04.08.2009 · Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren ist die Fatah zu einem Generalkongress zusammengekommen. Vor allem jüngere Aktivisten sprechen von „Widerstand“ - wenn nötig, auch mit der Waffe in der Hand.
Von Hans-Christian Rößler, BethlehemDer Abschied am Eingang fällt einigen sichtlich schwer. Aus Sicherheitsgründen müssen die Delegierten ihre Mobiltelefone abgeben, bevor sie die Aula der Terra-Sancta-Schule betreten in Bethlehem dürfen: Unter dem überlebensgroßen Porträt von Jassir Arafat versammelt sich dort am Dienstagvormittag die Fatah-Organisation - zum ersten Mal seit zwanzig Jahren.
Mit einem neuen Programm und einer neuen Führung hofft Fatah-Führer Mahmud Abbas, der zugleich palästinensischer Präsident ist, der 1958 gegründeten Organisation neues Leben einzuhauchen und vor allem für sich neue Unterstützung zu gewinnen. Doch wichtiger als seine zweistündige Rede am Morgen sind die Gespräche, die die mehr als 2500 Delegierten in der lauen Nacht bis in den frühen Morgen in und vor den ihren Hotels führen.
Wahlen am Donnerstag
Unablässig klingeln ihre Mobiltelefone, und auf dem Asphalt häufen sich Zigarettenkippen und leere Kaffeebecher: Kandidaten für die Fatah-Führung schmieden Koalitionen, werben um Wähle. Andere freuen sich einfach darüber, dass sie Freunde wiedersehen, denen Israel seit Jahren die Einreise in die Palästinensergebiete verwehrte.
Fröhlich ist die Stimmung in den Straßen Bethlehems trotz der schwierigen Fragen, mit denen sich die Delegierten beschäftigen müssen. Sie sprechen aber nicht nur über Politik, sondern tauschen ebenso intensiv Umarmungen, Küsse und gemeinsame Erinnerungen aus.
Mit Spannung erwarten sie den letzten Tag der „Generalkonferenz“: Am Donnerstag werden die beiden Führungsgremien der Fatah neu gewählt, das kleinere, aber einflussreichere Zentralkomitee und der Revolutionsrat.
Wenig Applaus für Abbas
Gut 500 Bewerber gibt es für die insgesamt nicht einmal 150 Mandate - zu viele, wie Kritiker in der Fatah einwenden. Zudem sei wegen der Auswahl der Delegierten durch die alte Fatah-Führung schon klar, dass es nur wenige neue Vertreter aus der jüngeren Generation erfolgreich sein werden, befürchtet ein Fatah-Mitglied aus Ramallah.
Im Gespräch mit jüngeren Fatah-Aktivisten kommt dabei ein Begriff immer häufiger vor: „Widerstand“ - wenn nötig, auch wieder mit der Waffe in der Hand. Nach mehr als 15 Jahren Verhandlungen mit Israel wächst die Ungeduld. Nicht nur innerhalb der Fatah nehmen die Forderungen an die palästinensische Führung zu, die bisherige friedliche Strategie zu überdenken.
Das fand auch Niederschlag in der Eröffnungsrede von Präsident Abbas am Morgen. Sollten die Friedensgespräche mit Israel scheitern, behalte man sich „das Recht auf Widerstand vor, was nach dem Völkerrecht legitim ist“, sagte er, auch wenn er diesen Punkt noch nicht für gekommen sieht. Darüber, wie die Formulierung im neuen Programm der Fatah am Ende lauten wird, debattieren nun einmal die Delegierten hinter verschlossenen Türen. Der Applaus, den Abbas für seine Rede mit seinen eher unverbindlichen Aussagen zu diesem Thema erhielt, war freundlich, aber nicht überwältigend.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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