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Festnahmen und Krawalle Die Front im Zentrum von Moskau

16.12.2010 ·  Seit Tagen wird die russische Hauptstadt von der Furcht vor Zusammenstößen zwischen russischen Nationalisten und Kaukasiern in Atem gehalten. Die Gewalt zwischen den Gruppierungen, die seit Jahren beobachtet wird, entlädt sich.

Von Michael Ludwig
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Die Frauen, die sonst auf den Bürgersteigen Salzgurken, eingelegten Knoblauch, Äpfel, frisches Sauerkraut oder Blumen verkaufen, ließen sich am Mittwoch nicht sehen. Die offenen Verkaufsstände am Moskauer Europaplatz, an denen gewöhnlich tadschikische Händler getrocknete Aprikosen, Weintrauben, Nüsse aller Art oder billige Textilien feilbieten, wurden gar nicht erst aufgebaut. Dafür wurden die Ausgänge der Metrostation Kijewskaja, die direkt auf den Platz führen, von Miliz in schusssicheren Westen bewacht. Schwere Lastwagen, auf denen Milizionäre, Angehörige der Sondereinsatzkräfte Omon und Soldaten der Truppen des Innenministeriums saßen, parkten an den strategisch wichtigen Stellen des großen Gevierts.

Auf dem Platz selbst, der sonst voller Menschen ist und geradezu als Verkörperung des Vielvölkerstaats Russland gelten kann, waren am Mittwoch nur Russen oder „Menschen mit slawischen Zügen“ - so ein Begriff aus der Behördensprache - als Passanten übrig geblieben. Aber auch diese beeilten sich, so schnell wie möglich weiterzukommen. Die „Schwarzen“, so der rassistische Sammelbegriff für Menschen aus dem Kaukasus und Zentralasien, blieben am Mittwoch in dieser Ecke Moskaus ganz unsichtbar.

Tausend Festnahmen in ganz Moskau

Der Grund dafür waren am Dienstag im Internet verbreitete Ankündigungen, dass russische Nationalisten, Neonazis und Fußballhooligans auf dem Europaplatz eine Wiederholung der Krawalle vom Samstag planten, als sich auf dem Manegeplatz in Sichtweite des Kremls etwa 5000 nationalistische Fußballhooligans versammelt hatten, die Losungen wie „Moskau bleibt russisch“ und „Russland den Russen!“ skandierten. Aus der Menge heraus waren dort Passanten kaukasischer und zentralasiatischer Herkunft angegriffen und schwer misshandelt worden, schließlich kam es zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften, bei denen es viele Verletzte gab.

Nach den Krawallen wurden im Moskauer Stadtgebiet immer wieder „Nichtrussen“ - vor allem Kaukasier - angegriffen. Am Sonntag wurde ein Mann aus Kirgistan von einer Gruppe junger Russen ermordet. Nach diesen Vorfällen hatte es im Internet einen Aufruf an Kaukasier und „Bergbewohner“ gegeben, am Mittwoch auf dem Europaplatz gegen die Überfälle der Neonazis und „Fußballfans“ zu protestieren. Herkunft und Echtheit dieses Aufrufs sind unklar - so wie auch der Hintergrund anderer Appelle an Kaukasier und Zentralasiaten, selbst zur Gegenwehr zu greifen. Doch zwischen die zu befürchtenden Fronten wollte niemand geraten.

Dass die Furcht der Moskauer nicht unbegründet war, erwies sich vom späten Nachmittag an: In der Nähe der Metrostation Kijewskaja wurden im Laufe des Abends 420 Männer festgenommen, bei manchen wurden Schlag- und Stichwaffen gefunden. Die Zahl der Festnahmen in ganz Moskau lag nach offiziellen Angaben am Abend bei tausend. Und obwohl die Sicherheitskräfte den ganzen Mittwoch über an vielen möglichen Brennpunkten in der Hauptstadt verstärkte Präsenz zeigten, kam es sowohl in der Gegend des Europaplatzes als auch an anderen Orten in Moskau immer wieder zu Schlägereien zwischen „Russen“ und „Kaukasiern“.

„Rostow bleibt russisch!“

Was Moskau jetzt erlebt, hat am 5. Dezember mit der Ermordung Jegor Swiridows begonnen, eines russischen Fans des Fußballklubs Spartak Moskau. Als Verdächtige wurden zunächst ein junger Mann aus Kabardino-Balkarien und weitere Nordkaukasier festgenommen, aber bald wieder freigelassen. Zwei Tage nach dem Mord blockierten Fußballfans stundenlang eine der wichtigsten Ausfallstraßen Moskaus, die „Leningradka“. Am Samstagmorgen trafen sich dann etwa 10.000 Fans von Spartak Moskau und anderen Klubs friedlich an der Stelle, an der Swiridow erschossen worden war.

An diesem Totengedenken nahm ein orthodoxer Geistlicher teil, der nicht nur ein Gebet sprach, sondern auch an den Kampf der Russen gegen das tatarische Joch unter Führung des Fürsten Jurij Dolgorukij erinnerte und verlangte, die Russen müssten sich wie damals im Mittelalter eng zusammenschließen. Ein Kriegsveteran behauptete vor den Versammelten, dass ethnische Russen in Moskau inzwischen zu einer Minderheit von 30 Prozent geworden seien, und rief dazu auf, diesen Zustand zu bekämpfen. Stunden später nahmen Tausende Jugendlicher auf dem Manegeplatz die beiden Redner beim Wort.

Der Aufruhr war nicht nur auf Moskau beschränkt. In Sankt Petersburg rotteten sich am Samstag einige hundert Fußballfans zusammen und griffen die Miliz mit Flaschen und Eisbrocken an. In Rostow am Don demonstrierten am Samstag mindestens 2000 Menschen gegen die Ermordung eines Studenten durch einen Nordkaukasier und riefen „Rostow bleibt russisch!“. Es wurde berichtet, Milizoffiziere hätten den Demonstranten applaudiert. Sowohl in Petersburg als auch in Rostow versammelten sich am Mittwoch ebenfalls Gruppen aggressiver junger Männer, gab es Dutzende Festnahmen.

Die Symbiose entlädt sich in einem Ausbruch massenhafter Gewalt

Gewalt zwischen Russen und „Nichtslawen“ ist in Russland schon seit Jahren an der Tagesordnung - meist sind es allerdings Russen, die Zentralasiaten und Kaukasier angreifen und oft genug auch töten. Allein in diesem Jahr wurden in Russland nach Angaben des Moskauer Büros für Menschenrechte 170 Überfälle verzeichnet, die Fremdenhass als Motiv gehabt haben sollen. 39 Menschen wurden getötet und 213 verletzt.

Russische Beobachter und Sozialforscher warnen seit Jahren davor, dass eine Mischung aus extremem russischem Nationalismus, Rassismus und mangelnden Lebensperspektiven vieler Jugendlicher sich zu einer großen Gefahr für die Stabilität und den Zusammenhalt des Vielvölkerstaats entwickeln könnte. Immer wieder wurden Miliz, Staatsanwaltschaft und Gerichte aufgefordert, schärfer gegen die Umtriebe der nach Schätzungen bis zu 70.000 organisierten russischen Nationalisten und Neonazis vorzugehen. Diese haben, wie ebenfalls nicht erst seit jetzt bekannt ist, bereits viele Fangruppen unterwandert.

Auf dem Moskauer Manegeplatz entlud sich diese Symbiose am Samstag in einem seit Jahren nicht beobachteten Ausbruch von massenhafter Gewalt. Die Äußerungen der meisten russischen Politiker zu den jüngsten Ereignissen klangen ratlos. Dafür kursiert inzwischen eine Verschwörungstheorie, der zufolge die „Silowiki“ in der Regierung - Vertreter der Sicherheitskräfte und der Geheimdienste - auf den extremen Nationalismus und sogar auf Massenunruhen setzten, um die vorsichtige Liberalisierungspolitik Präsident Medwedjews zu konterkarieren.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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