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Fall Litwinenko Das Polonium-Komplott

14.07.2007 ·  Im vergangenen November wurde Aleksandr Litwinenko mit Polonium 210 vergiftet und starb einen qualvollen Tod. Scotland Yard glaubt, den Täter zu kennen. Doch Russland behindert die Ermittlungen - auch, um schmutzige Wäsche der eigenen Politik nicht im Ausland waschen zu lassen.

Von Michael Ludwig, Moskau
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Scotland Yard glaubt zu wissen, wer Aleksandr Litwinenko, den Mann, der vom Agenten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB zu dessen Widersacher wurde, deswegen vorübergehend in Russland in Haft geriet, dann vor sieben Jahren nach London flüchtete und sich zu einem der schärfsten Kritiker Präsident Putins im Ausland entwickelte, im vergangenen November mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet und so seinen qualvollen Tod verursacht hat.

Der Verdacht schien der britischen Kronanwaltschaft ausreichend, um von Russland die Auslieferung des russischen Geschäftsmannes mit FSB-Stammbaum und guten Bekannten Litwinenkos, Aleksej Lugowoj, zu verlangen, um ihn in London wegen Mordes an Litwinenko anzuklagen. Lugowoj hatte Litwinenko in den „Mordtagen“ getroffen. Die offizielle Antwort der russischen Seite lautete: „Njet.“ Russische Staatsbürger dürften laut Verfassung nicht ausgeliefert werden. Hinzu kam das Interesse daran, schmutzige Wäsche der russischen Politik nicht ausgerechnet im Ausland waschen zu lassen.

Polonium 210 wurde wohl in Russland hergestellt

Nach dem Mord war bald klargeworden, um was für einen Stoff es sich handelte, der Litwinenko den Tod gebracht hatte. Nach dem Vergleich der Einzelheiten der Reisebewegungen der russischen Kontaktpersonen Litwinenkos mit den Polonium-Spuren in Flugzeugen und an verschiedenen Orten im Itinerar Lugowojs richtete sich der Mordverdacht immer stärker gegen Lugowoj selbst, und die Polonium-Spur schien nach Russland zu führen.

Video: Litwinenko - „Tod eines Dissidenten“

Es wurde berichtet, dass die Briten glaubten, das Polonium 210 sei in einem russischen Labor hergestellt worden, und dass dies nur mit Hilfe staatlicher Stellen habe geschehen können. Ebenso, dass die Durchschleusung des Poloniums durch die angeblich sichere und unter FSB-Aufsicht stehenden Spezialkontrollen auf den russischen Flughäfen in die Maschine, mit der Lugowoj nach London reiste, kaum ohne Wissen der „Firma“ hätte geschehen können.

Ermittler durften Lugowoj in Moskau befragen

Die internationale Öffentlichkeit reagierte, wenigstens im Westen, mit Entsetzen über russische Abgründe und sah den FSB, nach schlechter alter KGB-Tradition, im Ausland morden. Allerdings blieb das genaue Motiv für den Mord unklar. Dass der russische Geheimdienst Litwinenko auf dem Gewissen habe, hatte indessen bereits im Februar die russische „New Times-Nowoje Wremja“ behauptet und sich dabei auf Äußerungen eines kürzlich pensionierten hohen FSB-Offiziers berufen. Auftraggeber des Mordes soll demnach der stellvertretende Chef der Kremlverwaltung, Igor Setschin, ebenfalls ein ehemaliger Geheimdienstmann, gewesen sein, während der stellvertretende FSB-Vizedirektor Aleksandr Bortnikow die Organisation des Mordkomplotts geleitet haben soll.

Die stillschweigende Zustimmung der Führung (Putins?) soll angeblich erreicht worden sein, indem man Beresowskij und Litwinenko den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja in die Schuhe schob, den tschetschenische Rebellen ausgeführt haben sollten. Eine offizielle Reaktion aus dem Kreml oder vom FSB auf die Veröffentlichung blieb aus. Die Reporter sind noch am Leben. Schließlich wurde Ermittlern von Scotland Yard gestattet, Lugowoj in Moskau zu befragen.

Russische Staatsmacht folgt Lugowoj auf dem Fuß

Lugowoj ging vor kurzem zum Gegenangriff über und drehte den Spieß um. Die russische Staatsmacht folgte ihm dabei sozusagen auf dem Fuß und, wie aus dem Zylinder gezaubert, erschien mit Wjatscheslaw Scharko ein Zeuge auf der Bildfläche, der zumindest Teile der Version Lugowojs in Interviews bestätigte. Auf einer Pressekonferenz, die Lugowoj Ende Mai gemeinsam mit einem anderen russischen Bekannten Litwinenkos und möglichem Verdächtigen, Dmitrij Kowtun, gab, behauptete Lugowoj, Litwinenko und dessen Förderer, der russische Oligarch im Londoner Exil und eingeschworene Feind Putins, Beresowskij, seien vom britischen Geheimdienst MI 6 als Agenten angeworben worden.

Auch ihn habe Litwinenko, und zwar sicherlich auf Betreiben Beresowskijs, für die Briten anwerben wollen. Die Briten hätten geplant, hohe russische Beamte mit deren Privatkonten im Ausland zu erpressen, um sie dazu zu bringen, Material zu sammeln, das sich gegen Präsident Putin verwenden lasse. Insbesondere ein hoher Staatsfunktionär habe in diesem Sinne bearbeitet werden sollen, und Litwinenko habe Lugowoj bewegen wollen, Einzelheiten über diesen Mann, dessen Namen Lugowoj aber nicht nannte, zu sammeln. Er, Lugowoj, habe das jedoch abgelehnt. Beresowskij hatte im April behauptet, in „Kremlnähe“ Verbündete zu haben, die an einer Beseitigung des „Systems Putin“ interessiert seien.

Stehen Putin und der Kreml hinter dem Mord?

Lugowoj stellte Litwinenko als zunehmend verbitterten Menschen dar, der von seiner Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst und mit Beresowskij enttäuscht gewesen sei und sich in schlimmen Geldnöten befunden habe. Litwinenko habe der Kontrolle der Geheimdienstleute zu entgleiten gedroht, weshalb er von den Briten liquidiert worden sei. Die Mörder sitzen laut Lugowoj in London. Beresowskij habe bei dem Mordkomplott gegen Litwinenko höchstwahrscheinlich eine zentrale Rolle gespielt. Er selbst sei unschuldig. Die Briten hätten ihn mit Polonium kontaminiert, um eine Spur nach Russland zu legen. Sich freiwillig einem Prozess in London zu stellen, lehnte Lugowoj ab. Für die Briten stehe zu viel auf dem Spiel, als dass er auf einen fairen Prozess hoffen könne.

Beresowskij, dem in russischen Medien gleich nach dem Mord zumindest eine Verwicklung in den Mord unterstellt worden war, bestritt nach Lugowojs Auftritt umgehend, dass er Agent der Briten sei, und meinte, Lugowoj habe im Auftrag des Kreml Nebelkerzen geworfen. Aber das für den Mord an Litwinenko benutzte Polonium könne nun einmal nur vom (russischen) Staat hergestellt worden sein, weshalb die Spur eindeutig nach Russland führe. Hinter dem Mord an Litwinenko stünden der Kreml und Putin persönlich.

Wurde Bassajew bezahlt, um Dagestan zu überfallen?

Unmittelbar nach Lugowojs Pressekonferenz schaltete sich der stellvertretende Ministerpräsident Russlands, Arkadij Jedelew, in die Debatte ein und behauptete, Litwinenko sei seinerzeit aus dem Exil nach Tschetschenien mit dem Ziel gereist, Spuren und Zeugen der Zusammenarbeit seines Freundes Beresowskij mit dem tschetschenischen Terroristenführer Schamil Bassajew zu beseitigen, was ihm jedoch nicht gelungen sei. Vor dem zweiten Tschetschenien-Krieg, der im Herbst 1999 begann, war in manchen Medien behauptet worden, dass Beresowskij, damals noch einer der mächtigsten Männer Russlands, Bassajew bezahlt habe, damit dieser Dagestan überfalle, um die Empörung in der russischen Bevölkerung anzustacheln und deren Unterstützung für einen zweiten Waffengang zu gewinnen.

Bewiesen ist das nicht. Bassajew wurde im vergangenen Jahr getötet. Kowtun hatte Litwinenko zudem beschuldigt, dieser habe vor zwei Jahren den Überfall von nordkaukasischen Islamisten auf russische Sicherheitskräfte in der kabardino-balkarischen Hauptstadt Naltschik organisiert, bei dem Hunderte Menschen getötet wurden. Jedelew hieb in die Kerbe und meinte, einen länger nicht mehr gehörten Vorwurf der Russen über ausländische Unterstützung des Terrors erneuernd, die Untergrundkämpfer, die Naltschik überfielen, hätten Kontakte zu westlichen Geheimdiensten gehabt. Diesen habe an der Destabilisierung der nordkaukasischen russischen Teilrepublik gelegen.

„Mord, weil Litwinenko den Tschetschenen half“

Sakajew hat unterdessen in einem Gespräch mit dem Magazin „Kommersant Wlast“ ein anderes Bild von Litwinenkos Beziehungen zu Tschetschenien und dem Islam gezeichnet. Litwinenko sei nach seiner Flucht nach London weder nach Tschetschenien gereist, noch habe er sich in Istanbul mit Untergrundkämpfern getroffen oder etwas mit den Ereignissen in Naltschik zu schaffen gehabt. Aber wegen seines Abscheus gegen russische Greueltaten an der Zivilbevölkerung Tschetscheniens habe Litwinenko der tschetschenischen Untergrundregierung von Aslan Maschadow geholfen, diese Verbrechen aufzuklären und Verantwortliche namhaft zu machen.

Überdies habe Litwinenko den Tschetschenen Material über bevorstehende Operationen des FSB und darüber geliefert, wen die russischen Sicherheitsorgane gerade im Fadenkreuz hatten. Die Informationen habe Litwinenko von Kontaktleuten im FSB und im russischen Innenministerium erhalten. Einige davon hätten auf Litwinenko gezählt, um aus Russland zu fliehen. Litwinenko sei umgebracht worden, weil er den Tschetschenen geholfen habe, sagte Sakajew.

Inzwischen läuft die russische Gegenoffensive

Die Briten halten Einzelheiten ihrer Ermittlungen gegen Lugowoj zurück, um sie in einem Prozess als Beweismittel verwenden zu können. Daher kann bis auf weiteres über den oder die Täter, über Hintergründe des Mordes, die Organisatoren der Tat und mögliche Auftraggeber spekuliert werden. Genügend Enden von möglichen Handlungssträngen dieses Dramas sind ausgebreitet. Litwinenko hatte auf dem Totenbett Präsident Putin für den Mordanschlag verantwortlich gemacht. Im Westen vermuteten viele aufgrund der Spurensuche in den Medien, der FSB sei am Werk gewesen.

Inzwischen läuft aber die russische Gegenoffensive. Man baut den britischen Geheimdienst als Drahtzieher eines Komplotts gegen Russland und Putin auf. Litwinenko, von dem russische Politiker zuvor behauptet hatten, er sei nur ein kleines Rädchen im Räderwerk des FSB gewesen und habe über keinerlei relevantes Wissen oder wichtige Kontakte verfügt, die ihn zum Opfer eines Mordes hätten werden lassen können, wird nun, neben Beresowskij, zu einer Hauptfigur auf der Gegenseite hochstilisiert, die von den eigenen Bundesgenossen liquidiert wurde.

Quelle: F.A.Z., 13.07.2007, Nr. 160 / Seite 10
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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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