05.12.2006 · Britische Polizisten ermitteln im Todesfall Litwinenko in Moskau. Obwohl Rußland eine enge Zusammenarbeit zugesagt hatte, verboten russische Behörden eine Befragung des inhaftierten früheren Spions Michail Trepaschkin.
Britische Polizisten haben in Moskau ihre Ermittlungen im Fall des vergifteten russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko aufgenommen. Rußland hatte Großbritannien eine enge Zusammenarbeit angeboten. Dennoch zeichneten sich am Dienstag erste Hürden ab: Russische Strafanstalten weigerten sich, einer Befragung des inhaftierten früheren Spions Michail Trepaschkin zuzustimmen. Er gilt als einer jener Informanten, die den Ermittlern auf eine heiße Spur bringen könnten.
Trepaschkin hatte in einem Brief behauptet, Rußland habe eine spezielle Agentengruppe gebildet, um Litwinenko und andere Regierungskritiker zu töten. Trepaschkin sitzt wegen Geheimnisverrats im Gefängnis. Ein Sprecher der Strafanstaltsbehörde sagte laut einem Agenturbericht, Rußland werde niemanden, der wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen inhaftiert ist, ein Treffen mit ausländischen Behördenvertretern erlauben. Vertraute Litwinenkos hatte die britischen Ermittler zuletzt dazu aufgefordert, Trepaschkin zu befragen, da er substantielle Informationen habe.
„Den Fall aufgebauscht“
Vier britische Ermittler wurden am Montag abend von Botschaftsvertretern in Moskau empfangen. Einer Sprecherin der britischen Botschaft zufolge werden sie in Rußland bleiben, bis die Untersuchungen abgeschlossen seien. Einzelheiten nannte die Sprecherin nicht. Großbritanniens Innenminister John Reid hatte erklärt, daß die Ermittlungen unabhängig von diplomatischen oder anderen Erwägungen fortgesetzt würden.
Rußlands Außenminister Sergej Lawrow sagte unterdessen, der Fall sei aufgebauscht worden. Das sei inakzeptabel und schade den russisch-britischen Beziehungen. Der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow sagte, Litwinenko habe in der Geheimdiensthierarchie keine wichtige Position innegehabt. Vermutungen, daß er beim Geheimdienst FSB ein ranghoher Agent mit Zugang zu wichtigen Informationen gewesen sei, entsprächen nicht der Realität, sagte Iwanow der Zeitung „Eleftherothypia“ während eines Besuchs in Athen. Litwinenko sei in einer für das organisierte Verbrechen zuständigen Abteilung tätig gewesen. Diese habe ihre Mitarbeiter „von überall her“ rekrutiert.
Der dem Vernehmen nach wichtigste Zeuge für die Ermittler von Scotland Yard, der Unternehmer und frühere Geheimdienstler Andrej Lugowoj, wurde nach Medienberichten im Krankenhaus behandelt und konnte zunächst nicht befragt werden.
„Politische Vergiftung“
Fast zwei Wochen nach dem plötzlichen Zusammenbruch des früheren russischen Ministerpräsidenten Jegor Gaidar gibt es noch immer keine Beweise für eine Vergiftung. Das plötzliche Auftreten seiner Erkrankung und die vielfältigen Symptome, an denen Gaidar leide, ähnelten „keiner bekannten Krankheit“, teilte sein Büro unter Berufung auf das Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung am Dienstag mit. Bislang sei jedoch keine giftige Substanz identifiziert worden, welche die Erkrankung ausgelöst haben könnte.
Ein Sprecher Gaidars sagte, radioaktive Verstrahlung könne „vollkommen ausgeschlossen“ werden. Der Patient konnte das Krankenhaus verlassen. Gaidars Tochter Maria hatte zuvor den Verdacht geäußert, der regierungskritische Wirtschaftsexperte sei einer „politischen Vergiftung“ zum Opfer gefallen.
Anscheinend weiterer Auftragsmord
Unterdessen haben Unbekannte im russischen Wolgagebiet den Direktor einer Ölfördergesellschaft in der Großstadt Samara ermordet. Der Geschäftsmann wurde in der Nähe seines Büros mit mehreren Schüssen getötet. Die Umstände der Tat deuteten auf einen Auftragsmord hin, teilte ein Justizsprecher am Dienstag in Samara mit. Alexander Samojlenko starb am Montag abend auf dem Weg ins Krankenhaus. Er hatte erst vor kurzem auch die Leitung eines Tochterunternehmens des russischen Automobilherstellers AvtoVAZ übernommen.
In jüngster Zeit hatten mehrere Auftragsmorde in Rußland weltweit für Aufsehen gesorgt. Unbekannte erschossen im Oktober in Moskau die regierungskritische Journalistin Anna Politkowskaja. Drei Wochen
zuvor fiel der Vizechef der russischen Zentralbank, Andrej Koslow, einem Mordanschlag zum Opfer. Nach Schätzungen russischer Medien ist die Zahl der Auftragsmorde wieder so hoch wie in den neunziger Jahren, als bei der umstrittenen Privatisierung von Staatseigentum viele Konflikte blutig gelöst wurden.