Eines ist unstrittig im polnisch-russischen-Streit über die Katastrophe von Smolensk: Die Besatzung des polnischen Regierungsflugzeugs, das am 10. April mit Präsident Lech Kaczynski, seiner Frau und 94 weiteren Personen an Bord am Flughafen Sewernij zerschellt ist, hat wider alle Vorschrift gehandelt, als sie bei dichtem Nebel und ohne moderne Elektronik landen wollte. Der Bericht, den das russisch dominierte „Zwischenstaatliche Luftfahrtkomittee“ (MAK), vergangene Woche publiziert hat, bezeichnet die Entscheidung der Piloten zur Landung als die „unmittelbare Ursache“ der Katastrophe. Der Grund sei gewesen, dass die Besatzung eine „negative Reaktion des wichtigsten Passagiers“ – des Präsidenten – für den Fall gefürchtet habe, dass sie die Landung nicht zustande bringe.
Die polnische Regierung hat das nicht geleugnet. „Wir stellen die wichtigsten Feststellungen des MAK nicht infrage“, hat Ministerpräsident Tusk nach der Vorstellung des Berichts festgestellt. „Wir werden einen Teil der Verantwortung für die Ursachen der Katastrophe auf uns nehmen.“ Dass nun Warschau dennoch Einwände gegen die russische Darstellung vorbringt, liegt daran, dass die Moskauer Ermittler aus polnischer Sicht die Mitverantwortung der eigenen Seite nicht berücksichtigt haben, und dass sie den polnischen Experten, die ihre Untersuchungen begleiten konnten, offenbar wichtige Beweismittel vorenthalten haben.
Landung unmöglich
Die aus polnischer Sicht am schwersten erträgliche Stelle im russischen Abschlussbericht ist der Satz gewesen, das russische Bodenpersonal in Smolensk habe zu dem Unfall „nicht beigetragen“. Diesen Satz sollen die Tonaufnahmen widerlegen, welche die polnische Regierung am Dienstag veröffentlicht hat. Sie stammen aus einer unbekannten Quelle und geben Gespräche der Lotsen, unmittelbar vor dem Unglück wieder. Aus Warschauer Sicht beweisen die Mitschnitte, dass nicht nur die polnische Seite mit einer Mischung aus verhängnisvoller Sorglosigkeit, psychologischem Druck und unterlassenem Einschreiten den Unfall verschuldet hat, sondern dass genau dieselbe Mischung auch das Verhalten der Russen prägte.
Die Aufnahmen zeigen, dass die russischen Fluglotsen genau wussten, dass eine Landung bei dem herrschenden Nebel nicht möglich war. Dennoch einigten sie sich mit den Piloten darauf, das Flugzeug zunächst auf eine Mindesthöhe von 100 Metern heranzuführen, und dann weiterzusehen. Als sich die Tupolew des Präsidenten nähert, sagt ein Oberst Krasnokutskij in der Leitstelle des Flughafens: „Bei uns gibt es nicht einmal ein Minimum (der Sicht), bei uns gibt es gar nichts.“ Vorher hat er schon mehrmals, offenbar von einer vorgesetzten Stelle, verlangt, den Polen einen Ausweichflughafen zu nennen. Fünf Minuten vor dem Absturz sagt er noch, die Sicht betrage gerade 200 Meter – weit weniger, als vorgeschrieben. „Wie soll er da landen?!“. Nach oben jedoch gibt der Oberst seine Bedenken offenbar nicht weiter. Einem Vorgesetzten am Telefon meldet er, „Herr General, . . . alles klappt“.
„Ja, verdammt, sie sagen, wir sollen sie zur Landung anleiten“
Obwohl sie wie die Polen die Gefahr erkannten, haben die russischen Fluglotsen offenbar viel zu spät eingegriffen, als der Pilot seinen verhängnisvollen Landeanflug begann. Als die Maschine das Minimum von hundert Metern in schnellem Sinkflug wider alle Abmachungen unterschritt, schwiegen sie und gaben den Befehl zum Durchstarten erst zehn Sekunden später, als der Höhenmeter im Flugzeug nur noch 50 Meter anzeigte. Der Vertreter Polens bei der MAK, Edmund Klich, ist der Ansicht, diese Passivität sei auf Einfluss von „oben“ zurückzuführen. „Alle drängeln“, habe etwa einer der Lotsen ein paar Minuten vor der Katastrophe unwillig gesagt, und: „Ja, verdammt, sie sagen, wir sollen sie zur Landung anleiten“. Oberst Krasnokutskij, der höchste Offizier auf dem Flughafen, wich jedenfalls der Entscheidung aus. „Er hat selbst entschieden . . . “, sagt er über den polnischen Piloten. „Soll er also selbst . . . “ Druck auf die Lotsen und allgemeines Schweigen, wo ein entschiedenes Wort notwendig gewesen wäre, dass sind aus polnischer Sicht die Versäumnisse der Russen gewesen.
Die polnische Regierung hat in ihren „Anmerkungen“ zu dem Bericht der Moskauer MAK denn auch bemängelt, die russischen Ermittler hätten bei ihrem Freispruch für die eigenen Leute nicht bedacht, dass diese es unterließen, Kaczynskis Tupolew auf einen Ausweichflughafen zu lenken, und zuletzt rechtzeitig den Befehl zum Durchstarten zu geben. Hinzu kommt der Vorwurf der polnischen Seite, die Fluglotsen hätten die Piloten nicht darauf aufmerksam gemacht, dass sie beim Landeanflug deutlich vom Kurs abgewichen waren. Ob Mängel am Flughafenradar dafür der Grund waren, konnte nicht geprüft werden, weil die russische Seite den Polen die Aufzeichnungen der Anlage nicht zugänglich gemacht hat.
Wer hatte mehr Druck?
Die russische Seite hat diese Passivität ihrer Leute nicht bestritten. Moskau ist aber der Ansicht, dass den Lotsen dennoch nichts vorzuwerfen sei, weil die Entscheidung zur Landung ausschließlich bei den Piloten gelegen habe. Eingreifen habe mithin gar nicht zu den Aufgaben des Bodenpersonals gehört. „Die Verantwortung für die Folgen musste deshalb die Besatzung übernehmen“, heißt es in dem Bericht der MAK. Die polnischen „Anmerkungen“ widersprechen: Unter Hinweis auf eine Vorschrift, laut der ein Flugkapitän den Landeanflug „auf Befehl“ der Bodenkontrolle abzubrechen habe, kommen sie zu dem Schluss, die Flughafenbesatzung habe die Pflicht gehabt, den tödlichen Landungsversuch des polnischen Präsidentenflugzeugs zu unterbinden.
Die polnische Seite hat die russischen Offiziere nicht dazu befragen dürfen, warum sie mit fassungslosem Entsetzen, in den letzten Sekunden dann auch unter wüsten Kraftausdrücken der Katastrophe zusahen. Edmund Klich, der Vertreter Polens beim MAK, glaubt jedenfalls, dass der Druck, der auf dem Tower lag, „noch um vieles größer war, als der Druck auf das Cockpit“. Die russische Regierung wollte nach dieser Lesart den Eindruck vermeiden, sie habe Präsident Kaczynski die Reise nach Katyn verboten.
Polnische Nebelkerzen
Closed via SSO (wool-web)
- 21.01.2011, 18:58 Uhr
Polnische Seite und Autor spielen mit dem Unwissen...
Alexander Eicke (PolitInteresse)
- 21.01.2011, 20:34 Uhr
Ausweichflughafen
Lutz Grellmann (Lumi1)
- 21.01.2011, 21:28 Uhr
Der Pilot ist der Herr des Geschehens......
wolf haupricht (emilgilels)
- 21.01.2011, 22:01 Uhr
Dieser Unfall...
Lutz Grellmann (Lumi1)
- 22.01.2011, 02:13 Uhr
