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F.A.Z.-Interview „Albanien und das Kosovo sind erst in der EU vereint“

15.02.2008 ·  Der albanische Ministerpräsident Sali Berisha spricht im F.A.Z.-Interview über eine Lösung für das Kosovo, seine Null-Toleranz-Politik gegen Kriminelle und die Beitrittspläne Albaniens zur Nato und EU.

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Der albanische Ministerpräsident Sali Berisha spricht im F.A.Z.-Interview über eine Lösung für das Kosovo, seine Null-Toleranz-Politik gegen Kriminelle und die Beitrittspläne Albaniens zur Nato und EU.

Herr Ministerpräsident, wäre es aus Ihrer Sicht nicht logischer, wenn sich das Kosovo und Albanien zu einem Staat zusammenschlössen?

Das ist sehr hypothetisch. Tatsache ist, dass diese Option über Jahrzehnte existiert hat. Albanische Territorien wurden voneinander getrennt, obwohl es sich um geschlossene Sieldungsgebiete handelte, in denen Albaner die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Aber das halbe Jahrhundert der fast vollkommenen Trennung und die Diktatur in Albanien, die viel härter war als Titos in Jugoslawien, haben mit dazu geführt, dass die Albaner im Kosovo nach Unabhängigkeit streben und die Möglichkeit einer Vereinigung mit Albanien immer weniger beachtet haben. Die Albaner im Kosovo haben für ihre Unabhängigkeit gekämpft. Bewegungen für eine Vereinigung mit Albanien haben sowohl in Prishtina als auch in Tirana nur wenige hundert Stimmen erhalten. Ich sehe kein Potential für den Zusammenschluss beider Länder. Für heute gilt, dass alle in Albanien die Unabhängigkeit des Kosovos wollen. Und für morgen gilt, dass wir in der Europäischen Union vereint sein werden.

Warum gibt es in der Region und einigen westlichen Hauptstädten dann Furcht vor der Entstehung Großalbaniens?

Der Balkan setzt sich aus kleinen Völkern zusammen. Die Albaner sind fast so groß wie die anderen Völker auf dem Balkan. Es gibt aber deshalb keinen Grund, vor ihnen Angst zu haben.

Es wird also auch in zwei oder drei Jahrzehnten auf dem Balkan keine direkte Grenze zwischen Serbien und Albanien geben?

Ich denke nicht. Es könnte einige territoriale Arrangements zwischen dem Kosovo und Serbien geben, aber damit hätte Albanien nichts zu tun.

Manche hielten es für unangebracht, dass Präsident Bush voriges Jahr ausgerechnet in Tirana die Unterstützung Washingtons für ein unabhängiges Kosovo öffentlich verkündet hat.

Albanien ist das Land mit dem größten Interesse an einer Lösung für das Kosovo. Außerdem hat Bush in Albanien die Albaner besucht, und die leben auch im Kosovo. Deswegen hat er diese Aussage hier gemacht. Das war ein historischer Zug.

Sie haben angekündigt, Albanien werde die Kosovaren unterstützen, wenn Serbien das Kosovo blockiert. Wie soll diese Unterstützung ausfallen?

Wir haben unsere Möglichkeiten geprüft und Pläne vorbereitet. Einer unserer Häfen wird dem Kosovo rund um die Uhr kostenfrei zur Verfügung stehen. In anderen Häfen wird in drei Schichten gearbeitet werden, wenn es nötig sein sollte. Wenn es erforderlich ist, werden dem Kosovo auch unsere Flughäfen zur Verfügung stellen. Mazedonien und Montenegro werden auch helfen. Daher dürfte diese Blockade nicht zu schmerzvoll sein.

Albanien baut eine Autobahn ins Kosovo. Wann soll sie fertig sein?

Im kommenden Jahr. Das ist ein Korridor von größter Bedeutung für den gesamten westlichen Balkan, der die Region verändern wird. Mit dieser Verbindung werden albanische Häfen auch für Sofia und Südserbien die besten Absatzpunkte sein.

Ein anderes außenpolitisches Ziel Albaniens ist die Nato-Mitgliedschaft. Griechenland droht, eine Einladung Mazedoniens zum Beitritt auf dem Gipfel der Allianz im April zu blockieren, wenn es keine Einigung im Namensstreit zwischen den beiden Staaten gibt. Gefährdet das auch Albaniens Aussichten?

Seit zwei Jahren wird uns zugesichert, dass die Entscheidung über die Einladung zum Nato-Beitritt auf der gesonderten Bewertung der Leistung eines jeden Anwärters beruht. Außerdem scheint es eine Vereinbarung über die Erweiterung der Nato zu geben. Drittens hoffe ich, dass Mazedonien und Griechenland eine Lösung finden. Aber das ist eine semantisch-politische Frage zwischen zwei Staaten. Kein anderes Land hat Interesse daran. Die Geschichte scheint mir manchmal wie ein Geist der aus Vergangenheit zu sein, der immer noch in der Region spukt. Eines der größten Probleme zwischen Griechenland und Mazedonien ist die Frage, wem Alexander der Große gehört. Ich halte das für Unsinn.

Fernziel Albaniens ist der EU-Beitritt. Der jüngste Fortschrittsbericht aus Brüssel fiel allerdings durchwachsen aus.

Der Bericht ist zunächst einmal eine Bestätigung dafür, dass die Regierung eine sehr lange Liste an Fragen abgearbeitet hat. Natürlich bleiben Fragen, denn es wäre unmöglich gewesen, die gesamte Liste innerhalb des Jahres abzuarbeiten, den der Bericht umfasst. Von Oktober 2006 bis Oktober 2007, dem Berichtszeitraum, haben sich viele Dinge in Albanien verändert. Nehmen wir die sogenannten Kopenhagener Kriterien – dazu sagt der Bericht, dass die albanische Regierung die Menschen- und Minderheitenrechte achtet. Auch zur Frage einer funktionierenden Marktwirtschaft heißt es, dass die Regierung sich weder direkt noch indirekt in den privaten Sektor einmischt.

Erwähnt wird aber auch, dass Maßnahmen der Regierung gegen Korruption in der Justiz zu einem anhaltenden Konflikt zwischen Exekutive und Legislative geführt haben. Gemeint ist der Fall des Generalstaatsanwalts, der auf Betreiben der Regierung entlassen wurde.

Wir haben durch diese Entlassung ein Hindernis für die Justizreform beseitigt. Wir kamen an die Macht in einem Land, in dem die organisierte Kriminalität schreckliche Wirklichkeit war. Es war der schädlichste Faktor für den Ruf meines Landes und für das Leben der albanischen Bürger. Wir haben eine Null-Toleranz-Politik eingeführt, und ein Blick auf die Kriminalstatistiken zeigt, dass Albanien vergleichsweise gut dasteht. Wie aber konnte die organisierte Kriminalität in Albanien so mächtig werden? Weil sie eine Symbiose mit der Macht eingegangen war. Und einer jener, die dies ermöglicht haben, war der frühere Generalstaatsanwalt. Das ist nun vorbei.

Sali Berisha, geboren 1944, war Kardiologe, bevor er sich im Jahr 1990 mit der Forderung, alle Stalin-Denkmäler in Albanien zu entfernen, zum Führer der antikommunistischen Opposition im rückschrittlichsten Staat des Balkans aufschwang. Als Vorsitzender der bei der Parlamentswahl siegreichen Demokratischen Partei (PD) wurde Berisha 1992 zum Staatspräsidenten gewählt.

Auf dem Höhepunkt der albanischen Transformationskrise musste er 1997 jedoch zurücktreten. Erst durch den Sieg der PD bei der Parlamentswahl im Juli 2005 gelang ihm die Rückkehr zur Macht. Seither führt Berisha das Land als Ministerpräsident. Als seine wichtigsten außenpolitischen Ziele bezeichnet Berisha den Beitritt seines Landes zur Nato und die weitere Annäherung an die EU, mit dem Fernziel der Vollmitgliedschaft. (tens.)

Das Gespräch führte Michael Martens.

Quelle: F.A.Z.
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