18.03.2009 · Carlos Reutemann war erfolgreicher argentinischer Formel-1-Rennfahrer - jetzt will er Staatspräsident werden. Die Ankündigung der Kandidatur verursacht heftigen Wirbel in Argentinien. Der geheimnisvolle Reutemann genießt einen Sympathiebonus - weil er als Rennfahrer viel Geld verdient hat.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresIhn wortkarg zu nennen wäre eine große Übertreibung. Lange Zeit war überhaupt nichts von ihm zu hören. Dann tauchte er plötzlich wieder auf, und mit zwei winzigen Sätzen wühlte er plötzlich die ganze politische Szene auf. So gefällt es Carlos Reutemann, genannt „Lole“, und so gefällt er sich. Der einstige Rennfahrer, in der Formel 1 bestritt er 146 Grand Prix, ist seit Jahren eine so rätselhafte wie unverzichtbare Figur in der argentinischen Politik.
„Diesmal denke ich daran, Präsident zu werden. Diesmal lohnt es sich“, sagte er. Das war alles, aber es hat genügt, den heftigsten Wirbelsturm in der politischen Szene seit langem zu entfesseln. Er redete zwar über die nächsten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2011. Aber allein die Ankündigung, dass er wieder mal ins Rennen gehen will, hat genügt, den Staub aufzuwirbeln.
Politik mit giftigen Orakelsprüchen
Carlos Reutemann fühlt sich besonders wohl in der Rolle der Sphinx. Er macht Politik mit bisweilen recht giftigen Orakelsprüchen. „Man hat ,Flit‘ auf mich gespritzt“, sagte er trocken, als er im vergangenen Jahr während des Streiks der Farmer zwischen der Regierung und dem „Campo“, der Landwirtschaft, vermitteln wollte. „Flit“ ist in Argentinien ein verbreitetes Insektenvernichtungsmittel. „Die Regierung hat gesagt, es gebe keinen Konflikt und man brauche keinen Vermittler.“
Damit war dann auch schon seine Initiative beendet. Er hat kürzlich noch einmal einen Annährungsversuch an die Kirchners unternommen, weil er eigentlich zu dem zählt, was man die „K-Diaspora“ nennt: Politiker, die nur lose zum Kreis der „Kirchneristas“ zählen.
1981 WM-Zweiter hinter Nelson Piquet
Herausgekommen ist offenbar nicht viel. Kurze Zeit darauf hat er sich endgültig von den „K’s“ losgesagt. Das hat ein schweres politisches Nachbeben verursacht. Jetzt ist Carlos Reutemann endgültig zum Konkurrenten und Herausforderer für die Kirchnerei geworden. Immer mehr Politiker aus der „K-Diaspora“, denen der Kurs des Präsidentenehepaars nicht gefällt, machen es Reutemann nach, wagen sich aus der Deckung und verlassen das Regierungslager. Dort hat ein Aderlass eingesetzt, der die scheinbar festgefügte Macht der Kirchners immer weiter schwächt.
Carlos Reutemann ist einer der glaubwürdigsten Politiker der peronistischen Partei PJ (Partido Justicialista). Aus seiner Zeit als Gouverneur der Provinz Santa Fe (zwei Amtszeiten, 1991 bis 1995 und 1999 bis 2003) besitzt er immer noch einen großen Sympathiebonus. Vor allem traut man ihm nicht zu, dass er wie manch anderer argentinischer Politiker den Staat als Selbstbedienungsladen betrachtet. Er habe ja schon als Formel-1-Rennfahrer genug verdient, dass er so etwas gar nicht nötig habe, sagt man. Reutemann gewann in zwölf Jahren 13 Rennen, wurde 1981 WM-Zweiter mit einem Punkt Rückstand hinter Nelson Piquet.
Einer der erfolgreichsten Männer des „Campo“
Reutemann hat seit seinem Rückzug aus der Formel 1 1982 an seine sportlichen Erfolge anknüpfen können. Er baute einen landwirtschaftlichen Betrieb auf und ist zu einem der größten Sojaproduzenten der Region Santa Fe geworden. Reutemann ist heute einer der erfolgreichsten Männer des „Campo“. Es war natürlich auch in seinem eigenen Interesse, dass er als Senator für seine Provinz bei der entscheidenden Abstimmung im Kongress im Juli vergangenen Jahres gegen die Regierung gestimmt hat, die die ohnehin schon hohe Exportsteuer auf Agrarprodukte, insbesondere Soja, noch einmal kräftig erhöhen wollte. Da die Kirchners zuletzt auch nicht bereit waren, der Landwirtschaft nach einer verheerenden Dürreperiode im argentinischen Sommer wieder aufzuhelfen, hat „Lole“ die Beziehungen zu ihr gekappt.
Kurioserweise war Carlos Reutemann 2003 schon einmal kurz davor, Präsidentschaftskandidat zu werden. Damals hofierte ihn der Interregnumspräsident Eduardo Duhalde. Weil Reutemann nicht wollte, lockte Duhalde Néstor Kirchner ins Amt, der auch sogleich anbiss. „Lole“ beendete die Beziehungen zu Duhalde und begrub einstweilen seine Ambitionen, Staatsoberhaupt zu werden, wieder mit einem Orakelspruch: „Ich habe etwas gesehen, was mir nicht gefallen hat.“ Bis heute weiß niemand, außer ihm, was er da gesehen hat. Duhalde sagte damals: „Er sieht Dinge, die wir anderen nicht sehen.“
Kleine Geheimnisse
Reutemann lässt aber vor allem niemand in seine eigene Welt hineinschauen. Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Die argentinische Zeitschrift „Noticias“ hat kürzlich ein paar kleine Geheimnisse gelüftet. So weiß man nun, dass er vor zwei Jahren seine 26 Jahre jüngere Lebensgefährtin María Verónica Ghio geehelicht hat.
Mit seiner früheren Ehefrau „Mimicha“, mit der er seit Mitte der achtziger Jahre praktisch nicht mehr zusammenlebte, hat er erst 2006 die endgültige Gütertrennung vollzogen. Seine älteste Tochter Cora Reutemann erwartet ein Baby. Nach dem errechneten Geburtstermin soll Reutemann am 12. April Großvater werden. Das ist auch sein Geburtstag. Dann wird er siebenundsechzig. Das wenigstens ist kein Geheimnis.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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