenn wieder einmal ein Fahrrad geklaut oder eine Fensterscheibe eingeworfen wurde. Was sie auf der anderen Seite des Dorfes sehen, ist alles andere als schön: baufällige Häuschen, schon frühmorgens betrunkene Männer, verwahrloste Kinder.

Evelyne Oliphant lebt seit 62 Jahren im schäbigen Teil von Nieu Bethesda. Sie führt ein kleines Restaurant, das aus drei Biertischen unter einem Blechdach besteht, und ist so etwas wie die Sprecherin der Coloureds im Ort. „Das werden Jobs für die Leute aus der Stadt, nicht für uns“, sagt sie, „keiner von uns glaubt daran“. Unlängst hatten Charles Du Toit und ein paar Gleichgesinnte auf dem Dorfplatz einen Bohrturm aus Holz nachgebaut und ihn unter großem Gejohle in Brand gesteckt. Sie hatten ein Kamerateam des südafrikanischen Fernsehens eingeladen und so kam es, dass Evelyne Oliphant landesweite Prominenz erhielt. Die vielfache Großmutter hatte ein Plakat dabei, auf dem stand: „Would you frack your mother?“

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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