09.08.2009 · Seit einer Woche tagt die Fatah in Bethlehem. Viele Einwohner haben genug von den Gästen. Denn die verbrauchen sämtliches Wasser, ihre Limousinen verstopfen die Straßen und den Streit um einen Parkplatz tragen sie schon mal mit der Waffe aus.
Von Hans-Christian Rößler, BethlehemSpätestens seit Mitglieder der Präsidentengarde ihren Streit um einen der Parkplätze mit der Dienstwaffe austrugen, haben viele Einwohner von Bethlehem genug von ihren Gästen. Anfangs waren sie stolz darauf, dass Präsident Abbas in ihrer Stadt die erste Fatah-Generalkonferenz auf palästinensischem Boden einberief. Doch seit bald einer Woche verstopfen nun schon gepanzerte Limousinen, Geländewagen mit getönten Scheiben und eine Flotte von Polizeiautos die von schwerbewaffneten Sicherheitskräften gesäumten Straßen und lassen den Verkehr oft ganz zusammenbrechen.
Nicht nur seine Kunden blieben aus, auch das Wasser werde knapp, klagt ein Lebensmittelhändler. Im Sommer fließe es ohnehin nur einmal pro Woche, aber jetzt nur noch in den Hotels der Delegierten unweit der Terra-Sancta-Schule, in der die Fatah tagt und kein Ende findet: Eigentlich wollten sich die Delegierten am Donnerstagabend auf den Heimweg machen, aber erst am Sonntagnachmittag begannen die mit Spannung erwarteten Wahlen ihrer beiden Führungsgremien. Es könnte Dienstag werden, bevor in Bethlehem wieder Ruhe einkehrt.
Es geht weniger um Programme, als um Personen
Aber wann es ein Ergebnis geben wird, wagten die Organisatoren nicht vorherzusagen. Chaotisch wirkte der erste Ansturm auf die Plastikwahlurnen in der Sporthalle der christlichen Schule unweit der Geburtskirche. Nach den heiseren Stimmen zu urteilen, verliefen die Parteitagsdebatten davor nicht viel geordneter. „Sie haben mich kritisiert wie verrückt“, sagt Saeb Erekat, der maßgeblich an den Verhandlungen mit Israel beteiligt ist. Bei den Delegierten in Bethlehem sind die Friedensgespräche alles andere als populär. „Mehr als 2300 Delegierte und ebenso viele Meinungen“, scherzt Saeb Erekat.
Aber in Bethlehem geht es weniger um Programme als um Personen: 700 Kandidaten gibt es für nur gut 100 Mandate. Und auf dem Weg ins Zentralkomitee zählt jede Stimme. Aus diesem Grund hatten die Delegierten tagelang nach einem Weg gesucht, wie die Fatah-Mitglieder aus Gaza doch an der Wahl teilnehmen konnten; die Hamas hatte sie nicht ausreisen lassen. Am Telefon durften sie dann am Sonntag durchgeben, wem sie ihre Stimme geben. Fatah-Mitglieder, die es aus Gaza nach Bethlehem geschafft hatten, sollten helfen, die 450 Aktivisten an ihrer Stimme zu erkennen und Betrug auszuschließen.
Aber in dem Streit über die Stimmen aus Gaza ging es nur vordergründig um fälschungssichere Methoden: Aus Gaza stammt der Fatah-Führer Mohammed Dahlan, der an seinem politischen Comeback arbeitet. Bis die Hamas die Fatah 2007 aus dem Gazastreifen vertrieb, war er als Sicherheitschef dort der gefürchtete „starke Mann“. Als Vertreter der „jungen Garde“ kandidiert der 1961 geborene Dahlan jetzt für das Zentralkomitee und braucht deshalb auch die Unterstützung aus Gaza. Auf rund 60 Prozent schätzt der Politikwissenschaftler Usama Antar aus Gaza-Stadt den Anteil der dortigen Delegierten, auf die Dahlan zählen kann. „Vielen in Gaza gefällt nicht, wie sehr die Leute aus dem Westjordanland versuchen, die Fatah zu dominieren“, beobachtet Antar.
Viele Kandidaten sitzen in israelischen Gefängnissen
Aber auch andere Fatah-Führer trauen sich zu, eines Tages an die Spitze der Palästinenserorganisation aufzurücken. Öffentlich sagen sie das nicht, aber ohne einen der 23 Plätze im Zentralkomitee geht das kaum. Neben Dahlan gehört zu diesen Politikern mit Ambitionen sein alter Rivale Dschibril Radschub, der frühere Sicherheitschef im Westjordanland und Arafat-Vertraute. Um einen Sitz bewirbt sich auch der frühere palästinensische Ministerpräsident Ahmad Qurei, der schon vor knapp fünf Jahren gerne an der Stelle von Abbas Präsident geworden wäre. Auch Marwan Barguti steht zur Wahl. Er ist jedoch zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt und sitzt in einem israelischen Gefängnis - wie 19 weitere Kandidaten für die beiden wichtigsten Gremien Zentralkomitee und Revolutionsrat. Für den Revolutionsrat mit mehr als hundert Mitgliedern gibt es sogar einen jüdischen Kandidaten. Der in Jerusalem geborene Uri Davis ist schon seit längerer Zeit Fatah-Mitglied. Er versteht sich als linker „palästinensischer Hebräer“ und weist darauf hin, dass schließlich auch Christen in der Fatah politisch aktiv seien.
An neuen Namen und Gesichtern mangelt es auf den Listen nicht. Dennoch könnte in der Fatah vieles beim Alten bleiben: Kurz vor Konferenzbeginn hatte die „alte Garde“, die die bisherige Führung fest im Griff hat, noch rund 700 zusätzliche Delegierte benannt. In einem ersten Wahlgang hatte es keine Überraschungen gegeben: Präsident Abbas bestätigten die Delegierten Samstag mit großer Mehrheit für weitere fünf Jahre als „Oberkommandierenden“ der Fatah. Auf eine geheime Wahl konnten sie verzichten, und Handzeichen genügten, denn einen Gegenkandidaten gab es nicht.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
Jüngste Beiträge