http://www.faz.net/-gpf-6kywz

Florida : Die Stunde des Marco Rubio

Der telegene und eloquente Marco Rubio gewinnt immer mehr an Popularität Bild: AFP

Florida ist hart von der Wirtschaftskrise getroffen worden. Viele fühlen sich von der Regierung in Washington im Stich gelassen. Marco Rubio, ein konservativer Republikaner, profitiert von ihrem Unmut und macht mit Unterstützung der „Tea Party“-Bewegung Karriere.

          Lisa Epstein und Michael Redman aus West Palm Beach in Florida sind durch Zufall und bittere persönliche Erfahrung dahinter gekommen. Mit ihren Enthüllungen haben sie vor einigen Wochen eine Welle losgetreten, die inzwischen das ganze Land erfasst hat und die Mitte Oktober zur vorübergehenden Aussetzung von Millionen Zwangsversteigerungen im ganzen Land führte. Lisa Epstein, alleinerziehende Mutter und Krankenschwester, geriet vor gut einem Jahr in finanzielle Schwierigkeiten. Einige Jahre zuvor hatte sie ein Apartment als Investitionsobjekt gekauft, für das sich nun in der Talsohle der Rezession kein Käufer fand. Bei dem Versuch, den alten Hypothekenkredit für das Apartment so umzuwandeln, dass sie die monatlichen Raten würde tragen können, hatte Lisa Epstein keinen Erfolg. Sie geriet in Zahlungsrückstand, und schon bald kam der von einem Richter unterzeichnete Vollstreckungsbefehl zur Zwangsversteigerung.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch bei der Durchsicht der Papiere fielen ihr bald mancherlei Unstimmigkeiten auf. Aus dem Konvolut, das ordnungsgemäß von einem Vollstreckungsanwalt unterzeichnet war, ging zum Beispiel nicht hervor, welche Bank oder welcher Investor den Hypothekenkredit letztlich erworben hatte. Jedenfalls war es nicht die Bank, die jetzt von Lisa Epstein das Geld einforderte und schon nach dem Ausfall einiger Ratenzahlungen den Prozess der Zwangsversteigerung eröffnet hatte. Zusammen mit den Hypothekenkrediten ungezählter anderer Eigenheimbesitzer war Lisa Epsteins Kredit von der Bank im Bündel weiterverkauft worden und hatte nach weiterer Bündelung mit anderen Bündeln abermals mehrmals den Besitzer gewechselt.

          Obwohl also aus den Unterlagen gar nicht hervorging, wem sie letztlich das Geld schuldete und wer ihr Apartment in einer bescheidenen Wohngegend von West Palm Beach als Sicherheit für den von ihr nicht bedienten Kredit fordern konnte, sollte rasch die Zwangsversteigerung erfolgen. „Ich glaube, niemand, und damit meine ich wirklich niemand, weiß noch, wer wem was schuldet“, sagt Lisa Epstein. Die Widersprüche und Unstimmigkeiten in den Papieren waren so eklatant, dass der Vollstreckungsrichter die Zwangsversteigerung des Apartments von Lisa Epstein zunächst stoppte. Wie so oft bei den in Massenabfertigungen durchgezogenen Anhörungen vor dem Vollstreckungsrichter war zu dem Gerichtstermin kein Rechtsvertreter und auch sonst kein Beauftragter der Bank erschienen.

          Der Republikaner Marco Rubio mit seiner Ehefrau in Hialeah, Florida

          Selbsthilfegruppe für Opfer von Zwangsversteigerungen

          Es sollte sich herausstellen, dass es bei Patienten und Bekannten der streitbaren Krankenschwester, die sich ebenfalls mit Zwangsvollstreckungen konfrontiert sahen, ähnlich war. Bald verbrachte Lisa Epstein fast so viel Zeit mit der Durchsicht der öffentlich zugänglichen Zwangsversteigerungsakten in Gerichten wie im Krankenhaus mit ihren Patienten. Im Oktober 2009 gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Opfer von Zwangsversteigerungen. Bald stieß auch Michael Redman dazu, der bei der drohenden Zwangsversteigerung des Hauses eines Verwandten auf Unregelmäßigkeiten in den Papieren gestoßen war und seinerseits eine Internetseite zum Informationsaustausch für Opfer der im Schnellverfahren vollzogenen Enteignungen eingerichtet hatte.

          Die Gruppe traf sich monatlich in „E.R. Bradley’s Saloon“ an der Clematis Street von West Palm Beach. Von der Terrasse des populären Familienrestaurants bietet sich ein prächtiger Blick über die glitzernde Lake Worth genannte Lagune auf das prächtige Henry-Flagler-Museum drüben in Palm Beach. Es war der Öl- und Eisenbahn-Tycoon Henry Flagler, der 1896 mit dem Bau des gewaltigen Luxushotels „The Breakers“ den Grundstein legte sowohl für das schmucke Palm Beach wie für das geschäftige West Palm Beach. In Palm Beach, dem traditionellen Spielplatz der Superreichen, wo neben weißem Sandstrand, blauem Atlantik und grünem Golfplatz die teuren Einkaufsmeilen mit den Gourmetrestaurants liegen, leben das ganze Jahr über gut 10.000 Menschen. Im Herbst, wenn die „Snowbirds“ – die wohlhabenden Rentner – aus Neuengland und aus Kanada zum Überwintern in den „Sunshine State“ kommen, steigt die Einwohnerzahl von Palm Beach auf das Dreifache, und das Durchschnittsalter steigt auf mehr als 70 Jahre.

          Weitere Themen

          Am Ort der Entladung

          Chemnitz vor dem Merkel-Besuch : Am Ort der Entladung

          Drei Monate nach den Ausschreitungen besucht Angela Merkel Chemnitz. Sie trifft auf eine tief verunsicherte Stadt, die noch lange nicht verarbeitet hat, was dort im Sommer geschah.

          Hitzige Debatten um Brexit-Deal Video-Seite öffnen

          May verteidigt Entwurf : Hitzige Debatten um Brexit-Deal

          Am Donnerstag hat die britische Premierministerin May die EU-Vereinbarung im Parlament verteidigt – es handele sich um einen Entwurf. Von der Labor-Party kommt viel Gegenwind, Londons Bürger sind geteilter Meinung.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Thomas Holl

          FAZ.NET-Sprinter : Kampf um den Thron

          Für Theresa May steuert die seit Monaten andauernde Zitterpartie um ihr politisches Überleben nach Tag Eins des Brexit-Deals auf eine Entscheidung zu. Und ihrer deutschen Amtskollegin steht ein schwieriger Besuch in einer schwierigen Stadt bevor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.