http://www.faz.net/-gpf-8usds
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 22.02.2017, 12:13 Uhr

Fake News Von Russland lernen, heißt lügen lernen

Früher hießen sie anders, aber es gibt sie schon lange: manipulierte Nachrichten. Die russischen Geheimdienste sind Meister in dieser Disziplin. Ihre Falschmeldungen halten sich bis heute.

von
© Eastblockworld.com Zur Abwechslung keine Ente: Werni und Gordi flogen im Juli 1985 wirklich für die Russen ins Weltall.

Fake News ist kein Begriff, den jemand noch aus der eigenen Kindheit kennt. Es gibt ihn erst seit kurzem. Aber das Konzept, das dahintersteht, ist wohlbekannt: Manipulieren der öffentlichen Meinung durch das Verbreiten von Falschmeldungen. Neu an Fake News ist, dass sie fast ausschließlich im Internet zu lesen sind. Sie verbreiten sich schneller und einfacher als Falschmeldungen in der Vergangenheit. Manchmal lesen Hunderttausende eine Lüge und halten sie für die Wahrheit, bevor die klassischen Medien und öffentliche Stellen es überhaupt mitbekommen. Und selbst dann ist es häufig zu spät für eine Richtigstellung.

Moritz Eichhorn Folgen:

Anfang letzten Jahres verschwand in Berlin die dreizehn Jahre alte Lisa F. Ihre Eltern meldeten sie als vermisst. Am nächsten Tag tauchte das russlanddeutsche Mädchen wieder auf und erzählte, sie sei von „Südländern“ vergewaltigt worden. Später wies die Polizei nach, dass Lisa die Nacht bei ihrem 19 Jahre alten Freund verbracht hatte. Doch da war es schon zu spät. Russische Staatsmedien beschuldigten die deutsche Regierung, das Verbrechen zu vertuschen. Hunderte Russlanddeutsche demonstrierten vor dem Kanzleramt. Russlands Außenminister Lawrow schaltete sich ein. Noch heute wird der Fall in Internetforen von Russlanddeutschen als vertuschtes Verbrechen gesehen.

 
#fakenews sind keine neue Erfindung: Seit 100 Jahren verbreitet Russland manipulierte Nachrichten

Das ist nur ein Beispiel russischer Desinformation. Seit mehr als hundert Jahren manipulieren russische Geheimdienste Medien anderer Länder mit selektiven Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lügen. Andere Staaten tun das auch, aber niemand ist so erfolgreich wie die Russen. Das hängt auch damit zusammen, dass es für russische Dienste leichter ist, in der freien westlichen Presse Falschmeldungen unterzubringen als für einen westlichen Geheimdienst in der zensierten russischen Presse. Zwar werden die Lügen in der westlichen Presse irgendwann enttarnt, aber in Russland könnten westliche Lügen gar nicht erst erscheinen.

Mehr zum Thema

Russlands Nachrichtendienste nennen solche Manipulationen „aktive Maßnahmen“. Aktiv, weil sie das Gegenteil vom passiven Sammeln von Informationen sind. Durch gezielte Irreführung versuchen die Dienste, die öffentliche Meinung und Politik im Westen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Bei den aktiven Kampagnen wird die Wahrheit in unterschiedlichem Ausmaß gebeugt. Manchmal sind es nur Veränderungen von Nuancen. Es geht aber immer darum, einem bekannten Ereignis oder einer Entwicklung entweder eine andere Ursache zuzuschreiben oder sie in eine andere Richtung zu lenken. Wahrheit und Dichtung werden vermischt. Das macht es schwierig, solche Lügen zu widerlegen.

Stasi verbreitete Lügen über Viren

Heute ist bekannt, dass die antijüdische Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ höchstwahrscheinlich aus einer Kooperation zwischen zaristischen Geheimdiensten und antisemitischen Gruppen entstand. Trotzdem führen manche Kreise das Dokument noch immer als Beleg einer geheimen jüdischen Weltverschwörung an. Erst im Sommer letzten Jahres schrieb der Konstanzer AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon auf seiner Website: „Bei objektivem Vergleich der widerstreitenden Ansichten über diese ,Protokolle‘ sieht es eher nicht nach Fälschung aus.“ Und so ist es mit vielen Märchen, die russische Geheimdienste in die Welt gesetzt haben. Obwohl sie den Russen nicht mehr nützlich sind, leben sie trotzdem weiter.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Im Dissens vereint

Von Nikolas Busse

Der pompöse Empfang, den Macron Putin bereitet hat, wirkt nach außen hin wie der Versuch eines Neustarts in den Beziehungen Frankreichs und Russland. Aber da sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Mehr 18