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Flutkatastrophe Schwedisches Chaos

03.01.2005 ·  In Schweden haben sich Trauer und Sorge in Zorn verwandelt und die Regierung wird zum Rücktritt aufgefordert: Zu spät seien Rettungsflugzeuge nach Asien geschickt worden.

Von Robert von Lucius, Stockholm
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Eine "gigantische Potemkinfassade", ein "unannehmbares Ausmaß von Unfähigkeit der Obrigkeit im bestorganisierten Land der Welt" - selten haben schwedische Zeitungen und die Öffentlichkeit die Regierung so scharf und einhellig kritisiert wie nach der Katastrophe in Asien.

Noch immer gelten etwa 1.000 Schweden nach dem Seebeben als vermißt. Inzwischen haben sich Trauer und Sorge in Zorn verwandelt. Weil sie unzureichend reagiert habe, wird die Regierung zum Rücktritt aufgefordert; ihr wird eine späte und falsche Informationspolitik sowie anfängliche Behäbigkeit vorgeworfen: Zu spät seien Rettungsflugzeuge nach Asien geschickt worden. Schwedische Zeitungen wiesen darauf hin, daß Deutschland und vor allem Italien schon am ersten Tag rasch und entschlossen reagiert hätten.

Zu spät reagiert

Schweden ist wie die anderen skandinavischen Staaten von der Flutwelle besonders betroffen - Länder wie Thailand sind beliebte Urlaubsziele Zehntausender Skandinavier, die über Weihnachten die "Dunkelzeit" ihrer Heimat am Strand überbrücken wollen. Ministerpräsident Persson und die Königsfamilie nahmen in den vergangenen Tagen an Gedenkveranstaltungen teil und riefen zu Spenden für die Opfer auf. Erstmals hatten sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk und alle drei privaten Fernsehkanäle zu einer gemeinsamen Spendensendung zusammengeschaltet, und die Spendenbereitschaft der Schweden war höher denn je. Am Anfang aber hatte Schweigen geherrscht.

Erst am Tag nach der Katastrophe reagierte das politische Stockholm, obwohl Rundfunksendungen schon am Weihnachtssonntag beständig auf die vermutlich hohe Zahl schwedischer Opfer hinwiesen. Da hatte das Außenministerium noch gemeldet, unter den Todesopfern sei vermutlich kein einziger Schwede. Eine Woche später sagte der Ministerpräsident, es könne weit mehr als tausend schwedische Tote geben. Anders als die drei anderen nordischen Länder veröffentlichte Schweden nicht eine Liste der Vermißten, und die angegebenen Zahlen schwankten beständig - erst war von wenigen Vermißten die Rede, dann von mehr als 4.500 und am Montag wieder von etwa 1.000.

Uninteressiert an Politik

Die schwedische Außenministerin Freivalds schob öffentlich die Schuld auf ihren Botschafter in Thailand, der die Regierung spät informiert habe. Zeitungen widerlegten das - der Botschafter war als einer der ersten schon am Sonntag in Phuket, leistete dort praktische Hilfe und informierte mehrmals die Behörden in Stockholm; die Ministerin jedoch ist nach Zeitungsrecherchen erst fünfzehn Stunden später und nach einem Opernbesuch im Ministerium aufgetaucht.

Das "Svenska Dagbladet" schrieb am Montag, Persson sei offenkundig uninteressiert an Politik und sollte sich zurückziehen, zuvor aber sollte er die Außenministerin entlassen. Eine Boulevardzeitung war noch direkter: Für Schweden habe es gleich zwei Katastrophen gegeben - die in Asien und die zu Hause angesichts der fehlenden Tatkraft des Ministerpräsidenten.

Überorganisation der Verwaltung

Wie üblich bei solchen Gelegenheiten begann in Schweden die Debatte, was in der Staatsorganisation und der Gesellschaft falsch laufe. Auf vorerst zwei Punkte konzentriert sich die Selbstsuche: auf die Konzentration der Macht in der Regierungskanzlei und auf die Überorganisation der Verwaltung. Es gebe Behörden für Krisenbereitschaft, für Rettungsdienste, die Reichspolizei - insgesamt 32 staatliche Rettungsbehörden, die bei Krisen zuständig seien; so fühle sich im Ernstfall niemand verantwortlich.

Einzig das Rettungswerk habe am Tag nach der Katastrophe zwei Mann nach Sri Lanka geschickt - am gleichen Tag, als Italien schon mit beschlagnahmten Flugzeugen 1.100 Touristen heimgeholt habe. Eine gleiche Inkompetenz habe sich, so die Zeitung "Dagens Nyheter" in einem Leitartikel, nach dem Untergang der Fähre "Estonia" und nach dem Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Palme gezeigt. Das sei nicht mehr hinnehmbar - die Überorganisation behindere Phantasie und Mitgefühl.

Organisationswirrwarr

Zu dem Organisationswirrwarr - und jede staatliche Behörde gibt einem verdienten Sozialdemokraten ein gutbezahltes Abschiebeamt - kommt die Machtkonzentration. Die Behörden müssen sich vor Entscheidungen bei der Regierungskanzlei absichern. Früher hatten Rettungswerke bei Katastrophen sich an die Armee gewandt, die als reaktionsschnell und entscheidungsfreudig galt; die Armee wird aber seit dem Ende des Kalten Krieges zu einem Kernheer ohne Geldmittel zusammengeschrumpft, und Entscheidungen werden im Amt des Ministerpräsidenten getroffen. Selbst das Außenministerium und das Verteidigungsministerium werden immer stärker von dort aus gesteuert.

Daher trage, so die veröffentlichte schwedische Meinung, Persson die Hauptverantwortung für das Versagen. Auf Vorschläge einer Untersuchungskommission vor drei Jahren, Katastrophenreaktionen flexibler zu gestalten, habe die Staatskanzlei nicht reagiert. Die Machtfülle, die Persson in den vergangenen Jahren an sich gezogen habe, trage bei zur Passivität und dem "schreienden Mangel an Initiativkraft" in der schwedischen Verwaltung und Gesellschaft.

Die besonders hart von der Flutwelle getroffenen Schweden hadern mit ihrer "unfähigen" Regierung - der Außenministerin Freivalds wird schon der Rücktritt nahegelegt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2005, Nr. 2 / Seite 3
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