23.04.2008 · Seit Wochen belastet die Olympische Fackel, die an diesem Donnerstag durch Canberra getragen wird, das Verhältnis zwischen Australien und China. Australiens Premier Rudd beschwichtigt nun. Er braucht China als wichtigen Handelspartner.
Von Jochen Buchsteiner, Delhi„Wie eine Tonne Backsteine“ werde es auf die Demonstranten niederprasseln, sollten sie während des Fackellaufes Gewalt anwenden, warnte der australische Premierminister Kevin Rudd am Mittwoch. Dies war nicht nur als Drohung gegenüber potentiellen Unruhestiftern gemeint, sondern auch als Versicherung gegenüber Peking. Denn die olympische Flamme, die an diesem Donnerstag durch die australische Hauptstadt getragen wird, belastet die Beziehungen beider Länder schon seit Wochen.
Ungeklärt ist vor allem, welchen Spielraum die chinesischen Fackelwächter haben werden, die am Mittwoch in Australien eingetroffen sind. Nachdem sie in London und Paris handgreiflich gegen Demonstranten vorgegangen waren, hatte ein australischer Polizeisprecher zu Protokoll gegeben, dass den Männern in den blauen Trainingsanzügen in Canberra die Festnahme drohe, sollten sie dort abermals zuschlagen. Regierungschef Rudd wiederholte die Formel, dass „allein die australische Polizei“ für die Sicherheit der Fackel zuständig sei. Peking reagiert scheinbar stoisch. Wenn es der Schutz der Flamme verlange, würden die chinesischen Sicherheitskräfte natürlich auch ihre „Körper einsetzen“, bekräftigte am Mittwoch Chinas Botschafter in Canberra, Zhang Junsai.
Ein Verhältnis, das sich stürmisch entwickelte
An Personen, die am Fackellauf politisch Anteil nehmen, mangelt es nicht. Menschenrechte sind für Australier ein ähnlich sensibles Thema wie für Europäer und Amerikaner; seit Wochen machen Tibet-Unterstützergruppen für diesen Donnerstag mobil. Zugegen sein werden aber auch zahlreiche Chinesen, von denen viele einen australischen Pass besitzen. So stark ist die Einwanderergruppe aus der Volksrepublik in den vergangenen Jahren angewachsen, dass schon eine Abkürzung für sie im Umlauf ist: ABC - „Australian-born Chinese“.
Im Umgang mit China gilt es für Australien viele Interessen zu berücksichtigen. Seit die beiden Länder in den frühen siebziger Jahren formal diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, entwickelte sich das Verhältnis stürmisch. Mittlerweile hat China Japan hinter sich gelassen und ist zu Australiens wichtigstem Wirtschaftspartner aufgestiegen. Die schnell wachsende chinesische Volkswirtschaft wiederum hängt vor allem von den Bodenschätzen Australiens ab. Allein Chinas Bedarf an Eisenerz wird zu 40 Prozent aus Westaustralien gedeckt.
Rudd geht weiter auf China zu
Die so entstandene Nähe droht die politischen Koordinaten zu verschieben. Traditionell sieht sich Australien an der Seite der Vereinigten Staaten, die aber in China eine Bedrohung ihrer Vormachtstellung in Asien erkennen. Mit dem informellen Sicherheitsdialog, den Australien mit Amerika und Japan führt - zwischenzeitlich gehörte auch Indien dazu -, will Canberra deutlich machen, wo es sich politisch verortet.
Aber um China nicht zu vergrätzen, das die Runde der pazifischen Demokraten als ein gegen sich gerichtetes Eindämmungsinstrument betrachtet, sah sich Canberra im vergangenen Herbst genötigt, Peking einen bilateralen Strategie-Dialog anzubieten. Die neue Regierung Rudd ging noch einen Schritt weiter auf China zu und gab im Februar bekannt, dass man zum Trialog ohne die Atommacht Indien zurückkehren wolle. Dass er gleichzeitig eine Ankündigung der konservativen Vorgängerregierung rückgängig machte und nun doch kein Uran an Indien liefern lassen wird, dürfte Peking als Geste ebenfalls gefallen haben.
Ein gelungener Balanceakt
Rudd wird nachgesagt, dass er unter den drei Pfeilern der australischen Außenpolitik - Amerika, Europa und China - letzterem die größte Bedeutung beimisst. Das hat auch mit seiner Person zu tun. Peking war der erste diplomatische Posten des studierten Sinologen. Als er den Auswärtigen Dienst verließ, bereiste er die Volksrepublik weiterhin - nun als Wirtschaftsberater. Rudd spricht nicht nur fließend Mandarin, er hat aus eigener Anschauung ein Gefühl für die regionale und globale Bedeutung der aufstrebenden Macht entwickelt.
Während seines Staatsbesuchs Mitte des Monats gelang ihm der Balanceakt, in Peking zugleich die „schwerwiegenden Menschenrechtsprobleme in Tibet“ anzusprechen und seine Gastgeber gewogen zu halten. Als Zauberwort führte er vor Studenten in der Universität Peking den altchinesischen Begriff „zhengyou“ ein, der eine „wahre tiefe Freundschaft“ beschreibt, die über aktuelle Interessen und Meinungsverschiedenheiten erhaben ist. Rudds Bemühen, sich langsam als Makler zwischen China und dem Westen aufzubauen, ist unübersehbar, aber erst mal erwartet die fragile Freundschaft an diesem Donnerstag eine weitere Belastungsprobe.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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