28.08.2011 · Nicht nur die Linkspartei pflegt ein romantisches Bild von Fidel Castro: Als Zigarre rauchender Revolutionär, der sich als Philosoph und Wächter eines politischen Experiments versteht. Doch Castro hat Kuba heruntergewirtschaftet.
Von Tobias KäuferDie Revolution, spottete Fidel Castro einmal, sei kein Rosenbett. Der Kampf fordere nun mal seine Opfer. Castro rechtfertigte damit das brutale Vorgehen seiner Schlächter in den ersten Jahren nach dem Sturz des Diktators Batista 1959, als er Tausende politische Gegner einsperren und hinrichten ließ. Ohne Gerichtsverfahren und ohne zu prüfen, ob die bisweilen vage formulierten Vorwürfe gegen die „Konterrevolutionäre“ oder „CIA-Agenten“ der Wahrheit entsprachen, säuberte Castro seine Insel von innenpolitischen Gegnern. Er ließ sie einfach umbringen. Heute, gut fünfzig Jahre nach den Wirren der ersten Jahre der kubanischen Revolution, scheinen diese politischen Morde längst in Vergessenheit geraten. Geblieben ist das romantische Bild eines Zigarre rauchenden Revolutionärs, der sich als Philosoph und Wächter eines einzigartigen politischen Experiments versteht. Es ist wohl der größte Erfolg des Sohnes eines reichen Plantagenbesitzers, dass sein Image nun eher dem eines romantischen Freiheitskämpfers entspricht als dem des skrupellosen Diktators, der seine Macht vor allem darauf stützte, politische Gegner aus dem Weg zu räumen.
Dabei ist er seinem gnadenlosen Umgang mit Oppositionellen bis heute treu geblieben. Als eine Gruppe von Wissenschaftlern und Journalisten zu Beginn dieses Jahrzehnts das marode Wirtschaftssystem und die mangelnde Meinungsfreiheit anprangerte, ließ Castro seinen gefürchteten Inlandsgeheimdienst durchgreifen. Mit Beginn des „Schwarzen Frühlings“ im März 2003 wurden 90 Personen, darunter 27 Journalisten, festgenommen und zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Erst vor dem Parteitag im vergangenen Frühling ließ die kubanische Regierung die letzten Häftlinge frei. Aus eiskaltem Kalkül: Der weltweit beachtete Parteitag sollte unbelastet von internationaler Kritik an der Menschenrechtssituation in Kuba über die Bühne gehen. Zudem hatte sich die Situation für die Machthaber in Havanna unangenehm zugespitzt. Viele der politischen Häftlinge hatten einen Hungerstreik begonnen. Sie wollten damit ein Zeichen setzen gegen die Folter in kubanischen Gefängnissen. Der Tod des hungerstreikenden Handwerkers Orlando Zapata Tamayo Anfang 2010 änderte die Situation schlagartig.
Entweder tot oder im Exil
Das Regime reagierte wie stets, wenn es in den vergangenen fünf Jahrzehnten unter Druck kam: pragmatisch. Es begann mit der zuvor ignorierten katholischen Kirche einen Dialog, um die unangenehmen Kritiker loszuwerden. Am Ende der Gespräche ließ Kuba fast alle politischen Gefangenen nach Spanien und in die Vereinigten Staaten ausfliegen. Dort sind die Dissidenten nun zwar frei, haben aber nahezu keinen Einfluss mehr auf die politische Entwicklung der abgeschotteten Insel. Castros Gegner sind auch heute noch: entweder tot oder im Exil.
Seit den Gesprächen mit Staatspräsident Raúl Castro, der seinen erkrankten Bruder 2008 als Präsident ablöste, ist die katholische Kirche die einzige Organisation in Kuba, die öffentlich Kritik üben darf. Kardinal Jaime Ortega mahnte zuletzt dringende wirtschaftliche Reformen an, denn der kubanischen Wirtschaft droht der endgültige Zusammenbruch. Fünf Jahrzehnte Sozialismus haben die Insel nahezu ruiniert. Darunter leiden vor allem die einfachen Bürger. Castro orientierte sich am russischen Beispiel.
Was auch nur einen kapitalistischen Anschein erweckte, wurde vom Bannstrahl des bärtigen Staatschefs aus Havanna getroffen. Es gab keine Taxis, die Kubaner durften nicht im Hotel absteigen, jeder private Handel war verboten. Die Kubaner bezahlen diese Wirtschaftspolitik mit bitterer Armut. Sichtbar wird sie sogar in den Touristenhochburgen. Für eine Handvoll Dollars oder Euros verkaufen die Frauen ihren Körper, um zu überleben und ihre Familien durchzubringen. In den Lokalen Havannas und an den Promenaden wiederholt sich jeden Abend dieses entwürdigende Schauspiel. „Eine der größten Errungenschaften unserer Revolution ist, dass selbst unsere Prostituierten Akademiker sind“, sagte Castro 2003 im Dokumentarfilm „Comandante“ des Regisseurs Oliver Stone. So ist das wirklich mit dem vielgerühmten kubanischen Bildungssystem: Es produziert jede Menge Akademiker, die keine Jobs finden.
„Arbeitsscheuer Abschaum“
Viele versuchen zu flüchten. Hunderttausende Kubaner wagten und wagen sich auch heute noch auf den gefährlichen Seeweg nach Florida. Wie viele dieser verzweifelten Menschen in den Fluten der Meerenge zwischen Kuba und Florida ertranken, hat niemand gezählt. Castro schwieg lange zu den Massenfluchtwellen, bis er in einer Rede zum Maifeiertag 1980 die Flüchtlinge als „arbeitsscheuen Abschaum“ beschimpfte. Wer Castros Reich heute offiziell verlässt, beginnt eine mittellose Zukunft: Meldet ein Kubaner seine Ausreise an, muss er sämtlichen Besitz im Lande lassen und dem Staat überschreiben.
Kubas Machthaber haben unterdessen ihr Wirtschaftsmodell faktisch für gescheitert erklärt. Raúl Castro kündigte vor einem Jahr die Entlassung von 1,3 Millionen Staatsbediensteten an. Später wurde die Zahl auf 500.000 korrigiert, Experten rechnen mit einer ersten Welle von 250.000 Entlassungen in den nächsten Monaten. Die Kassen sind leer, die landwirtschaftlichen Erträge bleiben weit hinter den Planzielen zurück. Schritt für Schritt öffnet sich die Insel für die zuvor verhasste Marktwirtschaft. Private Kleinunternehmer sollen mit ihrem Engagement nun auffangen, was die Staatswirtschaft während eines halben Jahrhunderts ruinierte.
Castro hat einen Schuldigen - Amerika
Ein Tabu nach dem anderen fällt: Der Immobilienhandel, das Transportwesen, das Handwerk sollen künftig nahezu privatwirtschaftlich organisiert werden. Wie groß der Hunger nach solchen Lösungen in der kubanischen Wirtschaftskrise ist, verdeutlicht eine Zahl, die die Parteizeitung „Granma“ Anfang des Jahres veröffentlichte: Mehr als 75.000 Kubaner hatten eine Unternehmerlizenz beantragt. Bis Ende des Jahres sollen mehr als 100.000 Menschen auf eigene Rechnung arbeiten. Es ist der letzte Versuch, den Wirtschafts-Sozialismus der Marke Castro irgendwie zu retten. „Aktualisierung des sozialistischen Modells“, so heißt das in der Sprache des Regimes.
Fidel Castro hat natürlich schon vor langer Zeit den Schuldigen für die Misere ausgemacht: die Vereinigten Saaten. Deren Wirtschaftsembargo dient seit je als Entschuldigung für die Unfähigkeit der kubanischen Wirtschaft und die Stagnation im Geistesleben. „Meine eigentliche Bestimmung ist der Krieg mit den Vereinigten Staaten von Amerika“, fasste Castro einmal sein politisches Lebenswerk zusammen. Das sicherte ihm stets Förderer, die das Land vor dem Kollaps bewahrten: im Kalten Krieg die Sowjetunion, heute das ölreiche Venezuela. Im Gegenzug gewährt Fidel Castro seinem politischen Ziehsohn aus Caracas regelmäßig persönliche Audienzen. Was bleibt nach 85 Jahren Fidel Castro: eine kaputte Insel, die ohne Hilfe von außen nicht mehr überleben kann und die ihre Kritiker ins Ausland entsorgt wie Müll. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.
So pleite wie wir sind noch mit dem Finger auf andere zeigen...
Thomas Winter (SkeptischerThomas)
- 28.08.2011, 20:16 Uhr
Einseitig oder keine Ahnung
Ruediger Schied (nbc420)
- 28.08.2011, 18:44 Uhr
Ist doch niche anders in Andersen kommunistischen Laendern
karin stutz (strohausen)
- 28.08.2011, 18:01 Uhr
Sozialismus und Aufbau
Jonas Müller-Hübenthal (Dr_Dolittle)
- 27.08.2011, 23:48 Uhr