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Fall Litwinenko Iwanow weist Verwicklung russischer Geheimdienste zurück

 ·  Rußlands Verteidigungsminister widerspricht Spekulationen und Scotland Yard. Unterdessen wurde Litwinenkos-Kontaktmann Mario Scaramella wegen radioaktiver Spuren im Urin in einer Londoner Klinik unter Quarantäne gestellt.

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In der Affäre um den Gifttod des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko bangt nun auch dessen italienischer Kontaktmann um sein Leben. Der Sicherheitsberater Mario Scaramella wurde nach der Entdeckung von radioaktiven Spuren im Urin unter Quarantäne gestellt. Der 36jährige zeigte nach Angaben seiner Ärzte in London bis Samstag keinerlei Symptome einer Vergiftung. Befürchtet wird aber, daß er ebenfalls erkrankt. Auch bei Litwinenkos Witwe Marina wurden Spuren gefunden. Die Gefahr für sie halten die Ärzte aber für „sehr gering“.

Sowohl bei Scaramella als auch bei Frau Litwinenko wurde im Urin die Substanz Polonium 210 entdeckt, mit der der ehemalige russische Geheimagent vor einem Monat vergiftet worden war. Die Spuren waren nach Angaben der Gesundheitsbehörden jedoch erheblich niedriger als bei Litwinenko, der vergangene Woche nach qualvollem Leiden gestorben war. Scaramella mußte sich am Samstag im Krankenhaus weiteren Tests unterziehen. Die 44 Jahre alte Witwe Litwinenkos konnte zu Hause bleiben. Unterdessen gaben die Behörden alle drei Maschinen der Fluggesellschaft British Airways (BA), in denen radioaktive Spuren vermutet wurden, wieder frei.

„Patient bislang wohlauf“

Das University College Hospital, wo auch Litwinenko behandelt worden war, widersprach Medienberichten, wonach Scaramella bereits im Sterben liege. Der Italiener sei gesundheitlich „wohlauf“, sagte ein Sprecher. Befürchtet wird allerdings, daß er an Krebs erkranken könnte. Scaramella hatte der Zeitung „The Guardian“„ noch am Freitag ein Interview, in dem er von keinerlei Beschwerden berichtete. Kurz darauf bekam er dann die Nachricht, daß auch bei ihm Polonium-Spuren entdeckt wurden.

Die Dosis sei „potentiell tödlich“, berichtete die Tageszeitung „The Guardian“. Möglicherweise wird es lange Zeit dauern, bis Scaramella über sein Schicksal Gewißheit hat. Der Italiener war einer der letzten Kontaktleute, mit denen sich Litwinenko getroffen hatte, bevor er am 1. November mit Beschwerden in die Klinik mußte. Möglich ist, daß der Exil-Russe bei dem Treffen in einer Londoner Sushi-Bar vergiftet wurde. Litwinenko aß dabei Fisch, Scaramella trank angeblich nur Wasser. Wie das Gift trotzdem in seinen Körper gelangen konnte, ist rätselhaft. Auch bei Litwinenkos Ehefrau Marina wurde inzwischen eine Belastung mit Polonium 210 festgestellt. Nach Angaben der britischen Gesundheitsschutzbehörde besteht für sie jedoch kurzfristig keinerlei Gefahr. Auch langfristig habe sich die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung nur „sehr gering“ erhöht. Der zwölfjährige Sohn des Paares wurde getestet, ohne daß Auffälligkeiten entdeckt wurden.

Spurensuche auch in Italien

Zeitweise wurde wegen Scaramella nun auch in Italien Alarm ausgelöst worden. Experten hätten allerdings keine Hinweise gefunden, daß es in Italien eine Kontaminierung gebe. „Im Augenblick besteht kein Gefahr für die Bevölkerung“, sagte Gesundheitsministerin Livia Turco .

Scaramella sei nach dem Treffen mit Litwinenko mit einer Billig-Fluglinie von London nach Neapel und wieder zurück geflogen. Bei Untersuchungen seiner Frau sowie weiterer Familienmitglieder sei keine Kontaminierung festgestellt worden. Auch im römischen Senat war nach Strahlenspuren gesucht worden. Dort war Scaramella Ende November bei einer Pressekonferenz aufgetreten.

Italienische Medien stellten Scaramella als undurchsichtige Persönlichkeit dar, die im Schatten der Geheimdienste agiere. Zugleich löste der Fall innenpolitischen Streit aus: Scaramella war Berater des Forza-Italia-Politikers Paolo Guzzanti. Dieser wiederum ist Vorsitzender einer - während der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi - 2002 eingerichteten parlamentarischen Untersuchungskommission, die angebliche Verwicklungen italienischer Politiker mit dem KGB untersuchen soll. In diesem Zuge gab es in der Vergangenheit immer wieder vage Beschuldigungen gegen den derzeitigen Ministerpräsidenten Romano Prodi.

Hundertfach tödliche Dosis

Die Obduktion von Litwinenkos Leichnam, die unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand wurde unterdessen abgeschlossen. Nach Informationen des „Guardian“ enthielt der Körper eine hundertfach tödliche Polonium-Dosis. Auf dem Schwarzmarkt hätte die Menge rund 20 Millionen Pfund gekostet, umgerechnet fast 30 Millionen Euro. Offiziell soll das Obduktionsergebnis erst in einigen Tagen veröffentlicht werden.

Litwinenko galt als Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er hatte die Führung in Moskau vom Sterbebett aus beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Nach britischen Presseberichten verfolgt Scotland Yard vor allem den Verdacht, dass Litwinenko von ehemaligen oder aktiven russischen Geheimdienstlern ermordet wurde. Vor seiner Flucht ins Londoner Exil war der 43-jährige selbst beim KGB und dessen Nachfolgeorganisation FSB

Rußlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow wies abermals eine Verwicklung des russischen Geheimdienstes in den Tod Litwinenkos aus. Wenn man frage, wer davon profitiere, sehe er keinen Grund für Spekulationen, daß der FSB dahinter stecke, sagte Iwanow in einem am Samstag vom russischen Fernsehen ausgestrahlten Interview. Es sei völlig unzutreffend, daß Litwinenko viel gewußt habe. Russland sei aber bereit, jede mögliche Hilfe bei der Aufklärung des Falles zu leisten, bekräftigte Iwanow

„Der Ball liegt derzeit bei den Briten“

Spekuliert wird, daß das Polonium aus einem russischen Nuklearlabor kommen könnte. Die russische Atomenergie-Behörde Rosatom schloß das allerdings aus. Rußland produziere pro Monat nur acht Gramm der Substanz und exportiere sie über eine einzige Firma vollständig in die Vereinigten Staaten, sagte der Vorsitzende von Rosatom, Sergej Kirijenko.

Der Fall Litwinenko beschäftigte schon am Freitag auch die britische Außenministerin Margaret Beckett und ihren russischen Kollegen Sergej Lawrow. „Die Russen haben ihre Kooperationsbereitschaft wiederholt“, sagte ein britischer Regierungssprecher nach einem Treffen in Jordanien. Lawrow betonte, seiner Regierung liege kein Hilfsgesuch aus Großbritannien vor. „Der Ball liegt derzeit bei den Briten.“

Zeitweise war auch über eine Verbindung zwischen dem Tod Litwinenkos und der Erkrankung des früheren russischen Ministerpräsidenten Jegor Gajdar spekuliert worden (siehe dazu: Fall Litwinenko: Wer wird der nächste sein?). Gajdars Ärzte in Moskau schließen eine natürliche Ursache für dessen Beschwerden aus.
Der gegenüber Präsident Putin kritische frühere Ministerpräsident war am vergangenen Freitag - einen Tag nach dem Tod Litwinenkos - in Dublin erkrankt. Die britischen Behörden sehen aber keinen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen.

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