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Macron und die Deutschen : Germanophil

Frankreichs neuer Präsident Macron, hier mit Bundeskanzlerin Merkel, gilt als deutschlandfreundlich. Bild: AFP

Frankreichs neue Politikergeneration ist so deutschlandfreundlich wie keine zuvor. Die Stunde einer neuen Art europäischer „Bauherren“ hat geschlagen. Doch die Ressentiments aus dem Wahlkampf sind nicht schon wie ein Spuk verschwunden.

          Frankreich hält gern Überraschungen parat. Im Regierungskabinett unter Premierminister Édouard Philippe hat sich eine neue Politikergeneration versammelt, die so europäisch und deutschlandfreundlich ist wie keine zuvor. Lange schien am Kabinettstisch im Salon Murat im Elysée-Palast vergessen, dass in diesem Saal 1963 Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnet hatten. Jetzt aber dominieren an dem ovalen Tisch die Gründerenkel, deren Jugend und Reifezeit von den Segnungen des deutsch-französischen Austausches zugunsten Europas geprägt waren.

          Die Stunde einer neuen Art europäischer „Bauherren“ hat geschlagen. Die Enkelgeneration in Paris ist nicht mehr getragen von der Kriegserfahrung. Sie ist auch nicht bestimmt vom „Benchmarking“, dem ständigen Abgleich mit Deutschland, den die Generation der Sarkozys und Hollandes antrieb. Ihre Beziehung ist selbstverständlicher, kenntnisreicher und, vor allem, von Pragmatismus geprägt.

          Antieuropäische Ressentiments bleiben

          Da wäre Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire zu nennen, der beim Schüleraustausch in Bremen seine Leidenschaft für die deutsche Sprache und Kultur entdeckte. Obwohl der Managersohn aus dem großbürgerlichen Paris eine glanzvolle französische Elitenausbildung ablegte, riss sein Interesse am deutschen Kulturraum nicht ab. Der schönste Beweis dafür ist in seinem Roman „Musique absolue“ zu finden, den er dem Orchesterchef Carlos Kleiber widmete.

          Le Maires Affinität zu Deutschland wusste der rechtsbürgerliche Präsidentschaftskandidat François Fillon zu nutzen, der den früheren Vorwahl-Gegner zu seinem Sondergesandten für die Bundesregierung machte. Fillons Besuch bei der Bundeskanzlerin im Januar wurde von Le Maire in Berlin gründlich vorbereitet. Er stimmte sich unter anderen mit Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzleramtsminister Peter Altmaier ab. Deshalb kann es jetzt nur als glückliche Wendung verstanden werden, dass Präsident Emmanuel Macron nicht im engen Lagerdenken gefangen ist und dem 48 Jahre alten Republikaner die Verantwortung für die Finanz- und Wirtschaftspolitik übertragen hat.

          Die 52 Jahre alte Sylvie Goulard aus Marseille verkörpert bis zur Perfektion den neuen europäischen Geist am französischen Kabinettstisch. Die Verteidigungsministerin spricht nicht nur fließend Deutsch, Italienisch und Englisch. Sie hat in ihrem Werdegang, der sie nach Brüssel, Berlin und Florenz führte, den europäischen Annäherungsprozess „vorgelebt“. Der 46 Jahre alte Premierminister Édouard Philippe ist ein weiterer Repräsentant dieser europäischen Leader-Generation. Er verbrachte seine prägenden Jugendjahre bis zum Abitur in der damaligen Hauptstadt Bonn. Damit liegt auch die Führung der Regierungsgeschäfte in der Verantwortung eines germanophilen Mannes. Dieses europäische Kampfkabinett zu Diensten des Präsidenten zählt im Elysée-Palast außerdem zwei gewichtige deutschsprachige Stützen, den diplomatischen Chefberater Philippe Étienne und den Redenschreiber Sylvain Fort.

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          Die antieuropäischen Ressentiments während des Wahlkampfes sind deshalb aber nicht schon wie ein Spuk verschwunden. Viele Franzosen hegen weiterhin eine tiefsitzende Skepsis gegenüber der EU und gegenüber dem Land, das aus ihrer Sicht diesen Zusammenschluss dominiert: Deutschland. Etwa 55 Prozent der Wähler hatten im Referendum über den europäischen Verfassungsvertrag im Jahr 2005 mit Nein gestimmt. Seither haben Kräfte vom linken und vom rechten Rand den Franzosen eingeredet, dass ihr Votum von den Regierungen übergangen worden sei. In den unteren Einkommensklassen mit niedrigem Bildungs- und Qualifikationsniveau überzeugte diese Schuldzuweisung. Macron steht deshalb vor der schwierigen Aufgabe, bei aller Europa-Freundlichkeit seiner bildungsbeflissenen Regierungsmannschaft nicht jene abzustoßen, die ohnehin das Gefühl haben, dass Europa nur etwas für „die da oben“ sei.

          Die Rechtspopulistin Marine Le Pen wie auch der linke Volkstribun Jean-Luc Mélenchon werden sich nicht verbieten lassen, vor den Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni wieder eine bessere Zukunft in einem anderen Europa zu verheißen. Doch insbesondere Le Pen hat für ihre verworrenen Frexit-Pläne in den eigenen Reihen einen deutlichen Dämpfer erhalten. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen hat ihren Rückzug aus der Politik auch mit dem verfehlten Europa-Kurs begründet. Der Konflikt in der Führungsriege des Front National ist so weit eskaliert, dass der stellvertretende Parteivorsitzende Florian Philippot mit Parteiaustritt drohte, sollte Le Pen den europapolitischen Kurs ändern. Le Pens kurzzeitiger „Premierminister“, der Nationalkonservative Nicolas Dupont-Aignan, hat mit der FN-Vorsitzenden gebrochen. Bei den Parlamentswahlen lassen Dupont-Aignan und Le Pen ihre Kandidaten gegeneinander antreten.

          Noch ist nicht entschieden, wie dieser Streit bei den Rechtspopulisten ausgeht. Bemerkenswert ist aber, dass ausgerechnet der vom FN unterstützte Abgeordnete Gilbert Collard urteilte: „Das neue Referendum über Europa ist am Wahltag am 7. Mai entschieden worden.“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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