13.08.2006 · Jüngst hat Fidel Castro noch einmal für Aufregung gesorgt, als er seinem Bruder Rául „vorübergehend“ die Macht übertrug. Ansonsten ist es um den kubanischen „Máximo Líder“ schon seit längerem ruhig geworden. An diesem Sonntag wird er 80 Jahre alt.
Von Leo WielandDie Kubaner pflegten ihren Comandante, wenn er sie nicht hörte, „el caballo“ zu nennen. In dem Pferdevergleich schwang die ganze Stimmungspalette von Bewunderung bis Resignation mit. Keiner konnte sich eben mit Fidel Castro messen, wenn es um Kraft, Ausdauer und Beharrlichkeit ging. Wer mehr als sechshundert Attentatsversuche überstanden hat, verfügt über eine eigene Magie.
Die ersten Schwächeanfälle der vergangenen Jahre hatten ihr noch nicht ernsthaft geschadet. Die schwere Operation mit angeblich vorübergehender Machtübergabe an den jüngeren Bruder Rául hat in diesem Geburtstagsmonat aber den Mythos der Unverwüstlichkeit gebrochen.
„Wie weiter und wann?“
Siebenundvierzig Jahre war der Revolutionär, der aus der Sierra Maestra kam, unangefochtener Herrscher über die darbende Zigarren- und Zuckerinsel. Drei Viertel der zwölf Millionen Kubaner wurden in dieser Zeit geboren, und jeder Zehnte ist inzwischen vor ihm in die Vereinigten Staaten und anderswo hin geflüchtet. Doch die Frage „Wie weiter und wann?“ ist auch an diesem Sonntag, wenn er achtzig Jahre alt wird, noch nicht beantwortet.
Die politischen Nachrufe auf ihn als den „Breschnew der Karibik“ und „Konkursverwalter“ des letzten - neben Nordkorea - noch real existierenden Steinzeitkommunismus, wurden mit mehr oder weniger Häme schon zu seinem Siebzigsten und Fünfundsiebzigsten geschrieben. Neu waren in den vergangenen Wochen aber schon unmittelbar vor dem Krankenhausaufenthalt die ersten erkennbaren Versuche des „Máximo Líder“, eine Nachfolgeregelung mit dem Ziel vorzubereiten, der Partei die Macht und der Insel seine Variante eines längst moribunden sozialistischen Experiments zu erhalten. Die Antwort, die er dem Zentralkomitee in den Mund legte, lautete: der Apparat.
Charisma und siebenstündige Fernsehreden
Das heißt bis auf weiteres eine „kollektive Führung“ mit Bruder Rául als designierter Übergangsgalionsfigur. Sie soll ohne Castro dafür sorgen, daß wenigstens noch eine Weile lang alles beim alten bleibt. Wer denkt da nicht zurück an die Galerie der greisen Sowjetführer bei Trauerfeiern auf dem Moskauer Leninmausoleum.
Das Verfahren entbehrt indes nicht der kuriosen Logik der altkommunistischen Innenwelt. Denn in seiner herausgehobenen, historisch gewachsenen und behaupteten Rolle, ist der Charismatiker Castro unersetzlich. Wer könnte auch schon, wie er bis vor kurzem, noch aus dem Stegreif eine siebenstündige Fernsehrede halten, wenn er sich wieder einmal über eine „Provokation“ von George W. Bush geärgert hatte.
Hauptstärke und Hauptschwäche der Revolution
Sein Freund, der Schriftsteller Gabriel García Márquez, hat zu recht diagnostiziert: „Fidel ist die Hauptstärke der kubanischen Revolution, aber auch ihre Hauptschwäche.“ Der fünf Jahre jüngere Raúl, dem Whisky ehemals gleichermaßen zugetan wie der Weltrevolution, hat nicht die nötige Statur. Der große Bruder hielt jedenfalls früher nicht allzuviel von ihm.
Seine Doppelrolle und Vertrauensstellung als Erster Stellvertreter und Verteidigungsminister verdankte er mehr dem Umstand, daß dem Comandante nach diversen Säuberungen und Rivalitäten unter ehrgeizigen Jüngeren die Vertrauensleute ausgingen. Ohne Fidel hat indes auch der „fidelismo“ sein Verfallsdatum.
Seinen Vater nannte Castro „Ausbeuter“
Der am 13. August 1926 als Sohn eines armen Einwanderers aus Spanien geborene Castro - er nannte seinen als Großbauer zu Wohlstand gelangten Vater einmal einen „Ausbeuter“ - ist eine faszinierende Ausnahmeerscheinung in der Geschichte der Amerikas. Der Jesuitenschüler und promovierte Jurist, der den Diktatur Batista niederkämpfte und sich im Jahr 1959 selbst rasch zum Tyrannen aufschwang, hat zehn nordamerikanischen Präsidenten - angefangen mit Eisenhower - die Stirn geboten. Er hat die CIA-Invasoren im Jahr 1961 in der Schweinebucht besiegt und ein Jahr später in der Raketenkrise die beiden Großmächte im Kalten Krieg an den Rand eines atomaren Schlagabtausches gebracht.
Als marxistischer Bolívar versuchte er, anfangs noch im Verbund mit Che Guevara, ganz Lateinamerika auf den Weg zum Kommunismus zu steuern. In der Dritten Welt führte er Stellvertreter- als „Befreiungs“-Kriege und schickte allein eine Viertelmillion Soldaten nach Angola. Noch im Jahr 1983 forderte er Präsident Reagan mit einem Militärflughafenbau auf der Karibikinsel Grenada heraus, bis dieser Invasionstruppen entsandte.
Verlust des großen Sponsors
Empört wandte sich Castro 1988 gegen Gorbatschows Doppelstrategie von „Glasnost“ und „Perestrojka“ und verlor so, schon in der wirtschaftlichen Verelendung, seinen letzten großen Sponsor. Die Volksrepublik China, der normale und der Bordelltourismus, die Dollarüberweisungen der Exilkubaner aus Florida und das Öl des Venezolaners Hugo Chávez, sind da kein voller Ersatz.
Als dienstältester Staats- und Regierungschef der Welt - nur Königin Elisabeth II. und Thailands König Bhumipol amtieren noch länger als Staatsoberhäupter - hat Castro die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mitgeprägt. Noch immer werden die exemplarischen Erfolge des kubanischen Gesundheits- und Erziehungswesens gerühmt.
Doch den tüchtigen Ärzten, die im lateinamerikanischen Ausland viele gute Taten vollbringen, fehlen zuhause längst die Medikamente und den gut ausgebildeten Schulabgängern die Arbeitsplätze und Lebenschancen. In Kubas ökonomischer Misere, in welcher ein Stück Seife kostbare Mangelware ist, blühen der Filz und die Trägheit.
Karikatur seiner selbst
Castro selbst hat derweil mit der gleichen Unerbittlichkeit, mit der er Andersdenkende verfolgen, einsperren und hinrichten ließ, immer wieder auch die von ihm selbst gesteckten privatwirtschaftlichen Liberalisierungspflänzchen wieder ausgerissen. So empfinden viele Kubaner sein Leitmotiv „Sozialismus oder Tod“ nicht als Alternative sondern als fatales Zwillingspaar.
Der graue Bart ist schütter geworden und die Havannas, mit denen er all die linken Besucher aus Europa versorgte, die ihm vergeblich Reformen einflüstern wollten, hat er aufgegeben. Geblieben ist dem alten Verführer bis zuletzt der beträchtliche Charme, den er mit flinker Intelligenz noch in langen Nächten bei Gesprächen mit ausländischen Sympathisanten oder auch blonden Fernsehjournalistinnen aus „Gringolandia“ versprühte.
Aber der Mann, der einmal ein globaler Störenfried mit gleichermaßen weltumspannendem politischem Missionsdrang war, ist im 21. Jahrhundert schließlich zur Karikatur seiner selbst geworden. Noch lebt die Legende und mit ihr die Tragödie, die für seine Landsleute mit der seit Menschengedenken vergeudeten Zeit einhergeht. Diese Erbschaft, also das schrottreife „kubanische Modell“, wird auch der Apparat nicht mehr richten können.
Diktatoren kommen und gehen
Eckhard Schmidt (eckhard43)
- 15.08.2006, 13:15 Uhr
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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