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FAZ.NET-Spezial Zu weit weg von der Macht

09.10.2003 ·  Der Bundesstaat Kalifornien liegt fernab von den Machtzentren Amerikas. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der „Goldene Staat“ wie kein anderer verändert.

Von Horst Rademacher
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Wer sich mit dem Flugzeug von Osten kommend der nordamerikanischen Westküste nähert, merkt erst, wie weit Kalifornien von den anderen Ballungsräumen in den Vereinigten Staaten entfernt ist. Beim Flug nach San Francisco geht es über die leblosen Salzseen Utahs und die grauen Wüsten Nevadas, bevor sich die mehr als 4000 Meter hohen Gipfel der Granitbarriere der gewaltigen Sierra Nevada dem Reisenden entgegenstrecken. Auch der Flug in Richtung Los Angeles führt stundenlang über die einsamen Landschaften Neu-Mexikos und Arizonas, bis die Vorstädte Riverside und San Bernadino mit ihren Bewässerungsanlagen der Mojave-Wüste Einhalt gebieten.

Von New York, Boston oder Philadelphia dauert die Flugreise an die Westküste zwischen fünf und sechs Stunden, zwischen dem Weißen Haus und dem Kapitol in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento liegen vier Zeitzonen. Von Chicago, der Metropole des Mittleren Westens, und von Atlanta, der Hauptstadt der amerikanischen Südstaaten, ist Kalifornien jeweils knapp 3000 Kilometer entfernt. Selbst im Zeitalter von Internet und sekundenschneller, weltumspannender Kommunikation sind es diese Distanzen, die immer noch das Verhältnis Kaliforniens zum Rest der Vereinigten Staaten bestimmen.

Fernab von den Machtzentren

Wenn Arnold Schwarzenegger in der ersten Novemberhälfte als 38. Gouverneur Kaliforniens sein Büro im Kapitol von Sacramento bezieht, wird er schnell merken, was es bedeutet, einen großen Bundesstaat derart weit von den Machtzentren der Vereinigten Staaten entfernt regieren zu wollen. Auf den "Radarschirmen" der Aufmerksamkeit der Politiker und Finanziers in Washington und New York ist Kalifornien nämlich höchstens ein kleiner Punkt. Bei der Lösung der vielen Probleme des "Goldenen Staates" am Pazifik, kann sich ein Gouverneur deshalb kaum auf die Hilfe von Washington verlassen. Schwarzeneggers Aufgabe wird zusätzlich erschwert, weil sich Kalifornien in den vergangenen Jahrzehnten wie kein anderer Bundesstaat verändert hat.

Als der damals gerade 21 Jahre alte Steiermärker im Jahre 1968 nach Kalifornien kam, fand er einen Bundesstaat in Aufbruchstimmung vor. Die Blumenkinder hatten gerade die halluzinogene Hippiewelt von San Francisco entdeckt und Hollywood war ein Magnet für jene, die davon träumten, als Filmstar Weltruhm zu erlangen. In Sacramento regierte Ronald Reagan als Gouverneur und die Wirtschaft des Bundesstaates wurde von der Rüstungsindustrie geprägt. Obwohl der Kalte Krieg weit vom Goldenen Staat entfernt stattfand, profitierten damals die meist in Kalifornien ansässigen Unternehmen der Luft- und Raumfahrt, der sogenannte militärisch-industrielle Komplex, vom Wettrüsten der Supermächte. Das Silicon Valley steckte noch in den Kinderschuhen. Transistoren und einfache integrierte Schaltkreise galten damals als Prunkstücke der Hochtechnologie und weder der Mikroprozessor noch der PC hatten das Licht der Welt erblickt.

Den Niedergang möglichst schmerzlos gestalten

In Kalifornien lebten damals weniger als 20 Millionen Menschen, nahezu zwei Drittel von ihnen war weiß. Im Landesinneren wirkten Tausende von Arbeitern am Bau der großen Infrastrukturprojekte mit. Geprägt war der Staat damals von einem nicht enden wollenden Wachstum. Die verarbeitende Industrie und das Kleingewerbe erfanden immer neue Produkte und blühten ebenso wie die Landwirtschaft, die das gesamte eintausend Kilometer lange Zentraltal vom Mount Shasta im Norden bis Bakersfield im Süden in einen fruchtbaren Garten verwandelt hatte. Als Gouverneur findet Schwarzenegger nun einen völlig anderen Staat vor. Von Aufbruch und Wachstum ist heute kaum noch die Rede. Vielmehr ist man krampfhaft bemüht, das Erreichte zu erhalten oder den unweigerlichen Niedergang so schmerzlos wie möglich zu gestalten.

Die Luft- und Raumfahrtindustrie, der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung Kaliforniens in den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, ist heute bedeutungslos. Das Silicon Valley erlebte zwar einen rasanten Aufstieg, schlug dabei aber mehrere Saltos, von denen es sich wirtschaftlich noch immer nicht erholt hat. Wie zyklisch das Geschäft mit High-Tech läuft, zeigte vor wenigen Jahren der Zusammenbruch des Internetbooms, als Hundertausende Angestellte der "dot.com-Branche" entlassen wurden. Insgesamt ist derzeit das Wirtschaftsklima in Kalifornien so schlecht wie in kaum einem anderen Bundesstaat. Die Steuerbelastung der Unternehmen ist deutlich höher als anderswo, große High-Tech-Firmen wandern ab oder haben sich, wie beispielsweise der Computerhersteller Dell oder der Softwarehersteller Microsoft erst gar nicht in Kalifornien angesiedelt.

Noch immer Anziehungspunkt für Einwanderer

Unterdessen hat der Bundesstaat am Pazifik noch nichts von seiner Anziehungskraft für Einwanderer aus allen Teilen der Welt eingebüßt. Seit Schwarzeneggers Ankunft hat sich die Bevölkerung fast verdoppelt und beträgt jetzt knapp 36 Millionen. Weil nahezu jeder kalifornische Bürger vom Eigenheim träumt, führte dieses Wachstum dazu, daß die Städte immer mehr ausfransten. Seit Schwarzeneggers Ankunft hat sich auch die Mischung der Ethnien, aus denen sich Kaliforniens Bevölkerung zusammensetzt, grundlegend verändert. Der Anteil der Weißen ist auf weniger als 45 Prozent der Bevölkerung gesunken. Latinos - sie kommen nicht mehr nur aus Mexiko sondern aus allen Teilen Lateinamerikas - stellen inzwischen mit einem Drittel die größte Minderheitengruppe.

Der Anteil der Bevölkerung asiatischen Ursprungs ist auf nahezu fünf Millionen gestiegen und inzwischen fast doppelt so groß wie der Anteil der Schwarzen. Und es gibt noch eine Gruppe, die in keiner Statistik erfaßt wird, die sogenannten "High-Tech-Flüchtlinge". Sie stammen vor allem aus Europa und Asien, sind durchweg an Universitäten ausgebildet und finden in Kalifornien, trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten, noch immer bessere Chancen in Forschung und Entwicklung zu arbeiten als in ihren Heimatländern. Unter ihnen ist der Anteil der deutscher Jungakademiker und Forscher beträchtlich, die beispielsweise an den Universitäten Berkeley und Stanford sowie in der High-Tech-Industrie arbeiten.

Viel Spielraum bleibt nicht

Mit dieser raschen Entwicklung des Bundesstaates, vor allem aber mit den daraus resultierenden Veränderungen, hat das politische System in Sacramento aber nicht Schritt gehalten. So ist der weitaus größte Teil des zur Zeit 96 Milliarden Dollar umfassenden Staatshaushaltes für Dauerausgaben festgeschrieben. Mit knapp 31 Milliarden Dollar ist die Finanzierung der Schulen der größte Einzelposten, weitere elf Milliarden werden für die staatlichen Universitäten ausgegeben. Die sozialen Dienste schlagen mit 27 Milliarden Dollar zu Buche und der Betrieb der Gefängnisse verschlingt in jedem Jahr allein mehr als fünf Milliarden Dollar. Viel Spielraum für Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft bleiben dabei nicht, vor allem weil der Staat in diesem Jahr mindestens acht Milliarden Dollar weniger einnimmt, als er ausgibt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2003, Nr. 235 / Seite 7
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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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