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Fall Litwinenko Kreml unter Verdacht

04.12.2006 ·  Ein neunköpfiges Team von Scotland Yard wird in Kürze nach Moskau reisen, um im Fall des mysteriösen Todes des früheren russischen Spions Litwinenko zu ermitteln. Dessen italienischer Kontaktmann Scaramella, der vermutlich selbst mit dem radioaktiven Polonium kontaminiert wurde, will nun „auspacken“. Auch das FBI ermittelt.

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Im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den früheren russischen Spion Litwinenko wird ein neunköpfiges Expertenteam von Scotland Yard in Kürze nach Moskau reisen. Ein entsprechendes Hilfegesuch aus London sei eingegangen, teilte die Moskauer Staatsanwaltschaft am Montag mit. Diese Hilfe werde gewährt. Nach
britischen Angaben wollen die Ermittler in Moskau unter anderem den ehemaligen Geheimdienstagenten Andrej Lugowoi befragen. Dieser hatte Litwinenko am Tage seiner Erkrankung, dem 1. November,
in London getroffen.

Der britische Innenminister John Reid hatte angekündigt, daß die Ermittlungen zum Tode des früheren russsichen Spions Litwinenko „innerhalb und außerhalb von Großbritannien“ ausgeweitet würden. Die russischen Behörden haben bereits mehrfach Hilfe bei der Aufklärung zugesagt. Alle Vorwürfe, der Kreml oder andere staatliche Stellen stünden hinter dem Mordkomplott, werden in Rußland zurückgewiesen.

FBI ermittelt ebenfalls

Tschetschenische Rebellen haben dagegen den russischen Geheimdienst FSB beschuldigt, schon vor einigen Jahren Menschen aus der Kaukasus-Republik mit Polonium-210 getötet zu haben. So sei der tschetschenische Kommandeur Letscha Ismajlow bei einem Test mit der hochgiftigen radioaktiven Substanz getötet worden, sagte der in London lebende tschetschenische Exilpolitiker Achmed Sakajew der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

In die Ermittlungen über den Tod des früheren russischen Spions Alexander Litwinenko hat sich inzwischen auch das FBI eingeschaltet. Die amerikanische Polizei verfolgt nach Berichten der britischen Sonntagspresse ebenfalls den Verdacht, daß Litwinenko von früheren Kollegen im russischen Geheimdienst ermordet wurde.

Die Polizei folge dem Fall, wo auch immer er hinführe

Nach Informationen von „The Observer“ und „Sunday Mirror“ vernahmen Beamte von FBI und Scotland Yard in Washington einen Agenten des früheren sowjetischen Geheimdienstes KGB namens Juri Schwets. Er soll über Informationen verfügen, wonach der Giftanschlag in Zusammenhang mit der Zerschlagung des russischen Ölkonzerns Yukos stehe. Der ehemalige Jukos-Anteilseigner Leonid Newslin, der im Exil in Israel lebt, hatte in der vergangenen Woche gesagt, Litwinenko habe ihm Unterlagen gegeben, die mit den Ermittlungen im Fall Yukos in Zusammenhang stünden. Möglicherweise liege darin ein Motiv für seine Ermordung.

Auch in Moskau will die britische Polizei dem Vernehmen nach eine Reihe von Personen befragen, unter anderen den früheren Agenten Andrej Lugowoi, der Litwinenko ebenfalls am 1. November getroffen hatte. Der britische Innenminister John Reid sagte, die Polizei folge dem Fall, wo auch immer er hinführe. In den nächsten Tagen werde sich der Kreis der Ermittlungen weiter über Großbritannien hinaus ausdehnen, sagte Reid am Sonntag im Fernsehsender Sky News.

Scaramella will „auspacken“

Am Wochenende waren geringe Spuren des radioaktiven Polonium-210 auch bei Litwinenkos Witwe und seinem italienischen Kontaktmann Mario Scaramella gefunden worden. Der 36jährige, der derzeit in der Londoner Universitätsklinik behandelt wird, ist nach eigenen Angaben mit einer tödlichen Strahlendosis vergiftet worden. „In meinem Körper befindet sich eine Polonium-Menge, die fünf Mal über der tödlichen Dosis liegt“, sagte Scaramella am Sonntag abend in einem Telefoninterview des italienischen Fernsehens RAI.

Scaramellas Anwalt erklärte dem italienischen Fernsehen, dieser wolle „alle ihm verfügbaren Namen und Daten öffentlich bekannt geben“. Darunter seien „alle Informationen, die Litwinenko ihm im Laufe der Zeit gegeben habe“. Es gehe um Namen von Politikern und Journalisten, die mit der Spionagetätigkeit der ehemaligen Sowjetunion in Verbindung gestanden hätten, sagte Anwalt Sergio Rastrelli. Scaramella verfüge unter anderem über entsprechende Tonbänder.

„Keine Beweise für eine radioaktive Vergiftung“

Scaramella hatte seinen Gesundheitszustand am Samstag noch als gut beschrieben. „Trotz einer großen Angst fühle ich mich derzeit gut, ich habe keine Symptome“, schrieb Scaramella in einem Brief an seinen Anwalt.

Die in seinem Körper nachgewiesene Menge Polonium-210 sei „bedeutend geringer“ als die bei Litwinenko gefundene. Auch die Londoner Universitätsklinik widersprach Zeitungsberichten, wonach sich Scaramella in Lebensgefahr befinde. Scaramella gehe es gut; vorläufige Tests hätten „keine Beweise für eine radioaktive Vergiftung“ erbracht, sagte ein Kliniksprecher.

Das italienische Gesundheitsministerium teilte mit, Scaramella könne am Montag aus der Klinik entlassen werden. Weiter schrieb Scaramella an seinen Anwalt, er nehme an, daß seine und Litwinenkos Vergiftung mit Informationen zusammenhingen, die dieser ihm „vor Monaten“ gegeben habe. Scaramella hatte Litwinenko am 1. November in London in einer Sushi-Bar getroffen. Am selben Tag begannen sich Vergiftungserscheinungen bei dem Russen zu zeigen, der rund drei Wochen später starb.

„Meine Vergiftung kann mit Informationen zusammenhängen, die Litwinenko mir seit Monaten zukommen ließ“, hatte Scaramella bereits zuvor erklärt. Er hoffe zu überleben, „um alle Dinge, die über mich gesagt und geschrieben werden, zu widerlegen.“

Blair: Fall belastet britisch-russischen Beziehungen

Die Angelegenheit belastet nach britischen Zeitungsberichten zunehmend die britisch-russischen Beziehungen. Die „Sunday Times“ berichtete, Premierminister Tony Blair habe im Kabinett davor gewarnt, daß „das größte Problem“ auf lange Sicht sicher das britisch-russische Verhältnis sein werde. Ein nicht namentlich genannter Minister habe ebenfalls Bedenken geäußert: Die bilateralen Beziehungen seien zu wichtig, um es sich mit den Russen wegen dieser Sache zu verderben.

Unterdessen teilten die irischen Behörden mit, die Erkrankung des früheren russischen Ministerpräsidenten Jegor Gajdar bei einer Konferenz in Dublin sei nicht auf radioaktive Einwirkung zurückzuführen. Entsprechende Tests seien negativ ausgefallen. Gajdars Sprecher Waleri Natarow sagte später, eine Vergiftung sei aber nicht ausgeschlossen.

Die Untersuchungen hätten gezeigt, daß es radikale Veränderungen in lebenswichtigen Körperfunktionen gegeben habe. Die Ermittler gehen der Frage nach, ob ein Zusammenhang zum Fall Litwinenko besteht. Gajdar hat sich wiederholt kritisch über die Politik Putins geäußert. Litwinenko hatte auf dem Sterbebett den russischen Präsidenten Putin beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Die russische Regierung bestreitet eine Verwicklung in den Tod Litwinenkos. (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Der Fall Litwinenko)

Die Obduktion des Leichnams Litwinenkos, die unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand, ist inzwischen abgeschlossen. Nach Informationen des „Guardian“ enthielt der Körper eine hundertfach tödliche Polonium-Dosis. Auf dem Schwarzmarkt hätte die Menge rund 20 Millionen Pfund (fast 30 Millionen Euro) gekostet. Das genaue Obduktionsergebnis soll erst in einigen Tagen veröffentlicht werden

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