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Flutkatastrophe Pakistan über Wasser halten

 ·  Die Wassermassen haben die Missstände im Land offen zu Tage treten lassen: Pakistan steckt tief im Morast einer von Korruption geprägten Feudalgesellschaft, in der korrupte Politiker korrupten Politikern Korruption vorhalten - die Flutkatastrophe offenbart das Versagen des Staates.

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Land unter: Große Teile Pakistans sind überflutet oder unter Schlamm begraben. Die Regierung ist überfordert; der UN-Generalsekretär gesteht, er wisse nicht, wie der Hunger der zwanzig Millionen Obdachlosen gestillt werden könne; die Taliban machen (vergiftete) Hilfsangebote. Die Regierung unter Präsident Zardari steht unter großem Druck.

Die verheerende Lage, in der sich das Land befindet, und die Verzweiflung der Leute sind aber nicht nur dem Staatsversagen und der Behäbigkeit des Apparates geschuldet. Die Katastrophe ist von einem ungeheuren Ausmaß; auch andere Länder wären davon überfordert. Und nicht nur das: Die Katastrophe bringt immer neue Krisenherde hervor.

Die Wassermassen haben die Missstände im Land offen zu Tage treten lassen und die sozialen Gegensätze verschärft. Pakistan ist nicht nur in den Fluten versunken. Es steckt tief im Morast einer von Korruption und Ungerechtigkeit geprägten Feudalgesellschaft, in der jetzt korrupte Politiker korrupten Politikern Korruption vorhalten. Sie wollen sich nun gegenseitig kontrollieren, damit Transparenz bei der Verteilung von Hilfsgeldern herrsche. Die Bevölkerung wird ihnen das kaum glauben - und Präsident Zardari hat den Vertrauensverlust beschleunigt, weil er in Europa blieb, während das Land in den Fluten versank.

Gleichgültigkeit, politische Instinktlosigkeit oder Einfältigkeit

Bis zur Flut hatte es genügt, dass Zardari den Ministerpräsidenten Gilani bei dessen Arbeit nicht behinderte. Zuletzt hatte sich die prekäre Wirtschaftslage trotz fortgesetzter Gewalt sogar etwas stabilisiert. Als aber die Fluten kamen und das Land in die Staatskrise rissen, war auch Symbolpolitik gefragt. Dass der Präsident an seinen Reiseplänen festhielt anstatt - wie am Ende viel zu spät - im Flutgebiet Nähe zum Volk zu suchen, zeugt entweder von Gleichgültigkeit oder von politischer Instinktlosigkeit oder Einfältigkeit. Oder von allem.

Zardari hat seinen schlechten Ruf damit „gefestigt“, und es ist nicht verwunderlich, dass ihn jetzt viele zum Teufel wünschen. Es ist aber auch ein alter pakistanischer Reflex, in der Unzufriedenheit über die Gegenwart die Vergangenheit zu verklären. Dass sich wieder Pakistaner das Musharraf-Regime zurückwünschen - als Diktatur mit Pressefreiheit -, ist grotesk. Schließlich hatte Zardari mit dem Präsidentenamt auch die Altlasten des vom Westen protegierten Militärherrschers geerbt.

Die labile Wirtschaft ist schwer geschädigt

Wenn der Schlamm getrocknet ist, steht die Führung vor einer neuen Kraftanstrengung: Es droht Hunger, weil Ernten vernichtet und Vorratslager zerstört wurden. Die labile Wirtschaft ist schwer geschädigt. Dennoch ist es möglich, dass die Katastrophe keine großen politischen Auswirkungen haben wird. So ist es unwahrscheinlich, dass Hungerrevolten ausbrechen und womöglich das System zum Wanken bringen. Ganz auszuschließen ist das freilich auch nicht, denn Wut und Entfremdung sind groß.

Profiteure dieser Entfremdung sind nicht nur die radikalen Islamisten, die das Versagen der Regierung genutzt haben, um sich als die besseren Katastrophenhelfer darzustellen. Auch der pakistanischen Armee kommt die Not der zivilen Führung gelegen. Nachdem sie sich mit der Offensive gegen die Taliban im Swat-Tal Anerkennung erworben hatte, konnte sie sich nun als effektiver Krisenbekämpfer darstellen.

Dass sich das prekäre Machtgefüge damit wieder zugunsten der Militärs verschiebt, muss aber kein Segen sein. Dass man die afghanischen Taliban zu seinen Zwecken fördern und nutzen und zur gleichen Zeit die pakistanischen Taliban bekämpfen kann, ist zwar ein Irrglaube, dem die gesamte politische Klasse anhängt. Aber während es zuletzt Anzeichen dafür gab, dass die Regierung Zardari sich in dieser Frage etwas bewegt, sitzen die Anhänger der alten Lehre weiter vor allem im Militär und im Geheimdienst ISI. Generalstabschef Kayani kommt auch nicht auf die Idee, Truppen von der Grenze zu Indien abzuziehen. Sie sollen lieber auf den Erzfeind aufpassen, obwohl der gerade fünf Millionen Dollar an Katastrophenhilfe angeboten hat.

Der Westen muss Pakistan über Wasser halten

Die Vereinigten Staaten haben pragmatisch auf die politischen Risiken reagiert, welche die Flutkatastrophe birgt. Dankbarkeit oder gar Zuneigung werden sie für ihre Hilfe allerdings nicht erwarten können. Ihre Armeehubschrauber, welche die Regenfälle am Boden festhalten, stehen sinnbildlich für die vergeblichen Versuche, die Stimmung zu ihren Gunsten zu verändern. Washington weiß aber auch, dass dem Westen nichts anderes übrig bleibt, als Pakistan über Wasser zu halten.

Der Westen war zu lange ein Spieler in der Region, als dass er der Katastrophe jetzt tatenlos zusehen könnte - selbst wenn das Fundament der pakistanischen Missstände den Fluten standhält, während die Deiche brechen. Es braucht viel Zeit, um eine Veränderung zum Guten in Gang zu setzen - Zeit, welche die Flutopfer nicht haben. Denen ist es in den Tagen der Not zwar egal, von wem die Hilfe kommt. Aber dass in ihren Dörfern wieder die Taliban herrschen, wollen sie nicht.

Pakistan wird nach der Flut in jedem Fall ein schwieriger Partner bleiben. Aber so selbstsüchtig die politische Elite auch ist und so berechtigt das Misstrauen - bessere Partner, die über hinreichend Macht verfügen, stehen derzeit nicht bereit.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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