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Flugverbotszone in Libyen Wunschvorstellung von der leichten Militärmission

 ·  Heute kommen die Staats- und Regierungschefs der EU zusammen, um über die Krise in Libyen zu sprechen. Manche Europapolitiker wünschen sich ein „Flugverbot light“. Aber die Vergangenheit zeigt, dass eine solche Maßnahme mit Kämpfen einhergeht.

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Europapolitiker haben der Diskussion über eine Flugverbotszone in Libyen diese Woche einen neuen Strang hinzugefügt: ein „Flugverbot light“. Es sei nicht unbedingt notwendig, Bodenstationen und Flugfelder zu bombardieren, sagte der CDU-Außenpolitiker Elmar Brok am Donnerstag im ZDF und schlug vor, „dass mit Raketen von den Schiffen her Flugzeuge abgeschossen werden“. Er sei sicher, führte Brok aus, „wenn von drei Kampfjets einer abgeschossen wird, die anderen bleiben unten“. Ähnlich hatte sich der Grünen-Abgeordnete Cohn-Bendit am Mittwochabend im selben Sender geäußert. In beiden Beiträgen kommt der Wunsch zum Ausdruck, der Westen möge den Rebellen zu Hilfe eilen, ohne sich allzu tief in Kampfhandlungen zu verstricken.

Es gibt Fachleute, die das für eine realistische Option halten, doch die meisten sind anderer Ansicht. Sie verweisen auf die historischen Beispiele: das Flugverbot, das die Vereinigten Staaten mit Verbündeten zwischen 1991 und 2003 über den kurdischen Gebieten im Nordirak (Operation Northern Watch) und über den schiitischen Gebieten im Südirak (Operation Southern Watch) durchgesetzt haben, außerdem den Nato-Einsatz während des Bosnienkriegs 1993 bis 1995 (Operation Deny Flight). In allen drei Missionen kam es immer wieder zu Kampfhandlungen: gegnerische Flugzeuge wurden abgeschossen, Radarstationen und Raketenstellungen am Boden zerstört, eigene Flugzeuge beschädigt oder abgeschossen. Je länger eine Mission dauerte, desto mehr eskalierte die Gewalt. Der Nato sitzt diese Erfahrung noch vom Bosnienkrieg in den Knochen – auch das ein Grund ihrer Zurückhaltung.

Budgetäre Zurückhaltung statt Sachverstand

Brok und Cohn-Bendit können sich auf eine Studie berufen, die das „Center for Strategic and Budgetary Assessments“, ein Forschungsinstitut in Washington, gerade veröffentlicht hat. Die Autoren Todd Harrison und Zack Cooper spielen darin drei Szenarien für ein Flugverbot durch und ermitteln aufgrund der Erfahrungen im Irak die Kosten. Am günstigsten wäre es nach ihren Berechnungen, wenn die Nato gar nicht über Libyen operierte, sondern vom Mittelmeer aus feindliche Flugzeuge abschießt. Ein Flugverbot über ganz Libyen würde demnach Einstiegskosten von 500 Millionen bis zu einer Milliarde Dollar verursachen (um die libysche Luftabwehr auszuschalten) sowie wöchentliche Folgekosten zwischen 100 und 300 Millionen Dollar. Bliebe die Zone auf das Gebiet nördlich des 29. Breitengrads beschränkt, also auf jenes Drittel des Landes, in dem die großen Städte und wichtige Teile der Energieinfrastruktur liegen, fielen die wöchentlichen Kosten auf ein Drittel.

Operierte die Nato vom Mittelmeer aus, wären – so die Autoren der Studie – drei Aegis-Zerstörer mit SM-2-Raketen notwendig sowie Kampfflugzeuge, die mit weitreichenden Aim-120-Raketen bestückt sind. Es entstünden keine Anfangskosten, der wöchentliche Aufwand läge nur bei 15 bis 25 Millionen Dollar. Harrison und Cooper verweisen auf die besondere geographische Lage: Die Hauptkampfgebiete und Bevölkerungszentren liegen in einem schmalen Küstenstreifen, der von See aus kontrolliert werden kann.

Allerdings sehen manche in dieser Analyse mehr budgetäre Zurückhaltung als militärischen Sachverstand am Werk. So verweist ein Nato-Offizier, der ungenannt bleiben möchte, auf Kollateralschäden, wenn ein libysches Kampfflugzeug über bewohntem Gebiet abgeschossen würde. „Unsere Piloten sind dazu ausgebildet, genau solche Schäden zu vermeiden“, sagt er. „Ein taktischer Fehler kann die gesamte Strategie gefährden und die Bevölkerung gegen intervenierende Kräfte aufbringen.“ Die Allianz habe sich seit ihren Erfahrungen in Afghanistan äußerste Zurückhaltung auferlegt, wenn Zivilisten in Gefahr seien. Dazu zähle, dass in besiedelten Gebieten Ziele nur angegriffen werden, wenn eigene Soldaten sie am Boden per Laser für die Piloten markieren. Schon deshalb hält der Offizier den Einsatz von Bodentruppen in Libyen für notwendig.

Leistungsfähigkeit der libyschen Flugabwehr

Bevor sich Nato-Kampfflugzeuge in einen Luftkampf begeben, müssen sie feindliche Radar- und Luftabwehrstellungen ausschalten. Das war sowohl im Irak als auch in Bosnien so. Zwar behauptete der Europaabgeordnete Cohn-Bendit am Mittwoch, die Nato habe seinerzeit lediglich „fünf bis sieben serbische Flugzeuge, die über Bosnien fliegen wollten, abgeschossen, ohne dass am Boden bombardiert wurde“. Doch widerspricht das den Tatsachen. Kampfflugzeuge der Nato schossen nicht nur acht serbische Kampfflugzeuge ab, die das Flugverbot gebrochen hatten. Sie bombardierten 1994 auch bosnische Serben, welche die Schutzzonen Gorade und Sarajevo angriffen. Im November jenes Jahres zerstörte die Nato zwei Radarstationen, nachdem ein Awacs-Aufklärungsflugzeug von deren Strahl erfasst worden war. Im Sommer 1995 griff die Allianz Bodenziele bei Srebrenica an, konnte das Massaker an bis zu 8000 Bosniaken aber nicht verhindern. Während der gesamten Operation Deny Flight verlor die Nato zwei eigene Flugzeuge.

Wie leistungsfähig die libysche Flugabwehr ist, würde sich erst im Gefecht erweisen. Das Land verfügt über 72 Batterien der sowjetischen Systeme SA-6 und SA-8, das sind gefährliche und hochmobile Boden-Luft-Raketen. Gaddafi könnte sie neben Schulen oder Krankenhäusern plazieren, warnt der amerikanische Stratege George Friedman auf seiner Internetseite „Stratfor“. Wenn Nato-Kampfflugzeuge von deren Radarstrahl erfasst werden, würden sie automatisch eine Rakete abfeuern. „Das Ausmaß der zivilen Opfer ist unbekannt, aber seine wahrscheinliche Höhe liegt nicht in den Händen derer, die das Flugverbot verhängen, sondern in den Händen Gaddafis“, schreibt Friedman.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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