Home
http://www.faz.net/-gq5-x59l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Farc-Rebellen Die Guerrilleros glauben alles

19.04.2008 ·  Etwa 8000 Kämpfer dürfte Kolumbiens Farc-Guerrilla noch zählen. Besiegt ist sie längst nicht. Abtrünnige berichten vom Drill und von Indoktrination. Beobachter sind der Ansicht, die Führung sei nicht wirklich an einer politischen Auseinandersetzung interessiert.

Von Josef Oehrlein, Bogotá
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Um 4.45 Uhr aufstehen, dann waschen, frühstücken, politischer Unterricht, kleine Erfrischung, Marsch, Mittagessen und wieder ein Marsch. Oder irgendeine Aktion ausführen, die von den Kommandeuren befohlen wird. Zum Beispiel eine Straßensperre errichten, die Autofahrer, die in die Falle geraten, abkassieren, ein Fahrzeug in die Luft jagen. Oder im nächsten Ort eine bestimmte Person liquidieren. „Der Alltag bei der Guerrilla war bestimmt von Routine. Alles wird von oben befohlen. Und für alles hast du um Erlaubnis zu bitten, ob du austreten musst oder mit einer compañera schlafen willst“, erzählt Francisco (Name geändert). Er ist in seiner Heimatregion Caquetá freiwillig zu den Farc gegangen, den „Revolutionären Streitkräften Kolumbiens“. Ideologie spielte dabei wohl keine Rolle. „Mir gefiel ganz einfach der Umgang mit Waffen, und damals hatte ich keine Skrupel.“

Heute zählt Francisco zum Heer der Deserteure, die sich dem kolumbianischen Wiedereingliederungsprogramm anvertraut und der Guerrilla abgeschworen haben. Elf Jahre, von 1994 bis 2005, diente er in den Reihen der Farc, mit einer Unterbrechung von zwei Jahren. Die hat er in einem Gefängnis verbracht, nachdem er von staatlichen Sicherheitskräften gefasst worden war. Die rechtsgerichteten paramilitärischen „Selbstverteidigungskräfte“ hatten seinen Vater getötet. Später haben die Farc die Todesschwadron dingfest gemacht. Francisco musste die „Paras“ bewachen. Da hat er den Mörder seines Vaters umgebracht. Er kam vor den „Kriegsrat“ der Guerrilla, 26 Tage lang blieb er zur Strafe gefesselt - weil er die Tat ohne Genehmigung begangen hatte.

Die politische Indoktrination gehört zum Alltag in der Guerrilla

Francisco empfand die Racheaktion für den Tod seines Vaters als Genugtuung. Aber nun fing er auch an, über den Sinn des Guerrillakampfes nachzudenken. „Die Reden der Kommandeure klangen gut. Sie predigten das Sterben für das Vaterland, für Manuel Marulanda, den obersten Führer, und die Ideale der Farc. Wir sollten uns für die Bauern, ,für das Volk', einsetzen und es von den Polizisten und Militärs ,befreien', die für die Regierung kämpfen. Aber sind die Polizisten und Militärs nicht auch Kinder von Bauern, und sind sie nicht auch Kolumbianer?“

Francisco bestätigt wie andere ehemalige Farc-Kämpfer und frühere Geiseln, dass die politische Indoktrination mit marxistischem Gedankengut noch immer zum Alltag in der Guerrilla gehört. Für den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe sind die Farc indes nichts anderes als eine terroristische Bande, und für seine Regierung existiert folglich auch kein „Konflikt“ mit der Guerrilla um politischen oder militärischen Einfluss. Die Farc haben in einem halben Jahrhundert starke Strukturen aufgebaut, während der Staat schwach und in größeren Landesteilen gar nicht präsent war. Sie haben Kader ausgebildet und ein streng hierarchisches Kommandosystem aufgebaut.

Außenminister Araújo war sechs Jahre lang Geisel der Guerilla

Markus Schultze-Kraft von der International Crisis Group in Bogotá glaubt deshalb, dass die Kommandostrukturen insgesamt noch weitgehend intakt seien, obwohl verschiedene Farc-Gruppen durch die anhaltenden militärischen Operationen isoliert, einzelne Fronten sogar regelrecht aufgerieben wurden. Die Verständigung untereinander sei jedoch sehr viel mühsamer geworden. Um nicht geortet zu werden, würden praktisch keine Funkgeräte oder Satellitentelefone mehr benutzt, „sondern menschliche Kuriere, die wie im Mittelalter von Burg zu Burg ziehen“, sagt Schultze-Kraft.

Der kolumbianische Außenminister Fernando Araújo, der sechs Jahre lang Geisel der Guerrilla-Organisation war und Anfang vergangenen Jahres seinen Entführern entkommen konnte, hat beobachtet, wie eifrig manche Farc-Kommandanten darauf bedacht waren, unter ihren Guerrilleros die reine marxistisch-leninistische Lehre zu verbreiten. Die Guerrillafront, die ihn bewachte, stand unter dem Kommando von Martín Caballero, „einem großen Bewunderer Che Guevaras, den er vollkommen idealisierte.

Ich glaube, er hielt sich für dessen Reinkarnation, er entwickelte mit seinen Mitarbeitern ständig neue Indoktrinationsprogramme“, berichtet Araújo im Gespräch mit dieser Zeitung. Er selbst sei nicht mit der linken Propaganda berieselt worden. „Im Gegenteil, mir verboten sie, über Politik mit den Guerrilleros zu reden, denn sie hatten Angst, ich könnte sie von meiner Meinung überzeugen. Mir gelang es aber, mit einigen wenigen zu reden, und ich weiß, dass mehr als einer die Guerrilla aufgrund der Erkenntnisse, die er in den Gesprächen mit mir gewonnen hatte, verlassen hat.“

Über politische Themen dürfen Geiseln nicht sprechen

Ähnliches berichtet auch die frühere Abgeordnete Consuelo González, die 2001 von den Farc entführt und im Januar dieses Jahres freigelassen worden ist. Auch ihr war es verwehrt, über politische Themen mit ihren Entführern zu sprechen, „obwohl wir immer sagten, dass wir Politiker mit einem Vertreter ihres Sekretariats über politische Themen von nationalem Interesse, über Themen, die das Land beschäftigen, reden wollten. Aber das war nicht möglich, es kam nie ein Vertreter des Sekretariats, mit dem wir Meinungen austauschen oder über ein politisches Thema hätten diskutieren können.“

Aus solchen Beobachtungen schließen kolumbianische Politiker, dass die Farc-Führung nicht wirklich an einer politischen Auseinandersetzung interessiert ist und ihr vorgebliches Eintreten für altlinke Ideale nur dazu dient, ihre kriminellen Umtriebe zu ummanteln: das Engagement im Drogenhandel, die Entführungen und die Attentate. Allenfalls der venezolanische Präsident Hugo Chávez nimmt den Farc noch ab, sie verfolgten politische Ziele.

Die Kommandeure haben den Kontakt zur Realität in Kolumbien verloren

Der Jesuit Padre Fernán González, der sich mit einer Forschergruppe seit Jahren mit den illegalen bewaffneten Gruppierungen in Kolumbien befasst, verweist darauf, dass die Farc als ländliche Bewegung entstanden. Erst in den achtziger Jahren hätten sie militaristische und expansionistische Gelüste entwickelt und seien zu einer Art Okkupationsarmee im eigenen Land geworden. Während der Kämpfe gegen die Guerrilla Ende der siebziger Jahre sind viele Farc-Anführer in den Urwald geflohen, unter ihnen Manuel Marulanda und Jacobo Arenas. Damals bildete sich auch die zweite Führungsgeneration heraus. Ihr wichtigster Vertreter wurde Raúl Reyes, den die kolumbianische Armee vor einigen Wochen bei einem Angriff auf ein Farc-Lager in Ecuador tötete. Im Lauf der Zeit haben diese Kommandeure freilich den Kontakt zur Realität im Land verloren, Kolumbien wandelte sich von einem reinen Agrarstaat in einen Staat mit überwiegend städtischer Bevölkerung.

In den achtziger Jahren begnügten sich die Farc nicht mehr mit Schutzgelderpressungen bei Kokabauern, sondern suchten neue Formen der Finanzierung ihres immer mächtigeren Apparats, der schließlich mit schätzungsweise 18.000 Mann unter Waffen zur Regierungszeit des Präsidenten Andrés Pastrana (1998 bis 2002) seine größte Kapazität erreichte. Die Farc kümmerten sich fortan selbst um den Anbau von Koka, die Produktion von Kokain und den Rauschgifthandel. Sie kassierten an Straßensperren Autofahrer ab und entführten Menschen, um Lösegelder zu erpressen. Politiker, Militärs und Polizisten wurden entführt, um gefangene Guerrilleros freizupressen.

„Die Regierung hat Verhandlungen mit der Guerrilla ohne jedes Konzept geführt“

Prominentestes Entführungsopfer ist die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Da sie neben der kolumbianischen die französische Staatsbürgerschaft besitzt, haben Berichte über die unmenschlichen Bedingungen ihrer Geiselhaft auch im Ausland Aufsehen erregt. Manchem Sympathisanten, der aus der Ferne die Farc als linke Wohltätigkeitsorganisation betrachtete, mögen sie die Augen geöffnet haben.

Den Friedensprozess mit der Regierung Pastrana von November 1998 bis Februar 2002 hatten die Farc vor allem genutzt, um aufzurüsten. In dem für die Gespräche entmilitarisierten Gebiet von der Größe der Schweiz im Süden Kolumbiens führten sie sich als Staat im Staat auf. Die Regierung habe die Verhandlungen mit der Guerrilla kopflos und ohne jedes Konzept geführt, klagt Padre González. „Pastrana gefiel sich darin, auf einem Foto mit der Guerrilla zu erscheinen.“ Noch unter Pastrana begann allerdings bei den kolumbianischen Streitkräften eine strategische Neuorientierung. „Das Militär war bis dahin nur für einen traditionellen Krieg gerüstet, mit Panzern, Schützengräben und Bataillonen, das war völlig absurd“, sagt Padre González. „Für den Kampf gegen die Guerrilla werden keine Fregatten und Unterseeboote, sondern bewegliche Schnellboote gebraucht und statt großer Flugzeuge wendige Hubschrauber.“

Die Zahl der Massaker ist deutlich zurückgegangen

Die Taktik von Pastranas Nachfolger Uribe, das Militär weiter aufzurüsten und auszubauen, um die Guerrilla mit militärischen Mitteln zu schwächen, hat den Kolumbianern größere Bewegungsfreiheit verschafft. Es gibt praktisch keine Sperren der Guerrilla auf den Überlandstraßen mehr. Die Zahl der Massaker, gezielten Morde und Entführungen ist deutlich zurückgegangen. Die Farc, die nach übereinstimmenden Schätzungen inzwischen auf eine Truppe von etwa 8000 Mann zusammengeschmolzen sind, hatten versucht, eine Stadtguerrilla aufzubauen. Doch wegen der Offensiven des Militärs und der Desertionen mussten sie ihre städtischen Milizen abziehen, um die Sicherheitsgürtel zu festigen, die ihr „Sekretariat“, das oberste Führungsgremium, und die übrigen Anführer schützen. Keine kolumbianische Stadt ist nach Ansicht von Fachleuten heute mehr durch Übergriffe der Guerrilla direkt gefährdet.

Nach dem Tod von Raúl Reyes kämpfen die Farc-Führer um die Vorherrschaft. Ein Machtvakuum scheint aber nicht entstanden zu sein. „Da die hierarchische Ordnung klar vorgegeben ist, übernimmt der Nächste die Führung, wenn einer ausfällt.“ So beschreibt José Antonio (Name geändert), ebenfalls ein ehemaliger Guerrillero, die Hahnenkämpfe unter den Farc-Anführern. „Wenn es doch einen Disput um einen Posten gibt, wird im Duell entschieden. Wer gewinnt, bleibt an der Macht.“ José Antonio war drei Jahre bei den Farc, im September 2006 ist er desertiert. Wegen des Jurastudiums, das er vor seinem freiwilligen Eintritt in die Farc absolviert hatte, war er für höhere Aufgaben ausersehen und lebte nicht nur „in den Bergen“. Er sollte die Stadtguerrilla aufbauen helfen. Als er mit dem Sprengstoff für ein Attentat in einem Einkaufszentrum in der Hauptstadt Bogotá eingetroffen war, rief er seine Kommandeure an und teilte ihnen mit, dass er von der Polizei festgenommen worden sei. Tatsächlich hatte er sich freiwillig gestellt, übergab das Sprengmaterial und trat dem staatlichen Wiedereingliederungsprogramm bei.

Die Führungselite der Farc traut nicht mehr den eigenen Sprüchen

„Die Guerrilleros in den Bergen sind zu siebzig Prozent Analphabeten, sie sind leicht zu beeinflussen und glauben, was man ihnen erzählt“, sagt José Antonio. Die Führungselite der Farc traue aber schon lange nicht mehr ihren eigenen Sprüchen, fügt der ehemalige Kämpfer hinzu. „Ihr geht es darum, sich zu bereichern und einigermaßen gut zu leben.“ Überdies sei ihr in Kolumbien der Boden zu heiß geworden. Mitgliedern des „Sekretariats“ sei er, als er sie zum letzten Mal aufsuchte, auf venezolanischem Boden begegnet, im Bundesstaat Zulia. Hartnäckig halten sich Gerüchte, wonach auch Manuel Marulanda, der betagte oberste Farc-Kommandant „Tirofijo“ (Sicherer Schuss), längst in Venezuela lebe.

Das alles erklärt auch, warum sich das Hoflager von Raúl Reyes nicht in Kolumbien, sondern jenseits der ecuadorianischen Grenze befand. Nach Aussagen von Besuchern war sein Refugium stets mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet. Erst seit dem Angriff vom 1. März fühlt sich die Farc-Führung in ihren streng bewachten Verstecken in den Nachbarländern nicht mehr sicher. Die Regierung könnte nun versucht sein, die Guerrilla militärisch niederzuringen und die Tür zu Verhandlungen endgültig zuzuschlagen.

Doch besiegt sind die Farc noch lange nicht. Das fürchten auch die Deserteure wie Francisco und José Antonio. Sie haben begonnen, ein normales bürgerliches Leben zu führen, versuchen, ihre Ausbildung zu verbessern. „Aber die Angst bleibt“, sagt José Antonio, der Journalist werden will, die Angst, dass die Guerrilla sich an ihm für seinen „Verrat“ rächen wird. „Das müssen wir alle befürchten. Ich habe den Fehler begangen, zu den Farc gegangen zu sein, jetzt muss ich auch die Konsequenzen tragen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

Jüngste Beiträge

Zu Deutschland gehören

Von Timo Frasch

Die hiesigen Muslime hören auf, nur ein Teil Deutschlands zu sein, und fangen an, zu Deutschland zu gehören, wenn ihre Deutschkenntnisse gut genug sind, um zu erahnen, was Wulff, Gauck oder Söder mit ihren jüngsten Einlassungen zum Thema gemeint haben könnten. Mehr 25 20