04.07.2005 · Vom 6. bis 8. Juli treffen sich die Regierungschef der großen Industrienationen in Schottland. Premier Tony Blair will, flankiert von Popstars, ein gewaltiges Hilfsprogramm durchsetzen. Ob es nützt? FAZ.NET-Spezial.
Von Winand von PetersdorffDie Geschichte der Entwicklungshilfe für Afrika ist eine Geschichte von Fehlschlägen und Frustrationen. "Wir haben Milliarden ausgegeben, und wir haben beinahe gar nichts vorzuweisen", sagt Paul O'Neill, der frühere Finanzminister der Vereinigten Staaten.
Längst macht sich Ratlosigkeit und Resignation unter Entwicklungshilfeexperten breit. Die Industrialisierung hat nicht geholfen, die Privatisierungspolitik nicht, der sporadisch getestete Sozialismus nicht. Nicht Rat, nicht Tat, nicht Geld. Und jeden Tag sterben Tausende Kinder.
Blairs schonungsloser Optimismus
Die Kenntnis dieser deprimierenden Historie könnte demütig machen und skeptisch gegenüber schlichten Formeln zu Rettung der Dritten Welt. Manche werden statt dessen energisch. Mit schonungslosem Optimismus versucht Großbritanniens Premierminister Tony Blair ein Milliarden-Hilfsprogramm für die Dritte Welt auf dem G-8-Gipfel im schottischen Gleneagle vom 6. bis 8. Juli durchzuboxen. Das Paket ist stattlich: Es sieht eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2010 vor - und zwar um zusätzliche 25 Milliarden Dollar jedes Jahr. Sollte das Geld vernünftig verwendet werden, verspricht der Plan bis 2015 jährlich weitere 25 Milliarden Dollar.
Doch die entscheidende Frage ist bisher nicht positiv beantwortet worden: Hilft Hilfe überhaupt? Die Geschichte lehrt anderes: Sechs Länder haben es in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, sich von bitterer Armut auf ein deutlich erträglicheres Niveau aufzuschwingen. Brasilien, China, Indien, Thailand, Malaysia und Mauritius sind die Länder, die noch etwas gemeinsam haben: Sie haben diesen Aufschwung ohne Entwicklungshilfe geschafft. Sie erhielten Mittel, die unter einem Prozent ihres Bruttosozialprodukts lagen.
Ärmer als zuvor
Exzessive Hilfen haben dagegen vor allem die Länder südlich der Sahara erhalten. Mocambique bekam, so rechnet der langjährige Planungschef des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit Heinrich Langerbein vor, 1995 Stütze in Höhe von 95 Prozent des eigenen Bruttosozialprodukts.
Ob Tansania, Ruanda oder die Elfenbeinküste - alle erhielten zeitweise Hilfen, die 80 Prozent des eigenen Bruttosozialprodukts entsprachen, und häufig mehr. Zu den öffentlichen Hilfen kamen gewaltige Zuwendungen von Kirchen und Hilfsorganisationen. Auffällig ist laut Langerbein, daß einige Entwicklungsländer nach massiven Hilfen aufblühten, um danach noch hinter das Ausgangsniveau zurückzufallen, ärmer als zuvor.
Ökonomisch ineffektives „Rent-seeking-Verhalten“
Die Hilfe hat nicht nur nicht geholfen. Sie hat offenbar sogar geschadet. In den achtziger Jahren war Ghana gefügiger Partner der Weltbank und erhielt überreichlich Unterstützung. Ghana hatte 1992 ein Pro-Kopf-Einkommen von 440 Dollar, im Jahr 2002 von nur noch 270 Dollar. Zur Zeit seiner Unabhängigkeit hatte es nicht nur das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Schwarzafrika, sondern war China, Indien und Korea überlegen.
Entwicklungshilfe wirkt gelegentlich ähnlich wie ein Bodenschatz: negativ. Sie löst ein ökonomisch ineffektives "Rent-seeking-Verhalten" aus. Die Bürger stürzen sich auf die Chance, schnell zu Geld zu kommen, statt ökonomisch sinnvolle Güter und Dienste anzubieten. Sie machen das, indem sie versuchen, Einfluß auf die staatliche Ressourcenverteilung zu nehmen. Die Methoden dazu sind vielfältig, ihre Anwender nicht immer zimperlich.
Viele Theorien, kein geschlossenes Bild
Auffällig ist, daß in manchem aber mit Entwicklungshilfe überschwemmten Land die Zahl der Nichtregierungsorganisationen nach oben geschossen ist: In Kenia und Tansania gibt es mehr als 30.000 NGOs. Die meisten verschreiben sich dem Kampf gegen die Armut und dem Umweltschutz. Die Wohlmeinenden werten die Zunahme dieser Gruppe als Beleg für eine vitale Bürgergesellschaft. Mancher Praktiker spricht dagegen von gutorganisierten Clans und Gruppen, die sich zusammenfanden, um Entwicklungshilfe abzuschöpfen. Hier könnte das ökonomische Konstrukt des Rent-seeking seine Konkretisierung erfahren.
Wer helfen will, muß die Gründe der Armut kennen, um richtig ansetzen zu können. Es gibt inzwischen viele Theorien und immer noch kein geschlossenes Bild. Daß Rohstoffe den Ländern offenbar mehr schaden als nützen, belegen mehrere Studien. Nigeria, gemessen an den Bodenschätzen eines der reichsten Länder überhaupt, ist zugleich eines der ärmsten der Welt.
Korruption wirkt wie eine schwer kalkulierbare Steuer
Die in Afrika verbreitete Korruption lähmt manches Land und hält Investoren ab, weil sie wie eine schwer kalkulierbare Steuer wirkt, so lautet eine Erklärung. Doch andererseits sind auch China und Indonesien hoch korrupt, ohne daß die Menschen dort hungern.
Andere Studien belegen die deutlich besseren Wachstumsraten der Küstenstaaten gegenüber den Ländern im Landesinnern. Der amerikanische Starökonom Jeffrey Sachs hat herausgefunden, daß abgesehen von Europa die Küstenstaaten der Welt ein dreimal so hohes Volkseinkommen pro Kopf haben wie von Landmassen umgebene Staaten.
Der Boden bleibt totes Kapital
Der Ökonom Ricardo Hausmann weist auf den empirisch belegten Zusammenhang zwischen Unterentwicklung und Zugang zu wichtigen Märkten hin: ohne gute und sichere Straßen kein Handel. Es kostet 3.000 Dollar, einen Standard-Container von der Westküste der Vereinigten Staaten zur Elfenbeinküste zu bringen. Es kostet aber 16.000 Dollar, denselben Container in ein zentralafrikanisches Land zu verfrachten. Die Gegner des Freihandels werden nebenbei widerlegt.
Verbriefte Eigentumsrechte an Grund und Boden fehlen häufig in Afrika. So kann der Bauer seinen Acker nicht beleihen und deshalb nicht investieren. Der Boden bleibt totes Kapital. Das Klima begünstigt Krankheiten wie Malaria, die zu einer Geißel des Kontinents geworden ist. Aids hat nicht nur Landstriche entvölkert und schreckliches Leid ausgelöst, sondern auch die Entwicklung gebremst.
Naive weiße Helfer
Die Probleme sind erkannt, eine Lösung hat die Welt bisher nicht präsentieren können. Die Lehre aus der Vergangenheit ist, daß nur jene Länder der Armut entwuchsen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen.
In Afrika hat Entwicklungshilfe möglicherweise einen wichtigen Beitrag geleistet, dies zu verhindern. So sagt die Entwicklungsexpertin Axelle Kabou aus Kamerun, Afrikaner seien larmoyant, mittelmäßig und glaubten, der Rest der Welt schulde ihnen die Rettung ihres Kontinents. In ihrer Opferhaltung würden sie von naiven weißen Helfern bestärkt.
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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