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Fall Litwinenko Beresowskij kennt die Gefahr

04.12.2006 ·  Vom „Paten des Kremls“ zum scharfen Kritiker: Welche Rolle spielt Boris Beresowskij bei dem Anschlag auf den früheren KGB-Mann Litwinenko? Der Wirtschaftsboß suchte von jeher erfolgreich die Nähe zu den Mächtigen der Welt.

Von Christiane Hoffmann
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Fast war es still um ihn geworden, nun ist er wieder in den Schlagzeilen: der russische Tycoon Boris Abramowitsch Beresowskij, dessen Name zusammen mit dem des ermordeten ehemaligen Agenten Alexander Litwinenko auf jener Todesliste stand, die der zwielichtige italienische Geheimdienstexperte Mario Scaramella Litwinenko am Tag seiner Vergiftung übergeben hatte. Spuren des Mordmittels Polonium-210 fanden sich später auch in Beresowskijs Büro, das der Vergiftete besucht hatte. Das war Anlaß genug für die russische Presse, den Putin-Gegner Beresowskij als möglichen Drahtzieher des Mordes ins Spiel zu bringen.

Die Bekanntschaft Beresowskijs mit Litwinenko reicht zurück in die Hochzeit des wilden postsowjetischen Kapitalismus, als mehr oder weniger zwielichtige „Bisnesmeny“ in halblegalen Nischen und gesetzfreien Räumen mit Hilfe von Staatsanleihen, Privilegien und einer chaotischen Privatisierung in kürzester Zeit zu Wirtschaftsmagnaten aufstiegen. Hinter den Kulissen versuchte der russische Geheimdienst FSB, Nachfolger des sowjetischen KGB, in den Verteilungskämpfen seinen Einfluß auf die russische Wirtschaft zu sichern.

Seit Bombenattentat Kontakt zu Litwinenko

Bereits die erste Bekanntschaft des Agenten mit Beresowskij im Jahr 1994 steht im Zusammenhang mit einem Mordattentat: Litwinenko, damals Agent einer geheimen Spezialeinheit des FSB, die sich mit organisiertem Verbrechen befaßt, ist an den Ermittlungen zu einem Bombenattentat auf Beresowskij beteiligt. Beresowskij, der als Autohändler auf dubiose Weise ein Vermögen erworben hat, überlebt das Attentat leicht verletzt, während die Bombe den Kopf seines Fahrers zerfetzt. Obwohl die Ermittlungen ergebnislos verlaufen, halten Beresowskij und Litwinenko fortan Kontakt.

Der Agent arbeitet weiter in jener Spezialabteilung, die sich zunehmend selbst der Methoden des organisierten Verbrechens bedient und sich immer mehr auf die „Liquidierung“ von mißliebigen Geschäftsleuten spezialisiert. Vier Jahre später, als Beresowskij im Zenit seiner Macht steht, warnt der FSB-Freund den Oligarchen, daß eine Abteilung des Geheimdienstes seine Ermordung plane. Beresowskij gelingt es, die Pläne zu durchkreuzen.

Zeit der Gerüchte und Intrigen

Es ist die Zeit der Gerüchte und Intrigen, der untrennbaren Verstrickung von Politik, Wirtschaft, Kriminalität und Geheimdienst. Es wird gemordet, aber so gut wie nie findet sich der Mörder. Es ist die Zeit, als das Zentrum der russischen Macht, das Arbeitszimmer des Präsidenten im Kreml, immer häufiger leer bleibt, während der sieche Jelzin, dem die „G 7“ der sogenannten Finanzoligarchen unter Führung Beresowskijs 1996 zur Wiederwahl verholfen hat, seine Zeit auf der Datscha, in Sanatorien und Krankenhäusern verbringt.

Es sind die großen Tage der „Umgebung“ des Präsidenten, der sogenannten Familie, des „häuslichen Politbüros“, wie jener kleine Kreis von Vertrauten in der russischen Presse genannt wird, zu dem auch Beresowskij gehört. „Wir helfen dem Präsidenten, Entscheidungen zu treffen“, sagt der Magnat.

Untrüglicher Sinn für menschliche Schwächen

Geschickt versteht er es, die einflußreiche Präsidententochter Tatjana Djatschenko zu seiner Verbündeten zu machen, angeblich durch luxuriöse Geschenke. Sein untrüglicher Sinn für menschliche Schwächen ist gepaart mit dem festen Glauben an die Berechenbarkeit und Käuflichkeit seiner Mitmenschen, einem überragenden Kommunikationstalent und einer für Russen gänzlich untypischen Geschmeidigkeit. Auf dem Höhepunkt seiner Macht gehören Beresowskij nicht nur das Ohr des Präsidenten und seiner Tochter, sondern auch Fernsehsender, Zeitungen, zahlreiche Unternehmen, darunter eine Bank und eine Ölgesellschaft, sowie das öffentliche Amt des stellvertretenden Sekretärs des nationalen Sicherheitsrats.

„Beresowskij ist unser Präsident“ titelt damals eine russische Zeitung. „Die besten Investitionen für einen russischen Geschäftsmann sind Investitionen in die Politik“, sagt er selbst. Wie kein anderer der mächtigen Wirtschaftsbosse bedient Beresowskij das Klischee des reichen und einflußreichen Juden, der im Labyrinth der russischen Macht die Fäden zieht. Schon damals bietet er eine ideale Projektionsfläche für Verschwörungstheorien.

Bestechung, Geldwäsche, Auftragsmorde

Immer wieder wird sein Name im Zusammenhang mit Bestechung, Geldwäsche und Auftragsmorden genannt. Niemals kann etwas nachgewiesen werden. Das Magazin „Forbes“, wo der Journalist Paul Chlebnikow Beresowskij 1996 als „Paten des Kremls“ betitelt, verliert den vom Angegriffenen angestrengten Prozeß. Chlebnikow wird 2004 ermordet.

In den Gefechten um die Nachfolge Jelzins, wo Beresowskij zunächst auf den langjährigen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin setzt, beginnt sein Stern zu sinken. Durchsuchungen seiner Firmenräume, Veröffentlichungen von kompromittierendem Material, ein Bestechungsskandal, in den auch der engste Familienkreis um den Präsidenten verwickelt ist, bringen ihn in Bedrängnis. Um den ihm feindlich gesinnten Kräften im Geheimdienst entgegenzutreten, fördert Beresowskij zunächst den Aufstieg des „liberalen“ Putin, überwirft sich aber bald mit ihm. Beresowskij, der noch aus der Zeit des ersten Tschetschenien-Kriegs enge Verbindungen zu den Separatisten unterhält, wird zum scharfen Kritiker von Putins aggressiver Tschetschenien-Politik.

Beresowskij nennt sich Platon Jelenin

Auch Litwinenko ist mit dem Vorgehen seiner Organisation in Tschetschenien nicht einverstanden, er bricht mit dem FSB und beschuldigt den Geheimdienst später, Bombenattentate auf russische Wohnhäuser 1999 selbst organisiert und den Tschetschenen angehängt zu haben. Als er vor sechs Jahren aus Rußland flieht, findet er in Beresowskij einen freundschaftlichen Unterstützer. Er wird Sicherheitsberater des Milliardärs und zieht zusammen mit Frau und Sohn in ein von dem Magnaten zur Verfügung gestelltes Haus, in dem auch andere Kreml-Gegner Unterschlupf finden, unter ihnen der tschetschenische „Außenminister“ Ahmed Sakajew.

Beresowskij selbst kehrt Ende 2000 ebenfalls nicht mehr nach Rußland zurück, sondern lebt mit seiner 25 Jahre jüngeren Frau und den zwei kleinen Kindern, die zuerst in ihr Anwesen bei Nizza übergesiedelt waren, in London. Der heute 60 Jahre alte Beresowskij nennt sich seit 2003 Platon Jelenin, nach dem Vornamen seiner Ehefrau. Er erhält politisches Asyl, widmet sich seinen weitläufigen Geschäften und versucht weiter, aber mit geringem Erfolg, Putin politisch zu schaden.

„Ich sehe das Leben als Geschenk“

Er sucht immer noch die Nähe zu den Mächtigen der Welt. Und er tut es weiter auf seine Weise: Seit einigen Jahren ist Beresowskij Geschäftspartner von Neil Bush, dem jüngeren Bruder des amerikanischen Präsidenten. Einmal wurden die beiden zusammen in Beresowskijs Loge im Emirates Stadium in London bei einem Fußballspiel gesehen. Im Herbst 2005 wird Beresowskij beschuldigt, die Wahlkampagne des westlich orientierten ukrainischen Präsidenten Juschtschenko mitfinanziert zu haben. Und zuletzt berichtet im September dieses Jahres die britische Presse über Ermittlungen der brasilianischen Polizei wegen mutmaßlicher Verwicklung Beresowskijs in einen Geldwäscheskandal, die aber wie üblich ergebnislos verlaufen.

In einer ersten Reaktion auf die Ermordung Litwinenkos hatte Beresowskij Putin beschuldigt, mittlerweile hält er sich zurück, will sich öffentlich nicht mehr äußern. Ihn beschäftigt die Frage, warum Litwinenko, und nicht er selbst zur Zielscheibe wurde. „Ich hatte elf Unfälle, die alle tödlich hätten ausgehen können“, hat er einmal gesagt. „Es wurden Attentate auf mich verübt, wo 15 Zentimeter von mir entfernt die Zündsätze Köpfe zerfetzten. Ich sehe das Leben als Geschenk. Deshalb sind die Risiken, die ich eingehe, viel höher als bei den meisten Menschen.“

Quelle: F.A.Z., 04.12.2006, Nr. 282 / Seite 3
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Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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