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Fidel Castro Abschied vom „Comandante en Jefe“?

02.08.2006 ·  Nach der Notoperation soll der Gesundheitszustand Fidel Castros stabil sein. Erstmals hat der kubanische Revolutionsführer die Staatsführung seinem Bruder Raul übergeben. Daß dieser bei einem Tod 'Thronfolger' würde, ist aber mehr denn je ungewiß.

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
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Nach einer Notoperation ist der Gesundheitszustand von Kubas Staatschef Fidel Castro offiziellen Angaben zufolge stabil. Im Staatsfernsehen wurde am Dienstag abend (Ortszeit) eine Erklärung Castros verlesen. Darin bezeichnete sich der 79jährige als „guten Mutes“.

In der Erklärung entschuldigt sich Castro dafür, keine weiteren Details verraten zu können. Der amerikanische Erzfeind sei aber ständig auf der Lauer. Deshalb müsse sein Gesundheitszustand als Staatsgeheimnis behandelt werden. Das Land sei aber darauf vorbereitet, sich mit den Streitkräften und dem Volk zu verteidigen. Castro forderte seine Landsleute auf, „weiterzuarbeiten und zu kämpfen“.

Im Anschluß an die Erklärung wurden vom TV-Moderator Genesungswünsche verlesen, darunter auch vom linksnationalistischen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und seinem bolivianischen Kollegen Evo Morales. Parlamentspräsident Ricardo Alarcón hatte zuvor zahlreiche Gerüchte, Fidel Castro sei bereits gestorben, energisch zurückgewiesen. Der staatlichen Nachrichtenagentur „Prensa Latina“ sagte er : „Die letzte Stunde (Fidel Castros) ist noch weit weg.“

„Akute Magen-Darm-Krise“

Bevor sich der kubanische Revolutionsführer in den Operationssaal bringen ließ, hatte er persönlich noch eine „Proklamation“ formuliert. Darin beschrieb er ungeschminkt das Leiden, das ihn heimgesucht hat. Die „akute Magen-Darm-Krise mit nachhaltigen Blutungen“ ist nicht die erste Krankheit, die Castro aufs Krankenbett und zu einer, wie er selbst feststellt, „komplizierten Operation“ zwang.

Zum ersten Mal seit seiner Revolution vom 1. Januar 1959 sah er sich jedoch gezwungen, seinem Bruder Raul kommissarisch die Staatsführung zu übertragen. In früheren Fällen, wie nach dem schweren Sturz bei einem öffentlichen Auftritt im Oktober 2004, bei dem eine Kniescheibe zertrümmert wurde und er sich an einem Arm verletzte, hat Castro stets eisern den Eindruck zu erwecken versucht, er behalte die Kontrolle über das Land selbst auf dem Operationstisch.

Tage- und nächtelanger Arbeitseinsatz

Die Schwere der neuerlichen Erkrankung ist unübersehbar. Sie zwinge ihn zu einer mehrwöchigen Ruhepause, während deren er sich von allen Ämtern und Verpflichtungen fernhalten wolle, läßt der „Comandante en Jefe“ seine Landsleute wissen. Die Feiern zu seinem achtzigsten Geburtstag am 13. August hat er vorsorglich auf den 2. Dezember verlegt, den fünfzigsten Jahrestag der Landung der Yacht „Granma“, mit der die kubanische Revolution ihren Anfang nahm.

Die Krankheit kam nicht aus heiterem Himmel. Castro selbst sieht ihre Ursachen in der „enormen Anstrengung“, die ihm seine Reise zum Mercosur-Gipfel in der argentinischen Stadt Cordoba (siehe auch: Castro beim Mercosur-Gipfel) und sein Auftritt während der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Erstürmung der Moncada-Kaserne abverlangt haben. Und überhaupt bei seinem tage- und nächtelangen Arbeitseinsatz, der ihn kaum habe schlafen lassen. Der „extreme Stress“ habe seine Gesundheit angegriffen.

Gesundheitsprobleme statt Sicherheitsgründe

In Cordoba hatte Castro noch gescherzt. Manchmal müsse er selbst seine Freunde im unklaren darüber lassen, ob er einer Einladung Folge leisten werde. Bisweilen wisse er das bis zuletzt nicht einmal selbst. Das war vor allem ein Kokettieren mit seinem Sicherheitswahn, den er immer gern mit dem Hinweis auf die unzähligen gegen ihn unternommenen Attentatsversuche zu rechtfertigen versucht. Zuvor war er kaum mehr gereist, schon gar nicht über eine längere Strecke wie bei dem Achtstundenflug von Kuba nach Argentinien.

Obwohl er in dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales einen neuen gelehrigen Adepten gefunden hat, nahm Castro nicht an dessen Amtseinführung im Januar teil. Schon damals war spekuliert worden, daß er weniger aus Sicherheitsgründen als vielmehr wegen Gesundheitsproblemen sein Land nicht verlassen wolle.

Strapazen für einen Freihandelsvertrag

Warum hat er trotzdem die Strapazen der Argentinienreise auf sich genommen? Er konnte in Cordoba einen für Kuba vorteilhaften Freihandelsvertrag mit dem Mercosur-Bündnis abschließen, der die Folgen des amerikanischen Embargos gegen Kuba wieder ein Stück mildert und für ihn einen kleinen Sieg über seinen Erzfeind, die Vereinigten Staaten, darstellt.

Und wie der greise Titurel den Gral noch einmal schauen durfte, bot sich in Argentinien für Castro die günstige Gelegenheit, noch einmal eine Kultstätte seiner Revolution zu besuchen: das Landhaus in dem in günstigem Klima gelegenen Alta Gracia bei Cordoba, wo sein engster Kampfgefährte, der von Asthma geplagte Argentinier Ernesto „Che“ Guevara, seine Kindheit und frühe Jugend verbracht hatte.

Brüchige Stimme und Zornesröte im Gesicht

Der 48 Stunden währende Aufenthalt auf argentinischem Boden hat Castro, der vor wenigen Jahren noch mit seinem revolutionären Projekt in einer abgelegenen Ecke der Weltgeschichte zu enden schien, gezeigt, daß er doch noch Freunde hat. Er ließ sich auch nicht lange bitten und demonstrierte unter Aufbietung aller Kräfte, daß sein rhetorisches Feuer noch nicht ganz erloschen ist. Auf dem Mercosur-Gipfel nahm er sich als Gastredner das Recht heraus, sich nicht an die vereinbarte Zeit von zehn Minuten zu halten, sondern 40 Minuten lang zu reden. Bei der Alternativveranstaltung der linksgerichteten Gruppierungen brachte er es auf drei Stunden Redezeit.

Man merkte Castro in Cordoba jedoch die Anstrengungen an. Seine Stimme klang brüchig, er drehte sich rhetorisch im Kreis. Immer wieder war während seines Argentinienaufenthalts auch zu spüren, wie leicht erregbar er ist. Die Frage eines Journalisten nach der persönlich an Castro gerichteten Bitte des argentinischen Präsidenten Nestor Kirchner, die kubanische Ärztin Hilda Molina ausreisen zu lassen, damit sie ihre argentinischen Enkel besuchen kann, trieb dem Revolutionsführer die Zornesröte ins Gesicht.

Enge Beziehungen zwischen Venezuela und Kuba

Die späte Anerkennung, die Castro gegenwärtig in Teilen Lateinamerikas erfährt, verdankt er vor allem seinem treuesten und eifrigsten Ziehsohn, dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez, der ihn vermutlich auch überredet hatte, nach Argentinien zu reisen. Chavez versäumt keine Gelegenheit, die revolutionären Heldentaten seines Mentors zu preisen. Die Schattenseiten des Regimes in Havanna blendet Chavez aus seinen idyllischen Beschwörungen der revolutionären Realität auf Kuba systematisch aus.

Auch wenn Castro mit der Berufung seines Bruders Raul zu seinem Statthalter die Nachfolge geregelt hat und andere Figuren aus seiner nächsten Umgebung Gewehr bei Fuß stehen, sein Erbe anzutreten, könnte es bei einem möglichen Ableben des „Comandante en Jefe“ doch ganz anders kommen. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß der tatsächliche Thronfolger Hugo Chavez heißt. Die Beziehungen zwischen Venezuela und Kuba sind mittlerweile so eng geworden, daß sich die Insel schon jetzt in mancher Hinsicht wie ein weiterer Bundesstaat Venezuelas ausnimmt.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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