03.12.2006 · Ahmed Sakajew war ein Freund Litwinenkos und sein Nachbar. Der tschetschenische Exilpolitiker nahm den Ex-Spion am Abend der Vergiftung in seinem Auto mit nach Hause. Sakajewim im Gespräch mit der Sonntagszeitung über Putin, Polonium und die Angst.
Ahmed Sakajew, Freund Litwinenkos und tschetschenischer Exilpolitiker in London im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über Putin, Polonium und die Angst. Sakajew wohnte mit Litwinenko im selben Haus. An dem Abend, an dem Litwinenko vergiftet wurde, nahm er ihn in seinem Auto mit nach Hause.
Wer hat Alexander Litwinenko getötet?
Das ist natürlich eine Frage für die Polizei, aber ich zweifle nicht daran, daß seine früheren Kollegen vom Geheimdienst beteiligt sind, auch sein ehemaliger Kollege und Chef Wladimir Putin. Ich halte nichts von der Theorie, daß es nur eine Gruppe innerhalb des Geheimdienstes gewesen sein soll, die Putin schaden wollte. Eine Operation von solchem Maßstab wird nicht ohne die Zustimmung der ersten Person im Staat ausgeführt.
Was sollte Putins Motiv sein?
Eine ehemalige Lehrerin hat Putin einmal als kleinlich, böswillig und nachtragend beschrieben. Ich glaube, daß Putin Litwinenko persönlich gehaßt hat und es ihm nicht verzeihen konnte, daß er die Seiten gewechselt hat. In dem Verständnis dieser Leute hat er die Heimat und das System verraten. Litwinenko ist in 400 Jahren russisch-tschetschenischer Geschichte der erste Mensch von so hohem Rang, der sich öffentlich mit russischen Kriegsverbrechen in Tschetschenien befaßt hat. Nicht nur das: Er hat präzise Informationen, Namen, Daten von Operationen gesammelt. Er war der Feind Nummer eins des Regimes, eines Regimes, das zu drei Vierteln aus Geheimdienstleuten besteht.
Aber konnte er Putin noch gefährlich werden?
Er verfügte über kolossale Informationen über die Arbeit des KGB, des FSB: eigene Erfahrungen, Fakten, Verbindungen, er wußte, wer hinter wem steht, wer für wen arbeitet. Er war seit Solschenizyn der erste Mensch in Rußland, von dem ein Buch verboten wurde: das Buch über die Hintergründe der Bombenanschläge von 1999 auf Wohnhäuser in Rußland, die den Tschetschenen in die Schuhe geschoben wurden.
Warum wurde Polonium-210 als Mordwaffe verwendet?
Sie waren überzeugt, daß man die Todesursache nicht herausfinden wird, schließlich gibt es auf der Welt keinen Präzedenzfall für eine Ermordung mit Polonium. Putin hat ja noch beim Gipfeltreffen in Finnland verkündet, daß es keine Beweise gebe, daß ein Gewaltverbrechen vorliegt, es folglich auch keinen Grund zu Ermittlungen gebe. Schließlich hat es ja drei Wochen gedauert, bis man dahintergekommen ist. Die Mörder hatten nicht damit gerechnet, daß Sascha so lange überleben würde. Bei früheren Versuchen mit Tschetschenen, die körperlich nicht so extrem fit waren wie er, haben die Opfer höchstens zehn Tage gelebt.
Sie meinen, daß zuvor schon Tschetschenen mit Polonium vergiftet wurden?
Ja, zum Beispiel der Kommandeur Letscha Ismajlow. Er starb 2004 im Moskauer Lefortowo-Gefängnis mit denselben Symptomen, Haarausfall, innere Wunden, nachdem er zuvor mit zwei FSB-Offizieren Tee getrunken hatte.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Ermordung und zwei im Juli vom russischen Parlament verabschiedeten Gesetzen über die "Liquidierung" von Regimegegnern?
Selbstverständlich. Und deshalb sollten die Europäer nicht so tun, als sei dieser Mord nicht vorhersehbar gewesen. Die Duma hat im Juli, am Vorabend des G-8-Gipfeltreffens in Sankt Petersburg, zwei Gesetze erlassen. Das erste erlaubt es der Regierung, "Extremisten" und "Terroristen" in Rußland und im Ausland zu liquidieren. Das zweite definiert Regierungsgegner und Regimekritiker als Extremisten.
Litwinenko war ein früherer Geheimagent, der selbst auch für die Ermordung von Menschen verantwortlich war, dann wurde er zum Regimegegner. Was war er für ein Mensch?
Mitte der neunziger Jahre erzählte mir einmal Alla Dudajewa, die Ehefrau des ersten tschetschenischen Präsidenten, sie sei bei einer Verhaftung von einem jungen Offizier verhört worden, der gar nicht in diese Strukturen passe. Das war Sascha Litwinenko. Auch ich habe mich gewundert, daß jemand wie er jemals in diesem System gearbeitet hat. Vielleicht hat es irgendeinen Bruch in seinem Leben gegeben. Ich habe ihn als guten, ehrlichen Menschen kennengelernt. Man sagt ja, daß Kinder ein Barometer für die Seele eines Menschen seien. Meine Enkelkinder jedenfalls haben Litwinenko geliebt.
Sie haben Litwinenko am Tag seiner Vergiftung gesehen. Wurden Sie selbst auch auf Polonium-Strahlung untersucht?
Ja, aber das Resultat war negativ. Nachdem man in meinem Auto Spuren gefunden hat, soll ich aber weiter untersucht werden. Schließlich habe ich Sascha mehrmals täglich im Krankenhaus besucht.
Fürchten Sie um Ihr Leben?
Ich habe keine Angst, weil ich seit 1994 weiß, daß ich jederzeit auf das Schlimmste gefaßt sein muß. Nicht, daß ich ein Held wäre oder nicht gerne weiterleben würde, aber ich weiß, daß Angst keine Sicherheitsgarantie ist. Und ich möchte die Europäer nur warnen zu denken, daß diese Leute nur Regimekritiker und Tschetschenen töten werden. Das ist eine Illusion, sie werden alle töten, die sie für ihre Feinde halten. Die Europäer sollten sich auch fürchten.
Diktatur
Hakan Aytimur (Haytimur)
- 04.12.2006, 12:59 Uhr