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Fall Kelly Kelly-Affäre: Schatten über Downing Street

23.07.2003 ·  Alastair Campbell, „Spin-Doktor“ der Blair-Regierung, scheint während am Rande der Kelly-Affäre die Regeln seiner Kunst vergessen zu haben. Die Öffentlichkeit glaubt dem Premierminister nicht mehr.

Von Bernhard Heimrich, London
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Spinnen am Morgen, Kummer und Sorgen. New Labour erlebt das aber anders. Am ersten Morgen der Regierung Blair, der im Frühsommer 1997 gedämmert hatte, war das Spinnen noch erquickend und labend gewesen. Sechs Jahre später, seitdem die Schatten länger sind, wird es dafür immer kümmerlicher und sorgenvoller. Mit der deutschen Spindel hat das freilich wenig zu tun, vielmehr geht es um den „spin", den Drall, den beispielsweise ein Tennisspieler dem Ball mitgibt. Aber hier wird nicht Tennis gespielt, hier wird mit Drall regiert.

Wahrscheinlich war es der schönste Morgen gewesen, den Tony Blair in 44 Jahren erlebt hatte. Zwischen Nacht und Tag hatte er seinen Wahlkreis Sedgefield verlassen und war in einem Privatflugzeug nach London geflogen. Wie viele waren da in Gedanken mit ihm! Im Auto, das ihn zur brodelnd gefüllten Royal Festival Hall im Zentrum brachte, hörten er und Alastair Campbell die erregte Stimme des übernächtigten Rundfunkansagers: "Tony Blair kommt! Er ist nur noch fünf Minuten entfernt!" Tony Blair kam, und mit ihm kam die Sonne. Das ist verbürgt, ein Zeuge hat den Augenblick festgehalten: „Als gerade die fahlen Finger der frühen Morgensonne über die Themse griffen, schaffte Blair sich in der Kakophonie der brausenden Menge Gehör."

„Ein neuer Tag“

Das war der Augenblick, an dem er die historischen Worte sprach: „Ein neuer Tag bricht an; ist das nicht wundervoll?" Über den Zufall, daß die neue Sonne, die neue Zeit und der neue Premierminister im selben Augenblick erschienen, gibt es zwei Versionen. Denn schon damals war die unbestechliche Sonne nicht nur über Bewunderern aufgegangen, sondern auch über Mäklern. Letztere wollen gesehen haben, daß die Limousine mit dem Sieger zur frühen Stunde geduldig so lange um das Geviert am Hyde Park gekreist sei, bis die Sonne aufging. Campbell hat das anders in Erinnerung: der Chauffeur hatte sich verfahren, war zuletzt auch noch in eine Einbahnstraße geraten und mußte wer weiß wie lange kurbeln, bis er schließlich das Portal fand. Übrigens wurde die festliche Stimmung bei der Ankunft von einem schrillen Schmerzensschrei gestört, denn Campbell war beim Aussteigen in der Begeisterung mit dem Fuß unter ein Rad gekommen. Blair stürmte nichtsahnend voran in die Halle, sein Helfer krümmte sich zuerst am Bordstein, hinkte dann aber tapfer eilends hinterher, denn Blair hatte das Manuskript vergessen.

In dieser hübschen Miniatur stimmen beide Fassungen überein. Nach sechs Jahren New Labour erscheint es vielleicht sogar plausibler denn je, daß Campbell zum Auftakt die Szene hinkend betreten habe, als hätte er ein kurzes Bein. Doch die übrige Wirklichkeit gibt es zweimal: einmal als Tatsache, einmal als "Spin". Aber auch das eigentlich Unbestreitbare und Nachprüfbare, die Ankunft zur gerade richtigen Zeit, sieht aus wie eine klassische "Spin"-Operation. Es ist die Kunst, die Wahrheit so passend zu machen, daß sie tatsächlich aussieht wie die Wahrheit.

Blairs Glaubwürdigkeitsproblem

Diese Kunstfertigkeit hat New Labour derart auf die Spitze getrieben, daß die Zauberei sich heute allmählich gegen den Meister wendet. Das ist, inmitten vieler Schichten von Politik und Kommunikation, der eigentliche Kern der Vertrauenskrise nach dem irakischen Krieg. Womöglich hatte Blair tatsächlich geglaubt, Saddam Hussein habe abschußbereite Raketen und Massenvernichtungswaffen in Hülle und Fülle. Womöglich hat er tatsächlich die Invasion befohlen, um „das Richtige zu tun", und nicht, um einen amerikanischen Kriegsnobelpreis zu gewinnen. Doch die Öffentlichkeit glaubt diesem Premierminister heute selbst dann nicht mehr, wenn er vielleicht die Wahrheit spricht.

Auf die Frage, ob die Regierung ehrlich gewesen sei, als sie vor dem Krieg Material über Saddams Massenvernichtungswaffen ausgebreitet habe, antworten in dieser Woche 64 Prozent der befragten Briten: Nein. Im Streit mit der BBC halten 18 Prozent zur Regierung und 54 zur Rundfunkanstalt. Und das ist nicht nur der akute Ärger, sondern eine chronische Enttäuschung. Bei einer früheren Vertrauensfrage ohne aktuellen Hintergrund hatten im November letzten Jahres nur sieben Prozent angekreuzt, sie vertrauten Tony Blair. Als die vertrauenswürdigste Person entpuppte sich, nebenbei bemerkt, ein schwarzer Nachrichtensprecher namens Trevor McDonald. An den Nachrichten kann es also nicht liegen, nicht einmal an den schlechten.

Harmonie für alle

„Spin" beginnt mit dem Werkstoff, also der Sprache. Irgendetwas an der Sprache dieser Regierung verrät dem herzlich überdrüssigen Ohr schon von weitem, daß da New Labour redet. Das ist kein Scherz der Opposition, diese „neue Sprache" beschäftigt sogar schon Linguistiker. Sie haben zwei Hauptregeln herausgefiltert. Die wichtigste sei: Immer Harmonie für alle. Falsche Synthesen sollen einen naturgegebenen Widerspruch scheinbar auflösen: „Ein Glaube an soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Dynamik, Ehrgeiz und Mitleid, Fairness und Unternehmergeist". Das Zitat aus einem Jahresbericht der Regierung verrät die zweite Regel: Verben nur im Notfall. Hauptwörter machen den Text mehr zum Appell, zur „Botschaft".

Eine New-Labour-Stilfibel für Minister und Beamte bietet Textbausteine an für neu-korrekte Redewendungen, die in Briefen, Verlautbarungen und Ansprachen zu verwenden seien. Diese Regierung will nicht "Wohnungen bauen", das war einmal; heute baut man „qualitativ hochwertige Wohnungen für jedermann". Die Kommunalverwaltung neuen Stils ist eine „moderne Kommunalverwaltung in enger Verbindung mit der Bevölkerung". Auf den Straßen sind nicht Autos unterwegs, sondern „sicherere Autos und sicherere Fahrer".

Das Werkzeug auf der nächsten Ebene ist die Sprachregelung. Das jüngste Beispiel ist die Formel, die Tony Blair heute benutzt, wenn er über Massenvernichtungswaffen spricht: er sei nach wie vor fest überzeugt, daß man Beweise für Programme für Massenvernichtungswaffen finden werde. Diese Wendung hatte er zum erstenmal in der letzten Fragestunde des Unterhauses beiläufig eingestreut; seither wird sie in allen offiziellen Verlautbarungen eingesetzt. Wiederholt man sie nur oft genug, wird das Publikum sich vielleicht bald gar nicht mehr daran erinnern, daß es eigentlich darum geht, die Waffen selbst zu finden, und zwar einsatzbereit innerhalb von 45 Minuten. Das schließlich ist die dritte und letzte Regel, und die ist alles andere als neu: man muß der Öffentlichkeit die jeweilige "Botschaft" so lange einhämmern, bis sie diese tatsächlich annimmt. Dasselbe Sprachstellwerk reguliert alle strittigen Themen und Malaisen vom Gesundheitssystem über die Kleinkriminalität bis zur Europapolitik.

Mitwirkung der Medien

Doch dieses Stellwerk, in dem „Botschafter" Campbell so kunstvoll jongliert hatte, braucht die Mitwirkung der Medien; und an dieser kritischen Weiche ächzt es heute in allen Fugen. Die Regierung Blair war in den ersten Jahren von den Zeitungen, vor allem den Boulevardblättern, unterstützt worden wie keine andere Labourregierung zuvor. Heute sind sie durch die Bank noch feindseliger, als ihre Vorgänger in den trübsten Zeiten der Regierung Callaghan gewesen waren. Der „Mirror", das klassische Hausblatt der Partei, ist heute geradezu giftig. Der Flirt mit der „Daily Mail", der Boulevardzeitung des kleinbürgerlichen Mittelstands, ist lange vorbei; aus ihren Seiten schlägt Blair geradezu Haß entgegen. Die „Sun", um deren Besitzer Murdoch Blair und Campbell einmal erfolgreich gebuhlt hatten, hat nicht nur ihren Chef gewechselt, sondern auch ihre Linie. Als man in der Downing Street um den Jahreswechsel den ersten Leitartikel der neuen Chefredakteurin las, sind die Gesichter immer länger geworden: „Es wird höchste Zeit, zu sagen, daß wir die Nase voll haben!" New Labour habe überall versagt. Kriminalität, Erziehung, Sozialwesen, Gesundheitsversorgung, Steuern und Einwanderung sind die Worte dieses Menetekels. Und dabei ist Rebekah Wade sogar eine persönliche Freundin von Frau Blair. Da ist doch irgendetwas aus dem Ruder gelaufen, irgendetwas hat seine Wirkung verloren. Am Ende Alastair Campbell selbst?

Er scheint die wichtigste Regel seiner Kunst vergessen zu haben. Der Kommunikator wirkt nur hinter der Szene, nicht auf ihr. Bei aller Umtriebigkeit müssen Campbell und seine Assistenten so etwas sein wie die Kinderschar einer viktorianischen Familie: man sieht sie, aber man hört sie nicht. Doch dieser „Kommunikationsdirektor" und „Berater für die strategische Öffentlichkeitarbeit der Regierung" hat den Streit um die Massenvernichtungswaffen zu einer Kontroverse zwischen seiner Person und der BBC umfunktioniert. Auch das kann natürlich „spin" sein, denn solange dieser Nebenschauplatz die Aufmerksamkeit fesselt, ist die Öffentlichkeit von der Kernfrage abgelenkt und damit auch von seinem Klienten Blair. Sollte das vielleicht das Abschiedsgeschenk für seinen Freund Tony werden? Entlassen könnte der Premierminister seinen Vertrauten nicht, dafür weiß Campbell zuviel. Aber aus dem belagerten Regierungsbunker dringen in letzter Zeit immer öfter Hinweise, er trage sich mit dem Gedanken, „auch einmal etwas anderes zu machen". Beileibe nicht jetzt gleich, das sähe aus wie eine Flucht, aber vielleicht im Herbst. Seine Lebensgefährtin Fiona Millar, die ebenfalls zum Stab der Blairs gehört, verläßt demnächst die Downing Street. Um seine Zukunft brauchte Campbell sich nicht zu sorgen. Schon die Memoiren würden ihn zum Millionär machen. Doch vorher hat er mit seinem Musterschüler noch etwas vor. Der Premierminister, so der neueste Ideenblitz des Spindoktors, sollte beim nächsten London-Marathon mitlaufen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2003, Nr. 168 / Seite 3
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